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Im Geist der Zuversicht. Wie wir die Geschichte der Hoffnung weiterschreiben können

Markus Dröge Porträt © Andrea Katheder

Markus Dröge Porträt © Andrea Katheder

Altbischof Dr. Markus Dröge war von 2009-2019 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Seit 2021 ist er Vorstandssprecher der zivilgesellschaftlichen Stiftung Zukunft Berlin. Er lebt in Berlin und Koblenz.

Soeben ist sein Buch „Im Geist der Zuversicht“ (Radius-Verlag Stuttgart 2026) erschienen, das wir im Rahmen der Kooperations-Reihe „AkademieHochVier. Evangelische Dialoge am Rhein“ am Montag, 14. September, 19 Uhr, im Haus der Kirche, Kartäusergasse 9-11, vorstellen

Martin Bock hat mit Markus Dröge ein Interview geführt.

Martin Bock: Lieber Herr Altbischof Dr. Dröge, vor wenigen Monaten haben Sie uns, den Vertreter:innen der evangelischen Stadtakademien in Deutschland, eindrucksvoll geschildert, welche Gefahren für die freiheitliche Demokratie und die damit verbundenen Werte Sie durch die Begegnung mit dem Rechtspopulismus in Berlin-Brandenburg in Ihrer Zeit als Landesbischof erfahren haben. Das „Aufziehen der dunklen Wolken“, wie Sie es nennen, war ein Anlass, sich in Ihrem Buch mit der Verdunkelung der christlichen Hoffnungskraft zu beschäftigen?

Markus Dröge: Nicht direkt. Die Motivation, das Buch zu schreiben, ist dadurch entstanden, dass ich mit vielen Menschen im Gespräch bin. Ich leite eine Stiftung in Berlin, die das zivilgesellschaftliche Engagement in der Berliner Gesellschaft und Politik stark macht. Im Nationalen Begleitgremium für die Atommüllendlagersuche erfahre ich hautnah, wie sensibel es heute ist, konfliktreiche Themen gesellschaftlich zu vermitteln. Und schließlich lebe ich natürlich weiter in meiner Heimat Kirche. Als cantus firmus der Stimmungslage nehme ich einen Grundton der Besorgnis wahr. Das hat mich bewogen, meine Dissertation über Jürgen Moltmann noch einmal in die Hand zu nehmen, und zu fragen: Ist seine „Theologie der Hoffnung“ nur Geschichte?

Martin Bock: Der polnische Soziologe Zygmunt Baumann hat von den allgegenwärtigen „Retropien“, den Blicken zurück statt nach vorne, gesprochen, die Menschen heute augenscheinlich Hoffnung geben, wenn sie auf die Narrative der populistischen Stimmen hören. Das ist ein ungeheurer Paradigmenwechsel gegenüber der Zeit, die unsere ganzen westlichen Gesellschaften und auch die Religionsgemeinschaften seit über 70 Jahren prägen: das nach-Vorne, der Exodus wird abgelöst von einer „Mimikry“ der Zuversicht. Was können wir dem entgegenstellen?

Markus Dröge: Kurz gesagt: Den christlichen Glauben. Die Grundstruktur des christlichen Glaubens ist die Ausrichtung auf den kommenden Herrn. Moltmann hat herausgearbeitet, dass das Christentum diese messianische Hoffnungsstruktur von der jüdischen Mutterreligion übernommen hat. Wenn rechte Populisten versuchen, Hoffnung zu machen, indem sie eine idealisierte Vergangenheit als Zukunftsmodell verkaufen und dazu noch eine Vergangenheit, die erwiesenermaßen ins Unheil geführt hat, ist das so ziemlich das Gegenteil vom christlichen Glauben. Seit dem Erstarken des Rechtsextremismus in Brandenburg habe ich es als meine Aufgabe angesehen, die fundamentale Unvereinbarkeit von Rechtsextremismus und christlichem Glauben klar zu benennen und öffentlich zu bekennen. Das schließt nicht aus, mit dem sachlichen Gegner ins Gespräch zu gehen – aber nur mit klaren Positionen.

Martin Bock: Sie sprechen von einer „Polykrise der Gegenwart“? Was meinen Sie damit genau?

