Kategorie: Gesellschaft verantworten (Seite 1 von 4)

Arm, weil Frau – warum Armut in Deutschland ein Geschlecht hat und was sich ändern muss

Prof. Dr. Susanne Völker, Soziologin und Genderforscherin an der Universität Köln, beim Vortrag zum AKF-Frühjahrstreffen 2026 – sie legte die strukturellen Ursachen weiblicher Armut offen.

Es war ein voller Saal. Mehr als 40 Frauen kamen am Dienstag, 21. April 2026, zum AKF-Frühjahrstreffen ins Haus der Evangelischen Kirche in Köln. Das Thema des Abends: Frauen und Armut. Warum sind Frauen häufiger von Armut betroffen als Männer? Und warum wird der Unterschied mit zunehmendem Alter größer?

Antworten lieferten die Soziologin und Genderforscherin Prof. Dr. Susanne Völker von der Universität Köln und Karolin Kalmbach vom Institut für Gender Studies – GeStik – ebenfalls an der Uni Köln. Ihr gemeinsamer Vortrag bildete den Auftakt des Abends. Anschließend kamen drei Kölnerinnen zu Wort, die täglich mit dem Thema arbeiten: Karin Hofmann von „Frauen gegen Erwerbslosigkeit e.V.“, Eva Pohl vom DGB-Stadtfrauenausschuss und Waltraud Brandt vom Kreisfrauenausschuss des SoVD. Die Moderation lag bei Barbara von der Mark. Dr. Marita Alami hat die Notizen des Abends zusammengefasst.

Wenn Fähigkeiten weniger wert sind – weil sie von Frauen kommen

Deutschland als Wohlfahrtsstaat ist im internationalen Vergleich konservativ. Er ist geprägt von einem traditionellen Familienbild der Hausfrauenehe und der Vorstellung, dass gesellschaftliche Integration ausschließlich über Erwerbsarbeit erfolgt. Der arbeitsmarktpolitische Ansatz vom „Fördern und Fordern“ ignoriert die Care-Arbeit, die mehrheitlich von Frauen geleistet wird – und führt so zu dem, was Völker „vergeschlechtlichte Armut“ nennt. Hinzu kommt: Menschen mit Sorgeverpflichtungen zeigen eine geringere politische Teilhabe und einen höheren „Abrieb von Leben“ – gemeint ist der Verschleiß von Lebensenergie und Gesundheit. Ein Begriff, der trifft, was viele Frauen täglich spüren.

Karolin Kalmbach vom Institut für Gender Studies – GeStik – an der Uni Köln beim gemeinsamen Vortrag: Wie Geschlecht und Armut zusammenhängen.

Völker und Kalmbach führten in die strukturellen Ursachen ein. Ein zentraler Begriff dabei: „versämtlicht“ – geprägt von der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm (1831–1919). Gemeint ist die Tendenz, Frauen als homogene Gruppe zu behandeln und ihnen pauschal Fähigkeiten zuzuschreiben, die gesellschaftlich geringer bewertet werden als kulturell erworbene oder zertifizierte Fähigkeiten. Häufig werden werden diese Fähigkeiten als „naturgegeben“ angesehen. Das zeigt sich bis heute: Unbezahlte Care-Arbeit wird kaum anerkannt. Berufe, die mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden, sind schlechter bezahlt als solche, die mehrheitlich von Männern ausgeübt werden. Gender-Pay-Gap und Gender-Pension-Gap sind die Stichworte – sie werfen Schlaglichter auf ein Gesamtbild, das von Privilegien und Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts zeugt.

Die Zahlen sind erschreckend. Die Einkommensunterschiede in Deutschland sind so hoch wie nie seit 1984, als das DIW Berlin begann, jährlich sozioökonomische Daten zu erheben. 2022 lebten 17,7 % der Bevölkerung in relativer Armut, 11,08 % in strenger Armut. Frauen sind in beiden Gruppen überrepräsentiert. Demgegenüber erreicht der Bevölkerungsanteil der Reichen mit 8,3 % einen neuen Höchstwert – 2 % sind superreich. Die Schere öffnet sich weiter, und die aktuell geplanten gesetzlichen Änderungen werden daran nichts verbessern. Im Gegenteil.

Mehr als 40 Frauen kamen ins Haus der Evangelischen Kirche in Köln – ein Zeichen, wie drängend das Thema Frauen und Armut ist.

Keine Frau ist wie die andere – und kein Problem ist einfach

Karin Hofmann machte deutlich: Es gibt nicht „die Frau“, nicht „die Migrantin“, nicht „die Alleinerziehende“. Die Beratungssituationen bei „Frauen gegen Erwerbslosigkeit“ sind in den vergangenen Jahren weitaus komplexer geworden. Frauen kommen nicht mehr mit einer einzelnen Frage – sie kommen mit vielfältigen, miteinander verknüpften Problemen. Sprache, digitale Kenntnisse, Wohnsituation, Gesundheit, Schulden, fehlende Kinderbetreuung, Gewalterfahrung – all das kann daran hindern, erwerbstätig zu sein. Und: Der Arbeitsmarkt ist gegenüber Migrantinnen oft geschlossen – unabhängig davon, ob sie in einer schwierigen Situation sind oder nicht. Oft werden sie mit den abstrusesten Vorbehalten konfrontiert.

Mini-Jobs, Ehegattensplitting, Teilzeitfalle – wer zahlt den Preis?

Eva Pohl (DGB-Stadtfrauenausschuss) und Waltraud Brandt (Kreisfrauenausschuss des SoVD) beim Kurzinterview – zwei Expertinnen, die täglich erleben, was Armut für Frauen und Kinder in Köln bedeutet.

Eva Pohl beleuchtete die gewerkschaftliche Perspektive. Mini-Jobs – zu 60 % von Frauen ausgeübt – führen meist zu keinen Renteneinzahlungen. Das Ehegattensplitting macht Teilzeitarbeit für verheiratete Frauen scheinbar attraktiv, schadet aber langfristig der Rente. Besser wäre ein Familiensplitting, bei dem Steuererleichterungen nicht an die Heirat, sondern an die Zahl unterhaltsberechtigter Kinder gekoppelt sind. Ideal wäre zudem eine paritätische Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit. Einen ersten Schritt bietet das ElterngeldPlus: Bis zu 36 Monate werden bezuschusst, in denen beide Elternteile bis zu 32 Stunden pro Woche erwerbstätig sind. Noch besser wäre die „Dynamische Familienarbeitszeit“, bei der das Familieneinkommen bis zum Schuleintritt der Kinder bezuschusst wird – um den Gender-Care-Gap und den Gender-Pay-Gap gezielt zu verringern.

