Qigong in der Trauerarbeit

Bernadette Calenberg ist als Qigonglehrerin freiberuflich im Bereich Gesundheit/Entspannung und in der Trauerbegleitung tätig. Sie arbeitet ehrenamtlich für den Kölner Verein TrauBe (Trauerbegleitung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene). Portrait, Calenberg
Der Verlust eines geliebten Menschen kann das Leben radikal verändern. Nichts fühlt sich mehr vertraut an, oft dominieren Schock, Erstarrung und eine tiefe innere Lähmung. Gerade in der Erwachsenenbildung, in der biografische Brüche und Risse Raum finden, stellt sich die Frage: Wie können Erfahrungsräume gestaltet werden, die Menschen in solchen Lebensphasen unterstützen?
Der Ansatz von Bernadette Calenberg liegt im Qigong – eine jahrtausendealte Praxis aus der Traditionellen Chinesischen Medizin. Übersetzt bedeutet „Qi“ Lebensenergie, „Gong“ steht für beharrliches Üben. Im Kern geht es also darum, die eigene Lebenskraft bewusst zu pflegen und in Fluss zu bringen.
Wie würden Sie das Qigong-Üben mit Trauernden beschreiben?
Es ist eine sanfte Einladung, dem Stillstand des Todes mit ruhigen, fließenden Bewegungen zu begegnen. Qigong kann Trauernden helfen, innerlich in Bewegung zu kommen, wieder Tritt zu fassen, um herauszufinden aus dem tiefen Loch. Man übt in der Hoffnung, dass sich die Erstarrung allmählich lösen kann, und man vertraut darauf, dass die langsamen, sich wiederholenden Bewegungen des Körpers nach und nach auch das Innere, die Seele, erreichen und den Trauerprozess auf positive Weise begleiten.
Zwischen Akzeptanz und Veränderung
Ein zentrales Prinzip im Qigong ist das Zusammenspiel von Gegensätzen: Ruhe und Bewegung, Spannung und Entspannung, Loslassen und Aktivität. Diese Dynamik spiegelt sich auch im Trauerprozess wider. Verlust und Neubeginn sind keine Gegensätze, sondern Teil eines kontinuierlichen Wandels.
Für die Bildungsarbeit eröffnet sich hier ein wertvoller Ansatz: Qigong kann helfen, Akzeptanz nicht als passives Erdulden, sondern als aktiven Prozess zu erleben. Indem Teilnehmende lernen, sich auf Bewegung einzulassen, erfahren sie, dass Veränderung möglich ist – in ihrem eigenen Tempo.
Rituale der Selbstfürsorge
Die Übung kann als heilsames Ritual in der Trauer gesehen werden. Die Sequenz von fließenden Bewegungen wird so lange geübt, bis der Ablauf als intuitives Körperwissen gespeichert ist. Nach einer gewissen Zeit »passieren« Schritte und Bewegungen wie von selbst. Das Denken tritt in den Hintergrund, das Spüren in den Vordergrund. Man lässt sich tragen vom Fluss der Übung. Es ist leicht vorstellbar, dass diese Art der ruhigen körperlichen Betätigung einem Trauernden gut tun, Halt und Sicherheit geben kann in einer Situation, in der alles aus den Fugen zu geraten scheint. Diese Erfahrung kann als Ressource wirken. Teilnehmende berichten häufig, dass sie sich während der Übungen „getragen“ fühlen oder für einen Moment Abstand von belastenden Gedanken gewinnen. Qigong wird so zu einer Form praktizierter Selbstfürsorge.
Bewegung als Zugang zur Seele

Credit: leoon liang
Trauer zeigt sich nicht nur emotional, sondern auch körperlich: Schlaflosigkeit, innere Unruhe oder Verspannungen sind häufige Begleiter. Qigong setzt genau hier an. Durch langsame, wiederholende Bewegungen wird der Körper sanft aktiviert – ohne Leistungsdruck, ohne Zielorientierung.
Gerade diese Reduktion wirkt: Während der Geist oft kreist, schafft der Körper einen Zugang zu etwas Grundlegendem – dem Spüren. Die Übungen laden dazu ein, aus der inneren Starre herauszutreten und wieder in Bewegung zu kommen. Dabei entsteht eine Form von Stabilität, die nicht kognitiv erarbeitet, sondern körperlich erfahren wird.
Rhythmus der Natur
Die Natur kann in ihrer Schönheit, Erhabenheit und ihrer Kraft etwas sehr Tröstliches sein und Geborgenheit geben. Es ist nicht unbedingt notwendig, Qigong unter freiem Himmel zu üben, um das Gefühl des Eingebundenseins in die Natur entstehen zu lassen.
Bilder, die tragen
Einen Bezug zu den natürlichen Kräften schaffen vor allem die vielfältigen inneren Bilder, die das Üben begleiten: sei es die Vorstellung von der Ruhe des Mondes, der Verwurzelung des Baumes, der Leichtigkeit der ziehenden Wolken und des Vogels, der sich mit kraftvollen Flügeln emporschwingt. Sie eröffnen einen imaginativen Raum, der besonders für Menschen in Trauer zugänglich sein kann: Worte fehlen oft – Bilder hingegen wirken unmittelbar.
Diese Verbindung von Körper, Atmung und Vorstellungskraft schafft einen ganzheitlichen Prozess. Teilnehmende erfahren sich nicht nur als denkende, sondern als fühlende und wahrnehmende Menschen.
Wo liegen die Grenzen?
So wirksam Qigong sein kann: Es ist kein Allheilmittel. Nicht jeder Mensch findet Zugang zu meditativen, langsamen Praktiken. Entscheidend sind Freiwilligkeit und die Offenheit, sich auf innere Prozesse einzulassen. Qigong sollte als Angebot verstanden werden – als Einladung, neue Erfahrungen zu machen. Gelingt dies, kann es ein kraftvolles Instrument sein, um Menschen in schwierigen Lebensphasen zu begleiten.
Denn manchmal beginnt Veränderung mit einer kleinen, achtsamen Bewegung.
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