Markus Dröge: Den Begriff habe ich von Jonas Grethlein übernommen. „Polykrise“ meint, dass sich zurzeit viele Krisen überlagern. Krise der Demokratie, der westlichen Werteordnung, der Europäischen Union, der Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen, der Wirtschaft und der Staatsfinanzen bis hin zur Krise der geopolitischen Ordnungssysteme … Können wir da ernsthaft noch irgendwie von Hoffnung reden? Ich beobachte, dass viele heute lieber bescheidener von „Zuversicht“ sprechen. Daran knüpfe ich an und versuche die biblisch verstandene Kraft des Geistes neu zu betonen. Sie kann helfen, zuversichtlich das Naheliegende zu tun, dabei aber die großen Hoffnungen der biblischen Verheißungen nicht aufzugeben.

Martin Bock: Jürgen Moltmann war im Erscheinungsjahr seiner „Theologie der Hoffnung“, 1964, fasziniert davon, wie sich die Dynamik des Evangeliums mit dem „Glück der Gegenwart“ verbinden kann. Von der Verbindung von Glück und Aufbruch hat eine ganze Generation, die „Boomer“ gezehrt – und wird dafür heute nicht selten massiv kritisiert. Ich lese Ihr Buch auch so, dass Sie sich mit dieser Anfechtung intensiv auseinandersetzen, ihrer Enttäuschung entgegenwirken wollen …

Markus Dröge: Enttäuscht bin ich nicht. Das würde ja voraussetzen, dass ich die biblisch begründete Hoffnung, die Moltmann entfaltet hat, als „Täuschung“ betrachte. Mein Ansatz ist ein anderer. Seit meiner Dissertation über Moltmann hat mich ein Gedanke nicht verlassen: Im Jahr 1964 war Moltmanns Buch sozusagen – sorry – „zeitgeistig“. Aber sein christologisch-pneumatologischer Ansatz ist so überzeugend, dass er in der Lage ist, die Hoffnung auch in Zeiten stark zu machen, in denen der Zeitgeist gegen den christlichen Glauben steht.   

Martin Bock: Bei unserem Besuch bei Ihnen in Berlin haben Sie mit uns darüber nachgedacht, ob es angesichts der Angriffe auf die Demokratie eine nicht mehr oder nicht mehr vertraute Gestalt von Kirche(n) braucht, die widerstandsfähig ist, die selbst eine geistliche Resilienz in sich trägt. Sehen Sie wieder die Notwendigkeit einer „Bekennenden Kirche 2.0“ auf uns zukommen?

Markus Dröge: Kirche ist, wenn sie wirklich die Kirche Jesu Christi ist, immer bekennende Kirche. Sogar in der Grundordnung der EKD heißt es: „Sie (die EKD) weiß sich verpflichtet, als bekennende Kirche die Erkenntnisse des Kirchenkampfes über Wesen, Auftrag und Ordnung der Kirche zur Auswirkung zu bringen.“ Das müssen wir heute angesichts des neuen Rechtsextremismus allerdings auch wirklich leben. Sonst müssen die uns nachfolgenden Generationen wieder Schuldbekenntnisse verfassen.

PROGRAMMHINWEIS

Mo., 14.09.2026, 19:00 Uhr

AkademieHochVier

Evangelische Dialoge am Rhein

Buchvorstellung „Im Geist der Zuversicht“ (Radius-Verlag Stuttgart 2026)

Im Haus der Kirche, Kartäusergasse 9-11

1 Termin I kostenfrei I 1202B

„Das Ohnmachtsgefühl darf nicht die Macht übernehmen“ – Heribert Prantl plädiert für ein AfD-Verbotsverfahren

„Liebe Demokratinnen und Demokraten in Köln“ – so begrüßte Heribert Prantl die Gäste in der bis auf den letzten Platz besetzten Lutherkirche und machte damit sogleich deutlich, worum es ihm an diesem Abend vor allem gehen würde. „Demokratie verteidigen – Verantwortung leben“ hatte er sein leidenschaftliches Plädoyer für die Beantragung der Prüfung eines AfD-Verbots überschrieben. „Warum sind die Widerstände so groß?“, fragte Prantl. „Wir Deutschen sind Weltmeister im Prüfen“, stellte er fest und attestierte den politisch Verantwortlichen „mangelndes demokratisches Selbstbewusstsein“. Das Auftreten der AfD widerspreche der Würde des Parlaments. Er verwies auf den Artikel 18 des Grundgesetzes, der vorsieht, dass, wer seine Grundrechte missbraucht, um gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung vorzugehen, diese Grundrechte – von besonderer Bedeutung wäre hier das passive Wahlrecht – verwirkt. Ein besonderes Lob hatte Heribert Prantl hingegen für die beiden großen Kirchen, die sich klar und unmissverständlich gegen die AfD ausgesprochen hätten.

Demokratie ist mehr als ein Wahltag

Nicole Schweiß führte in der Lutherkirche durch einen Abend voller Engagement und Dringlichkeit.