Waltraud Brandt schließlich nahm auch die Kinder in den Blick. Kürzungen bei Transferleistungen treffen immer auch sie. Und Kinder selbst sind in Deutschland ein Armutsrisiko für Frauen – in der Erwerbsphase durch Teilzeit, im Alter durch fehlende Rentenpunkte. Der Anteil der Frauen an den versicherungspflichtig Beschäftigten erreicht die 47 % nicht – und 50 % arbeiten in Teilzeit. Das Durchschnittseinkommen aller Rentenversicherten hat damit wenig mit den tatsächlichen Einkommen der Frauen zu tun. Das Wort von der „Teilzeitfalle“ bekommt vor diesem Hintergrund eine ganz andere, sehr ernste Bedeutung.

Nach den Vorträgen blieb Zeit für Gespräche und Netzwerken – wie bei jedem AKF-Frühjahrstreffen. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Melanchthon-Akademie Köln statt.

Armut und Frauen in Köln

Weitere Infos zur Veranstaltung in Kooperation mit der Melanchthon-Akademie Köln unter:

http://www.melanchthon-akademie.de.

https://april.akf.koeln

Frauen und Armut in Köln – Vortrag und Austausch_21.04.2026

 

Text: APK / Marita Alami

Foto: APK / Marita Alami

Lesung mit deutsch-israelischer Autorin Sarah Levy am 4. Mai: „Kein anderes Land“

Die deutsch-israelische Autorin und Journalistin Sarah Levy liest am Montag, 4. Mai, 19 Uhr, in der Karl Rahner Akademie, Jabachstraße 4-8, Köln, aus ihrem Buch „Kein anderes Land, Aufzeichnungen aus Israel“. Sarah Levy schildert, wie der Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 ihr Leben als junge Mutter in Tel Aviv veränderte und wie Radikalisierung und Polarisierung ein ganzes Land prägen.

Ist das noch mein Land? Diese Frage stellt sich Sarah Levy, seit sie erlebt, wie Israels rechtsnationale Regierung die israelische Gesellschaft spaltet. Dann attackiert die Hamas das Land am 7. Oktober 2023. Auf brutale Weise ändert der Krieg das Leben, das die junge Mutter in Tel Aviv führt. Sie flieht mit Partner und Kind in ihre Heimat Frankfurt und muss dort erkennen, dass Deutschland nicht mehr ihr Land ist. Doch das Israel, in das sie zurückkehrt, kämpft um seine Seele. Freunde tragen plötzlich Waffen, Verwandte wünschen Palästinensern die Auslöschung, Nachbarn unterstellen ihr, die Soldaten zu verraten. Der Kriegsalltag zwischen Schutzbunker und allgegenwärtigem Verlust führt Levy an ihre Grenzen – als Mutter und als Partnerin, aber auch als Deutsche, die jetzt verstehen muss, dass das Land, das sie zum Leben gewählt hat, die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft mit den Palästinensern schon lange verloren hat. Wer wird mein Sohn, fragt sie sich, wenn er hier aufwächst? Sarah Levy beschreibt mit kritischem Mitgefühl, wie Radikalisierung und Polarisierung ein Land verändern – und letztlich auch sie selbst.

Ein Interview mit Sarah Levy:

Frau Levy, Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Sie zwischen zwei Ländern – Israel und Deutschland – das Gefühl der Heimat verloren haben. Was braucht ein Mensch, um irgendwo wirklich anzukommen?

Sarah Levy: Heimat ist für mich kein Ort, an dem ich ankomme, sondern wo ich herkomme – das wird immer Deutschland sein. Dort bin ich aufgewachsen, dort bin ich groß geworden. Heute lebe ich in Israel, aber Zuhause wird immer der Ort sein, wo mein Kind ist, wo mein Partner ist – und wo wir gemeinsam entscheiden zu leben. Momentan ist das Israel, aber wer weiß, was die Zukunft bringt.

Sie stellen sich die Frage, wer Ihr Sohn wird, wenn er in diesem von Krieg und Radikalisierung geprägten Israel aufwächst. Was wünschen Sie sich für die nächste Generation – sowohl in Israel als auch in Deutschland – und welche Rolle kann Bildung dabei spielen, Polarisierung entgegenzuwirken?

Sarah Levy: Ich wünsche mir für meinen Sohn, dass er sich nicht von der Angst leiten lässt. Dass er stets den Menschen sieht, und kein Volk, keine Gruppe als Ganzes für schlecht oder böse hält, oder ausschließlich gut. Wie weit ich das in der Hand habe, daran zweifle und verzweifle ich jeden Tag ein bisschen mehr. Die israelische Gesellschaft in diesen Tagen ist durchdrungen von Trauma und Gewalt: Ultraorthodoxe gehen auf Soldatinnen los, gewalttätige Siedler auf arabisch-israelische Schülerinnen und Schüler, rechte Aktivisten bedrohen Holocaustüberlebende, Demonstrierende und Journalisten, zum Teil an deren Haustür. Die Politik befeuert die gesellschaftliche Spaltung. Das einzige, was dagegen anhilft, sind Begegnungen mit Menschen, die nicht so sind wie ich, nicht so aussehen, nicht so leben, nicht so beten, oder nicht so sprechen wie ich. Wir müssen Unterschiede aushalten, solange wir gemeinsame Werte teilen. So etwas kann Bildung fördern, ein Stück weit. Aber gerade Eltern müssen ihre eigenen Vorurteile, rassistische Gedanken und eigene Traumata hinterfragen und erkennen, um sie nicht an ihre Kinder weiterzugeben.

Sie beschreiben in Ihrem Buch sehr offen Ihre Zerrissenheit zwischen Deutschland und Israel. Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben: Diese innere Frage „Ist das noch mein Land?“ verändert nicht nur meinen Blick auf Politik, sondern auch mein Selbstverständnis als Mutter und als Deutsche?

Sarah Levy: Mutter eines Sohnes zu sein in Israel bedeutet höchstwahrscheinlich, einen zukünftigen Soldaten großzuziehen. Bleiben wir in Israel, wird er zur Armee gehen müssen. Diese Gewissheit allein wiegt schwer. Ich selbst stelle mir jeden Tag die Frage, was für ein Israeli will ich sein? Mein israelischer Schwager hat mich als „Verräterin“ bezeichnet, weil ich ein Video geteilt habe, in dem Demonstrierende in Tel Aviv Poster von getöteten Kindern in Gaza hochgehalten haben. Er meinte: „Dies ist nicht mal dein Land, du bist hergekommen um zu stören.“ Mein Schwager glaubt, wie so viele hier, sein Land zu lieben, bedeute unrechte Taten der Armee, der Politik nicht anzuprangern. Ich glaube, als Deutsche mit einer jüdischen und einer nicht-jüdischen Familie ist es für mich leichter, Komplexität auszuhalten. Zu akzeptieren, dass eine Armee mich schützen kann und gleichzeitig Kriegsverbrechen begehen. Wird mein Sohn diese Komplexität aushalten können, wenn er hier aufwächst, mit all dem Militarismus, dem Trauma, der Angst und dem Rassismus, die uns als Gesellschaft hier derzeit durchdringen? Mein Partner und ich haben entschieden, dass wir im Oktober, wenn die nächsten Knessetwahlen anstehen, noch einmal wählen gehen müssen – und uns nach dem Wahlergebnis entscheiden: Ist das noch das Land, in dem wir leben wollen? Lautet die Antwort nein, müssen wir uns leider eine weitere Frage stellen: Ist Deutschland noch das Land, in dem Juden frei leben können?

Eine Kooperationsveranstaltung der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V. mit der Melanchthon-Akademie Köln und der Karl Rahner Akademie Köln.

ÜBER DIE AUTORIN

Sarah Levy, geboren 1985, besuchte die Henri-Nannen-Journalistenschule und schreibt als freie Journalistin u.a. für DIE ZEIT. Seit 2018 koordiniert sie das Projekt stopantisemitismus.de, das über Antisemitismus im Alltag aufklärt und Hilfestellung bietet, und arbeitet für diverse Stiftungen.

Der Eintritt kostet 8 Euro, ermäßigt 6 Euro. Eine Anmeldung unter anmeldung@koelnische-gesellschaft.de ist erforderlich.

www.melanchthon-akademie.de

Frühjahrstagung „Warum werden Menschen rechtsradikal?“: Theologin Philine Lewek über neurechte Netzwerke

Theologin Philine Lewek.

Theologin Philine Lewek.

Rechtsradikale Einstellungen sind längst kein Randphänomen mehr. Wahlerfolge extremistischer Parteien, rassistische Gewalt und antisemitische Ressentiments stellen Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt vor enorme Herausforderungen. Was treibt Menschen in rechtsradikale Denk- und Gefühlswelten? Welche psychologischen, sozialen und theologischen Faktoren wirken dabei – und wie kann Prävention gelingen? Diesen Fragen widmet sich die Frühjahrstagung 2026 „Warum rechtsradikal? Ursachen, Motive und Prävention“, die am 13. und 14. März 2026 in Köln stattfindet. Veranstaltet wird sie gemeinsam von der Melanchthon-Akademie und der C. G. Jung-Gesellschaft Köln.

Am Samstag, 14. März, stehen bei der Tagung Fachvorträge und Workshops im Mittelpunkt. Die Theologin Philine Lewek beleuchtet um 11.15 Uhr das Phänomen eines „neurechten Christentums“ und politische Deutungsmachtkonflikte.

In neurechten Netzwerken in Deutschland und Österreich ist eine Trendwende zu beobachten. Während sich klassische extrem rechte Organisationen eher an einem germanischen Neuheidentum orientiert haben, positionieren sich zentrale Protagonist*innen der Neuen Rechten und der AfD mittlerweile als „christlich“. Der Vortrag beleuchtet dieses neurechte Christentum, zeigt theologische Argumentationen und fragt nach den Konflikten, die durch die Präsenz von neurechten politischen Theologien entstehen.

Frau Lewek, was sind die neuesten Tendenzen in neurechten Netzwerken in Deutschland und Österreich?

Philine Lewek: Ungefähr seit 2000 ist zu beobachten, dass es in Knotenpunkten der Neuen Rechten eine Art Positionierung als „christlich“ gibt. Das war vorher nicht in diesem Maße der Fall. Sowohl im traditionellen Rechtsextremismus war eher ein germanisches Neuheidentum verbreitet. Und auch bei strategischen Stichwortgebern der Nouvelle Droite spielt das Christentum eher keine zentrale Rolle – dort findet sich eher ein europäisches Neuheidentum. In der deutschsprachigen Neuen Rechten sieht man inzwischen jedoch durchaus eine Wende hin zu einem affirmativen Zugriff auf christliche Begriffe und Theologien. Das würde ich als Trendwende beschreiben. 

Warum ist es so wichtig, neurechte politisch-theologische Argumentationen öffentlich zu thematisieren und wissenschaftlich zu analysieren? 

Philine Lewek: Ich denke, das ist vor allem im Hinblick auf die Konflikte wichtig, die wir führen werden. Neurechte politische Theologien haben andere Voraussetzungen als kirchliche oder akademische Theologien. Es ist wichtig, diese Tendenz wahrzunehmen: nämlich neurechte Interpretationen des Christentums, die andere Prämissen setzen, nicht wissenschaftlich rückgebunden sind und sich nicht in derselben Weise einer konsistenten Argumentation verpflichtet fühlen. Aufgrund dieser anderen Voraussetzungen geraten sie notwendig in Konflikt mit kirchlichen oder akademischen theologischen Zugängen. Um diese Konflikte gut und konstruktiv führen zu können, ist es sinnvoll, sich damit zu beschäftigen. 

Welche Probleme und Konflikte entstehen für Kirchen und die Zivilgesellschaft durch die Vereinnahmung christlicher Symbolik? 

Philine Lewek: Wenn man es konkret macht, würde ich sagen: Probleme entstehen vor allem innerhalb von Kirchengemeinden, weil man dort mit den organisatorischen Fragen der Konflikte beschäftigt ist. Etwa: Wie ist das mit Funktionen und Verantwortung? Wie ist es mit Gemeindekirchenratsmitgliedern, die öffentlich die AfD unterstützen? Geht das – und wollen wir das als Gemeinde? Daraus entstehen Konflikte, die gut geführt werden müssen.

Termin der Tagung: 13.–14. März 2026
Ort: Haus der evangelischen Kirche, Köln
Kosten: 95 Euro (inkl. Catering)

Weitere Informationen und Anmeldung:
www.melanchthon-akademie.de
www.cgjung.org

enschen rechtsradikal?“: Theologin Philine Lewek über neurechte Netzwerke

Warum werden Menschen rechtsradikal? Frühjahrstagung im März beleuchtet Ursachen, Motive und Prävention

Rechtsradikale Einstellungen sind längst kein Randphänomen mehr. Wahlerfolge extremistischer Parteien, rassistische Gewalt und antisemitische Ressentiments stellen Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt vor enorme Herausforderungen. Was treibt Menschen in rechtsradikale Denk- und Gefühlswelten? Welche psychologischen, sozialen und theologischen Faktoren wirken dabei – und wie kann Prävention gelingen?

Diesen Fragen widmet sich die Frühjahrstagung 2026 „Warum rechtsradikal? Ursachen, Motive und Prävention“, die am 13. und 14. März 2026 in Köln stattfindet. Veranstaltet wird sie gemeinsam von der Melanchthon-Akademie und der C. G. Jung-Gesellschaft Köln.

Die Tagung bringt Expert*innen aus Psychologie, Medizin, Theologie und politischer Bildungsarbeit zusammen und verbindet wissenschaftliche Analyse mit praxisnahen Perspektiven. Ziel ist es, Radikalisierungsprozesse besser zu verstehen und konkrete Handlungsmöglichkeiten für Gesellschaft, Kirche und Zivilgesellschaft aufzuzeigen.

Zum Auftakt am Freitag, 13. März, wird im ODEON-Lichtspieltheater der Spielfilm „Mit der Faust in die Welt schlagen“ gezeigt. Im anschließenden Filmgespräch gibt ein Berater von NinA NRW Einblicke in Ausstiegsarbeit aus extrem rechten Strukturen.

Am Samstag, 14. März, stehen Fachvorträge und Workshops im Mittelpunkt. Dr. Matthias Gabriel analysiert rechtsextreme Mythen im 21. Jahrhundert und ihr Radikalisierungspotenzial. Die Theologin Philine Lewek beleuchtet das Phänomen eines „neurechten Christentums“ und politische Deutungsmachtkonflikte.

Praxisnahe Workshops widmen sich dem Umgang mit rechten Parolen, den psychologischen Mechanismen von Fremdenangst sowie der Stärkung von Menschen und Organisationen in Bedrohungssituationen.

Termin: 13.–14. März 2026
Ort: Haus der evangelischen Kirche, Köln
Kosten: 95 Euro (inkl. Catering)

Weitere Informationen und Anmeldung:
www.melanchthon-akademie.de
www.cgjung.org

Charlotte Horn: „TelefonSeelsorge bedeutet: Da sein für Menschen in Not“

Pfarrerin Charlotte Horn ist seit Mai 2025 die Leiterin der Evangelischen TelefonSeelsorge Köln. Sie hat mit Antje Rinecker, Studienleiterin für Spiritualität und Engagement, gesprochen.

Was hat Sie veranlasst, sich auf diese Stelle zu bewerben?

Charlotte Horn.

Charlotte Horn.

Charlotte Horn: Viele Jahre lang war ich ehrenamtlich Telefonseelsorgerin – neben meinem Beruf als Schulpfarrerin an einem Kölner Gymnasium. Der ehrenamtliche Dienst am Telefon hat mich über die Jahre geprägt. Die Gespräche am Telefon waren bewegend. Und ich konnte sie in der Supervisionsgruppe besprechen; die Supervisionen helfen, diese Eindrücke zu verarbeiten, eigene Muster zu erkennen und sich weiterzuentwickeln. Ich habe gelernt, bewusster zu reagieren und innerlich gelassener zu werden. Für dieses schöne und auch anspruchsvolle Ehrenamt werden alle bei uns in einer einjährigen Ausbildung qualifiziert und anschließend durch regelmäßige Supervisionen und Fortbildungen begleitet und unterstützt. Unter anderem für die Organisation dieser fachlichen Begleitung bin ich nun  als Leiterin zuständig.

Warum ist TelefonSeelsorge wichtig?

Charlotte Horn: TelefonSeelsorge bedeutet: Da sein für Menschen in Not. Manche, die anrufen, sind in einer akuten Krise, andere leiden über lange Zeit und rufen dann auch häufiger an. Es geht um Themen, die sonst „auf der Rückseite unseres Alltags“ bleiben: Menschen rufen an, weil sie niemanden haben oder weil sie ihre Familie oder den Freundeskreis mit ihrem Problem nicht immer neu belasten wollen. Oder auch, weil sie gerade wegen der Anonymität hier ihre Scham überwinden können, über das zu sprechen, was sie bedrückt.

Was könnte mich motivieren, bei der TelefonSeelsorge ehrenamtlich mitzuarbeiten?

Charlotte Horn:  Wer bei uns ehrenamtlich mitarbeiten will, sollte offen und lebenserfahren sein, sich auf andere Menschen ohne Wertung einstellen können. Man muss psychisch belastbar sein und bereit, sich mit sich selbst und den eigenen Krisen auseinanderzusetzen und Neues zu lernen. Der Einsatz umfasst 15 Stunden pro Monat, auch Nachtdienste. Da wir anonym und verschwiegen arbeiten, kann man mit diesem Ehrenamt keine öffentliche Anerkennung bekommen – jedenfalls nicht persönlich. Wertschätzung erfahren wir in der TS-Gemeinschaft daher vor allem voneinander. Eine unserer Supervisorinnen hat uns neulich ein schönes feedback gegeben: „Ich blicke hier in so viele schöne Gesichter. Gesichter, die von innen leuchten.“ Vielleicht hat diese Wahrnehmung auch damit zu tun: in diesem Ehrenamt sind Menschen bereit, sich immer neu auch mit sich selber und ihren Lebensthemen auseinanderzusetzen. Nur wer sich selber vertieft kennt, auch die eigene Verletzlichkeit, kann bei anderen angstfrei genau hinhören, was Sache ist. Und weil wir persönliche Themen miteinander besprechen, schweißt das natürlich zusammen. So ist  für viele die Verbundenheit untereinander das Rückgrat ihres Telefondienstes. Wir erleben diese Verbundenheit bei gemeinsamen Fortbildungen, Supervisionen, bei Gottesdiensten und bei Festen, die wir feiern. Da wird es dann auch mal lustig und leicht und beschwingt. Humor ist eine wichtige Kraftquelle.

Was sind in Ihren Augen die brennendsten Themen?

Charlotte Horn: Ein besonderes Thema am Telefon sind Suizidgedanken und Suizidabsichten.  Dass es die TelefonSeelsorge gibt, liegt (auch) an der Unerträglichkeit des Phänomens Suizid. Menschen töten sich selbst – aus akuter Verzweiflung, in schwerster Depression. Wahrscheinlich hätte es in den allermeisten Fällen eine andere Lösung gegeben. Denn Menschen wollen in der Regel nicht tot sein, sie wollen nur nicht so weiterleben, wie sie es gerade tun müssen. Die TelefonSeelsorge begleitet auch Menschen in tiefster Verzweiflung, um ihnen ein Innehalten zu ermöglichen. Damit sie im Gespräch über das Unerträgliche ihrer Situation vielleicht eine Perspektive finden, die ihnen das Weiterleben ermöglicht. Deshalb werden alle Mitarbeitenden bei der TelefonSeelsorge für Gespräche mit Menschen in suizidalen Krisen geschult und weitergebildet. Unsere Mitarbeitenden können das Thema sensibel aufgreifen, und sie können es auch aktiv ansprechen, wenn es notwendig erscheint.

Das Thema unseres Programmheftes heißt für dieses Halbjahr: „Reparierbar?“ Was fällt Ihnen im Zusammenhang mit der TelefonSeelsorge dazu ein?

Charlotte Horn: Bei uns geht es nicht ums Reparieren. Wiederkehrende Themen am Telefon sind: Überforderung, mangelnde Anerkennung, Scham.  Weitere Themen sind: Beziehungsprobleme, Krankheit, Trauer, Einsamkeit, Stress, Ängste. Es rufen uns Menschen aller Altersgruppen an, manche mehrmals über Wochen, manche einmal. Unsere Haltung ist: wir wissen nicht die Lösung, aber wir unterstützen dabei, dass die Anrufenden  sich sortieren, aussprechen, Kontakt spüren –  und den nächsten Schritt im eigenen Alltag für sich finden. Aktuell wirbt sogar ein deutscher Rapper in einem seiner Videoclips am Ende darum, sich in der Not an die Telefonseelsorge zu wenden (apache207, Song: Mann muss). In dem Song geht es  um die gesellschaftlichen Zwänge, unter denen viele Jungs und Männer leiden, weil sie mit einem schwierigen Bild von Männlichkeit einhergehen. Am Ende des  Videoclips wird  die Nummer der Telefonseelsorge eingeblendet. Hier darf man sich – am Telefon –  auch mal schwach und verletzlich zeigen, das ist die Botschaft.

Alle Infos finden Sie hier:   Evangelische TelefonSeelsorge Köln – Evangelischer Kirchenverband Köln und Region

Buchvorstellung & Gespräch mit Arnd Henze: „Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht“ mit Arnd Henze und Gäst:innen

Portrait Arnd Henze: Annika Graeff.

Portrait Arnd Henze: Annika Graeff.

Toxische Religiosität: Ohne die christlichen Nationalisten wäre Donald Trump nicht ins Weiße Haus gewählt worden. Doch was hält diese unheilige Allianz schon seit zehn Jahren zusammen? Gemeinsame Inhalte sind es wohl nicht — der Präsident kennt nur sich selbst als Inhalt. Das Verbindende ist die Sehnsucht nach Rache: An der liberalen Gesellschaft und am demokratischen Rechtsstaat, die ihren Allmachtsphantasien immer wieder Grenzen gesetzt haben.

Der Journalist und Publizist Arnd Henze beobachtet die religiöse Rechte in den USA und ihre Netzwerke in andere Länder schon lange. Er analysiert die Strategien, mit denen sie nach dem Mord an Charlie Kirk ihre Macht langfristig sichern wollen. Für die Kirchen und die Zivilgesellschaft ist es höchste Zeit zu erkennen: Das Gift des Christlichen Nationalismus bedroht die Demokratie nicht nur in den USA.

Cover vom Gütersloher Verlagshaus zur Verfügung gestellt.

Cover vom Gütersloher Verlagshaus zur Verfügung gestellt.

In seinem neuen Buch „Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht“ wendet sich Arnd Henze diesem hochaktuellen Thema zu. Das Buch erscheint am 11. März 2026 im Gütersloher Verlagshaus. Am Vorabend des offiziellen Veröffentlichungstermins stellt der Autor die Publikation im Rahmen einer Kooperationsveranstaltung von AmerikaHaus NRW e.V., Melanchthon-Akademie, Evangelische Akademie im Rheinland und Karl Rahner Akademie im Haus der Evangelischen Kirche in Köln, Kartäusergasse 9-11, der Öffentlichkeit vor. Im Anschluss findet ein Gespräch mit Thomas Rachel (MdB, Mitglied im Rat der EKD) und anderen Gäst:innen statt.

Zu dieser Premiere, zu Buchvorstellung und Gespräch mit anschließendem Empfang, laden wir herzlich ein:

Dienstag, 10. März 2026, Beginn 19.30 Uhr

Buchvorstellung & Gespräch: „Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht“ mit Arnd Henze und Gäst:innen (Nr. 262162H)

 

„Menschenrechte stark machen! Menschenrechte machen stark!“: Interview mit Maike Nadar

Maike Nadar.

Maike Nadar.

Maike Nadar ist Expertin im Bereich Kinder- und Menschenrechte. Seit mehreren Jahren ist sie enge Kooperationspartnerin der Melanchthon-Akademie in diesem Themenfeld. Studienleiter Dr. Stefan Hößl führte ein Gespräch mit ihr.

Maike, seit Langem arbeitest Du mit der MAK zusammen im Themenfeld „Menschenrechte“. Zusammen haben wir z. B. einen Fachtag zur Kritik des Antisemitismus gestaltet und im Rahmen der Reihe „Liebe ist politisch!“ hast Du ein menschenrechtlich fundiertes Plädoyer für den Respekt vor unterschiedlichen Formen der Liebe formuliert hast. Viele Menschen aus dem Akademie-Umfeld kennen Dich insofern schon. Für die anderen: Bitte stelle Dich kurz vor.

Maike Nadar: Ich bin Sozialarbeiterin. Seit 2024 baue ich – zusammen mit Anna Bahr – an der Universität Rostock das Transferzentrum Kinderrechte & Kinderschutz auf. Im Zentrum unserer Arbeit stehen Kinder und Jugendliche als Rechtssubjekte und Gestalter:innen unserer Gesellschaft. Wir setzen uns dafür ein, die Menschenrechte von Kindern und Jugendlichen in der Gesellschaft bekannter zu machen und umzusetzen.

Auf Menschenrechte wird immer wieder Bezug genommen. Um was genau geht es da?

Maike Nadar: Menschenrechte sind Rechte, die allen Menschen gleichermaßen allein aufgrund ihres Menschseins zustehen und in der Würde eines jeden Menschen gründen. Wie in der UN-Behindertenrechtskonvention beschrieben, muss es allen Menschen ermöglicht werden, ein Bewusstsein ihrer Menschenwürde zu entwickeln.

Wenn Du auf die aktuellen Entwicklungen blickst – wie nimmst Du diese wahr?

Maike Nadar: Ich ziehe eine sehr nüchterne Bilanz. Es steht sehr ernst um Menschenrechte, Freiheit und Demokratie! Menschenrechte waren nie auch nur halbwegs verwirklicht, aktuell befinden sie sich in einer fundamentalen Krise. Mit Rückschlägen musste immer gerechnet werden. Die Idee der Menschenrechte wurde in der Vergangenheit von einem Glauben an eine langsame, aber stetig positive Entwicklung getragen. Dieser Rückenwind scheint aktuell auszubleiben, wie Heiner Bielefeldt, der von 2010 bis 2016 Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit des UN-Menschenrechtsrats war, attestiert.

… trotzdem sollte an der Idee der Menschrechte unbedingt festgehalten werden…

Maike Nadar: Ja klar. Es gibt gute Gründe für mehr menschenrechtliches Selbstbewusstsein! Denn Menschenrechte sind plausibel und haben Überzeugungskraft. Wir müssen Menschenrechte ernst nehmen, denn menschenrechtliche Verträge sind mehr als politische Ziele oder ethische Leitlinien. Sie sind in Deutschland bindendes Recht. Menschenrechte leben von Menschen, die von ihrem Sinn überzeugt und bereit sind, politisch dafür einzustehen und deren Plausibilität immer wieder argumentativ darzulegen, gegen Angriffe, Missverständnisse, Verdrehungen und Einwände zu verteidigen. Menschenrechte stellen, mit Waltraut Kerber-Ganse gesprochen, eine Vision und einen Maßstab dar, der schon heute gilt und „der im Hier und Jetzt“ umzusetzen ist. Es geht bei Menschenrechten um Standards, die neben der juristischen und ethischen auch eine politische Dimension besitzen, aus denen gesellschaftliche Konsequenzen resultieren, die nicht vergessen werden dürfen. In der Quintessenz bedeutet das: Menschenrechte machen stark, aber wir müssen uns immer wieder auch für sie stark machen!

Fachtag Menschenrechte. Jetzt erst RECHT!

Mit Prof. Dr. Janieta Bartz,
Prof. Dr. Dr. h.c. Heiner Bielefeldt,
Prof. Dr. Christoph Gille,
Saloua Mohammed,
Maike Nadar &
Prof. Dr. Joachim Söder.

Mi, 29.04. 12-20 (10 UStd)

Dieser Kurs kostet 10 Euro

Nr. 2129H

Haus der Ev. Kirche, Kartäusergasse 9-11

Ein „Wir der vielen“ – Altenberger Forum diskutiert über Flucht und Migration

Bildungsreferent Dr. Stefan Hößl.

Studienleiter Dr. Stefan Hößl. Foto: Sammy Wintersohl

Flucht, Migration und gesellschaftliches Zusammenleben prägen seit Jahren die öffentliche Debatte. Anlässlich des 30. Altenberger Forums „Kirche und Politik“ sprach Studienleiter Dr. Stefan Hößl von der Melanchthon-Akademie in Köln im Vorfeld der Veranstaltung über seine Perspektive auf das Thema. Für ihn beginnt die zentrale Herausforderung nicht an den Grenzen Europas, sondern darin, wie hierzulande über Migration gesprochen wird.

„Deutschsein“ neu denken: Hößls Plädoyer für ein „Wir der vielen“

Aus Stefan Hößls Sicht wird der Begriff des „Deutschseins“ immer noch zu eng gefasst. „Ich denke, dass es eine ganz zentrale Herausforderung ist, die Bedeutung von Migration auch dahingehend zu verstehen, dass die deutsche Gesellschaft seit jeher eine in verschiedener Hinsicht diverse und plurale war“, sagt er im Interview. „Ein ‚Wir der vielen‘ mit sehr unterschiedlichen Geschichten, Sprachen und religiösen Bezügen.“

Kritik an verkürzter Rhetorik und problematischen Begriffen

Impressionen vom 30. Altenberger Forum. Foto: Martin Bock.

Impressionen vom 30. Altenberger Forum. Foto: Martin Bock

Genau dieses „Wir der vielen“ ist für ihn in der Diskussion um das Thema Migration entscheidend. Für den Studienleiter enthält es vielfältige Perspektiven, unterschiedliche Lebensgeschichten und ein gemeinsames Nachdenken über gesellschaftliche Zukunft. Die öffentliche Debatte erlebt Hößl jedoch kritisch. Viele Diskussionen seien geprägt von verkürzten Zuschreibungen oder politischen Stimmungen. Besonders problematisch findet er Begriffe wie „Stadtbild“, die in politischen Debatten zunehmend genutzt werden. Er fragt: „Wer ist ‚Wir‘ – wer soll in unserem öffentlichen Raum präsent sein, wer gehört dazu und wer nicht?“ Diese Debatte sei aus seiner Sicht irreführend und diene letztlich nur dazu, politischen Zuspruch zu generieren – auf Kosten eines respektvollen gesellschaftlichen Miteinanders.

Kirche als Akteurin für gesellschaftlichen Zusammenhalt

Impressionen vom 30. Altenberger Forum. Foto: Martin Bock.

Impressionen vom 30. Altenberger Forum. Foto: Martin Bock

Für die Kirche ergibt sich nach Stefan Hößls Ansicht daraus die klare Aufgabe, Haltung zu zeigen. Als Studienleiter setzt er sich dafür ein, dass Kirche als starke Partnerin der Zivilgesellschaft sichtbar wird – als Akteurin, die Menschen stärkt, statt sie in Kategorien einzuordnen. Es gehe nicht um wirtschaftliche Nützlichkeit, nicht um eine Diskussion über Belastungen oder Vorteile, sondern um das Menschenbild, das dem gesellschaftlichen Miteinander zugrunde liegt. „Wir reden hier nicht mehr über Herausforderungen und Chancen, wir müssen tatsächlich über eine plurale Gesellschaft, ein gemeinsames Wir sprechen“, sagt er. „Das ist für mich viel, viel elementarer, anstatt sozusagen Menschen auf ihren Mehrwert zu reduzieren.“

Migration als Normalität – nicht als Ausnahmezustand

Dr. Stefan Hößl verweist darauf, dass Migration zur Geschichte der Gesellschaft gehört – nicht als Ausnahme, sondern als dauerhafte Realität. Daraus könne die Chance erwachsen, gemeinsame Werte wie Würde, Freiheit und Respekt immer wieder neu zu verankern. Die christliche Perspektive richte den Blick dabei auf jeden einzelnen Menschen und dessen unveräußerliche Würde. Ein „Wir der vielen“ – das sei mehr als ein Befund. Es sei eine Einladung, Zukunft gemeinsam zu gestalten.

Dieser Beitrag ist auch zu hören in der Sendung Himmel und Erde bei Radio Erft.

Klicken Sie hier fürs Video:

 

Kampagne „Ja zu Migration“

Mit der Kampagne „Ja zu Migration“ werden Stimmen aus der Gesellschaft gesammelt, die sich klar für Vielfalt, Zusammenhalt und gegenseitigen Respekt aussprechen. Sie macht deutlich: Migration ist eine Bereicherung. Klicken Sie hier für mehr Informationen.

Text: APK

Wohnungslose Menschen zeigen ihre Stadt in Fotografien: „Die Stadt aus meiner Perspektive“

Im Februar 2023 beginnen die Klienten der Wohnungsnotfallhilfe der Diakonie am Salierring zu fotografieren. Jeden Monat neue Einwegkameras, jeden Monat besprechen wir die Werke. Die entstandene Ausstellung wird auch in den nächsten Monaten noch an verschiedenen Kölner Orten zu bewundern sein.

Michael Lampa, Leiter der Einrichtung am Salierring, erinnert sich: „Wir schafften also diese Einwegkameras an und fragten unsere Leute, ob sie Lust hätten, an einem Fotoprojekt teilzunehmen.“ Dieser Schritt an sich stellt für einige, deren Freizeitgestaltung der Bewältigung persönlicher Probleme und struktureller Unsicherheiten beinahe komplett gewichen ist, eine Hürde dar. Manche haben negative Erfahrungen mit sozialen Projekten gemacht und erleben es immer wieder, ausgeschlossen zu sein. „Ich glaube, dass es für Menschen generell ein großer Schritt ist, etwas Schöpferisches zu machen und sich damit öffentlich zu zeigen. Dazu gehört Mut. Menschen, die wohnungslos sind, haben häufig und in vielen Situationen Ablehnung erfahren. Für uns war es deshalb wichtig, keinen Leistungsdruck zu erzeugen und eine möglichst wertschätzende und positive Atmosphäre zu schaffen“, beschreibt Michael Lampa.

Dazu gehört auch, dass die Projektteilnehmenden von Anfang an in den Prozess eingebunden sind. Michael Lampa: „Wir haben kaum Vorgaben gemacht.“ Die Teilnehmenden wählen ihre Motive vollkommen eigenständig, manche gehen in die Natur, andere zeigen ihr Köln, Dritte konzentrieren sich gezielt auf das Aufzeigen von Missständen in der Stadt. Jede Herangehensweise ist willkommen, denn sie zeigt genau das: Die Stadt aus meiner Perspektive. So ist es jedem Teilnehmer möglich (tatsächlich war es strukturell bedingt eine männliche Gruppe), seine ganz eigene Geschichte zu erzählen. In den Werkbesprechungen kann getestet werden, wie die Idee funktioniert hat, ob vielleicht etwas angepasst oder verändert werden kann an der fotografischen Technik oder der Motivwahl selbst und besonders – welches der Fotos sich eignet, von größeren Gruppen gesehen zu werden, sprich an die Öffentlichkeit zu gehen.

Wie an den Fotografien erkennbar ist, folgen Projekt und Motive dabei dem Verlauf eines Jahres. Aufnahmen zeigen den Karneval, den Sommer am See, zeigen karge Herbstbäume und Winterlandschaften; eine vermeintliche Idylle, der das plötzliche Sich-bewusst-Werden entgegensteht, dass hier das Zelt gestanden haben muss, das man zum Schutz vor den Widrigkeiten außerhalb der Stadt aufgestellt hat.

Die fotografischen Ergebnisse sind trotz Einwegkameras künstlerisch wertvoll und inhaltlich eindrucksvoll. Sie dokumentieren nicht nur die Lebensrealitäten der Teilnehmenden, sondern geben kreative bis sozialkritische Einblicke in eine Welt, die vielen verborgen bleibt: Der etwas andere Blick in die vertraute Ecke der Stadt, das kleine Alltagsritual, das die Härte des Tages vielleicht durchbricht oder ein emotional bewegender Moment. Dabei wird bewusst darauf geachtet, keine Personen erkennbar abzubilden, um die Privatsphäre der Menschen zu wahren.

„Die Stadt aus meiner Perspektive“ erzählt persönliche Geschichten ganz ohne Worte – auch die schweren Wahrheiten werden nicht verschwiegen. Schonungslos, aber mit ebenso großer Sensibilität und Kraft, da die Geschichte selbst erzählt ist.

„Mit der Zeit hatte ich den Eindruck, die Fotografen über ihre Bilder von einer anderen Seite kennenzulernen. Jeder hat hier seine individuellen Eigenheiten, achtet auf andere Details und zeigt damit auch ein Stück seiner eigenen Persönlichkeit“, reflektiert Michael Lampa.

Aus rund 1000 geknipsten Fotografien wählen wir die 100 besten Fotos gemeinsam mit den Fotografen aus. Vier der insgesamt acht Teilnehmenden haben besondere Freude am Projekt entwickelt und sind regelmäßig bei den Sitzungen anwesend. Ein Teilnehmer nimmt inzwischen täglich Fotos auf seinem Handy auf und stellt diese aktuell in Nippes in einem Café aus.

Die Bilderauswahl dieses Projekts des Diakonischen Werks Köln (unter Leiter Michael Lampa und der stellv. Leiterin Maja Schumacher) und der Melanchthon-Akademie (Verantwortung Studienleiterin Lena Felde), gefördert von der Aktion Mensch, wurde im ersten Halbjahr 2025 bereits in drei Kölner Kirchengemeinden gezeigt. Im zweiten Halbjahr wandert die Ausstellung noch an weitere Orte, die wir online bekanntgeben. Dann wird die Auswahl auch nochmal als Kalender verfügbar sein, dessen Erlös der Wohnungsnotfallhilfe der Kölner Diakonie zugutekommt.

Das Projekt zeigt eindrucksvoll: Kreativität kann Brücken bauen – und den Dialog zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Menschen unterschiedlicher Lebenswelten fördern. Kunst als Mittel zur Selbstermächtigung kann ein Schritt sein hin zu mehr Verständnis und Respekt im Umgang miteinander. Dafür wird es weiterhin wichtig bleiben, die oft verborgenen Stimmen hörbar zu machen.

Kölner Rom:nja und ihre un-/sichtbare/-n Geschichte/-n

Im zweiten Halbjahr rücken Kölner Rom:nja mit ihren Geschichten in den Mittelpunkt einer Veranstaltungsreihe der Melanchthon-Akademie. Viele dieser Geschichten sind mit Erzählungen verbunden, in denen es um Zumutungen, Unsichtbarkeit, Verdrängung, Missachtung, Feindschaften, Gewalt oder Ressentiments geht.

Auf dem Bild sehen Sie die Teilnehmerinnen des Deutschkurses von Wila Borrings im ROM e.V. Am 9. Mai 2025 lasen sie bei einer festlichen Veranstaltung selbst verfasste Gedichte zum Thema „Wenn ich an meine Geschichte denke, denke ich an…“. Die Texte wurden auf Romanes, Serbisch und Deutsch zu Gehör gebracht.

Auf dem Bild sehen Sie die Teilnehmerinnen des Deutschkurses von Wila Borrings im ROM e.V. Am 9. Mai 2025 lasen sie bei einer festlichen Veranstaltung selbst verfasste Gedichte zum Thema „Wenn ich an meine Geschichte denke, denke ich an…“. Die Texte wurden auf Romanes, Serbisch und Deutsch zu Gehör gebracht.

Rom:nja sind schon sehr lange Teil der pluralen Gesellschaft in Deutschland und auch in Köln, wobei ihnen immer wieder eine selbstverständliche Zugehörigkeit abgesprochen wurde und wird. Ein spezifisch, sich gegen Rom:nja und Sinti:ze richtender (Gadje-)Rassismus war aus der deutschen Bevölkerung nie verschwunden – auch nicht nach dem Porajmos, dem nationalsozialistischen Genozid an europäischen Sinti:ze und Rom:ja.

Gadje-Rassismus imaginiert Sinti:ze und Rom:nja als fremdartig, anders, bösartig und wird auch in der Gegenwart als Begründung für Ausgrenzung, Feindschaft bis hin zu Gewalt genutzt. In der sog. Mitte-Studie des RomaniPhen Instituts stellte 2023 mehr als jede:r zweite befragte Person Sinti:ze und Rom:nja eine Neigung zur Kriminalität¹ vor – noch weniger als jede:r gaben in einer anderen Studie mehr als die Hälfte der Befragten an, dass sie ein Problem damit hätten, „wenn sich Sinti und Roma in meiner Gegenwart aufhalten“² – deutsche Zustände.

Immerhin, mehr als 80 Jahre nach dem Ende des NS, nach dem Zivilisationsbruch, nach der Befreiung von Auschwitz, sind solche Zustimmungswerte nichts anderes als ein Skandal.

Darum – um Zumutungen, Feindschaft, um das Verdrängen von NS-Verbrechen – wird es bei den Veranstaltungen in unserer Reihe gehen, aber nicht nur: wir wollen Kölner Rom:nja auch ganz andere Geschichten erzählen lassen: Geschichten vom Erinnern, vom Widerstand, von Kämpfen um Anerkennung sowie ihrer Bürger:innenrechte, von Selbstbehauptung und Empowerment, von Freundschaften, Allianzen und von Solidarität, von ganz alltäglichen Erfahrungen von Schönheit, Liebe und Geborgenheit, von Poesie und von Träumen, von Kreativität in der Literatur und der Romanes-Sprache, in der Musik und im Theater.

Bei allen Veranstaltungen kommen Menschen aus Rom:nja-Communities selbst zu Wort. Alle Veranstaltungen finden in Kooperation mit dem ROM e.V. Köln statt. Wir laden Sie und Euch herzlich dazu ein!

VERANSTALTUNGSHINWEIS

Di., 02.09.2025, 17:30–20:30 Uhr
Rom:nja. Auf Spurensuche der Geschichten von Rom:nja und Sinti:ze in Köln
Stadtführung
José Xhemajli und Lisa Willnecker
1 Termin | 5,00 € | Nr. 2212H

Mi., 03.09.2025, 19:00–20:30 Uhr
Unsichtbare Geschichte(n)? Perspektiven von Rom:nja auf Kölns Erinnerungskultur
Vortrag & Diskussion
José Xhemajli und Lisa Willnecker
1 Termin | Eintritt frei | Nr. 2213H

Mi., 29.10.2025, 18:30–20:00 Uhr
„Aus der Hoffnungslosigkeit erwuchs die Liebe“
Ein biographisch-literarischer Abend mit dem Dichter und Rom-Aktivisten Radjko Russo Sejdovic
1 Termin | 5,00 € | Nr. 2219H

Mi., 19.11.2025, 18:00 Uhr
Lesung mit dem Lyriker, Kolumnisten, Kabarettisten Jovan Nikolić zum Internationalen Tag der Romanes-Sprache
Jovan Nikolić liest aus Hotel Nicaragua und ausgewählte Lyrik
1 Termin | Eintritt frei | Nr. 6213F

Quellen:
¹ Zick, Andreas/Küpper, Beate/Höller, Nico (Hrsg., 2023): Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2022.
² Decker, Oliver/Hegemann, Johannes/Brähler, Elmar (2014): Die stabilisierte Mitte. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014, Leipzig, S. 50.

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