„Wahltage sind die Geburtstage der Demokratie“, erklärte Prantl, mahnte aber gleichzeitig, sich nicht auf diese „Stippvisiten“ zu verlassen, sondern demokratische Prinzipien auch zwischen den Wahlterminen zu leben und zu verteidigen. Vielmehr sei die Demokratie eine „Wertegemeinschaft“. Die Würde des – also jedes! – Menschen sei unantastbar. Dabei gehe es um den konkreten Schutz von Menschen. Prantl forderte „Mut zur Intoleranz“ gegenüber den Feinden der Demokratie. Eine gute Demokratie sei nicht werteneutral. „So ein Prüfverfahren ist nichts Unanständiges“, betonte der promovierte Jurist und forderte: „Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.“

Prantl wies darauf hin, dass das Grundgesetz neben besagtem Artikel 18, der sich auf Einzelpersonen bezieht, mit dem Artikel 21 auch einen Artikel beinhalte, der in Absatz 2 ausdrücklich die Möglichkeit des Verbots verfassungswidriger Parteien vorsieht. Heribert Prantl kritisierte, dass es bisher noch keinen Antrag gemäß Artikel 18 gegeben habe, obwohl jeder Ministerpräsident / jede Ministerpräsidentin einen solchen Antrag stellen könnte.

Das Grundgesetz als lebendiges Dokument

Wie sehr das Grundgesetz immer wieder auf aktuelle Ereignisse und Erfordernisse reagiert hat und somit alles andere als ein starrer, bisweilen anachronistischer Verfassungstext ist, zeigte Heribert Prantl anhand von Art. 20, Abs. 4 – dem sogenannten „Widerstandsartikel“ – auf. Dieser wurde erst 1968 hinzugefügt, erlebte zu Corona-Zeiten ein eher unerfreuliches Revival und schreibt fest: „Sollte die demokratische Ordnung abgeschafft werden und keine anderen Abhilfemöglichkeiten bestehen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand gegen diejenigen, die diese Ordnung beseitigen wollen.“ Zu diesem Widerstand zählte Prantl auch die Aktionen des Bündnisses „AfD-Verbot jetzt!“ als Mitveranstalter des Abends und mutmaßte: „Die Erfinder der wehrhaften Demokratie – die Politologen Karl Löwenstein und Karl Mannheim (P.M.) – würden sich über die Aktionen freuen.“

Einen der zentralen Programmpunkte der AfD bildet eine Verschärfung der Migrationspolitik, gipfelnd in der – nun auch im Parteiprogramm so genannten – „Remigration“. Heribert Prantl erinnerte in diesem Zusammenhang an den seit 2001 begangenen Weltflüchtlingstag (20. Juni). „Recht bleibt auch dann Recht, wenn die Mächtigen sich nicht darum scheren!“ Prantl bezeichnete die 2013 gegründete AfD als eine „Partei in der Verwandlung“, die sich von einer „Rechtsaußenpartei“ zu einer „Rechtsdraußenpartei“ entwickelt habe. Alice Weidel und Tino Chrupalla seien die „Protagonisten der finalen Radikalisierung“. Zwar gab Prantl zu, dass ein Parteiverbot den Rechtsradikalismus nicht beseitigen werde; dieses würde jedoch zum Beispiel verhindern, dass weiterhin zweistellige Millionenbeträge in die Finanzierung der parteinahen Desiderius-Erasmus-Stiftung flössen. Der 1536 verstorbene Gelehrte könne sich nicht mehr gegen die Vereinnahmung wehren. Für Prantl ein Vorgang von „Orwellscher Perfidie“. Am Schluss seines engagierten Vortrags stand daher ein eindringlicher Appell: „Wir sollten nicht warten, bis es zu spät ist!“

Lebhafte Diskussion und ein Wunsch ans Parlament

Im Foyer konnten sich die Teilnehmenden noch an der Unterschriftenaktion für ein AfD-Verbotsverfahren beteiligen

Erwartungsgemäß war der Diskussionsbedarf an diesem Abend groß. Unter anderem wurde auf die politische Lage in den östlichen Bundesländern hingewiesen: „Stellen Sie sich vor, Sie wären Oberbürgermeister von Görlitz …“, forderte ein Teilnehmer Heribert Prantl auf. Dieser äußerte die Hoffnung, ein Verbotsverfahren könnte eine disziplinierende Wirkung auf die AfD haben – im Gegensatz zu der Ansicht, in der Regierungsverantwortung würde sich die Partei mit Sachzwängen konfrontiert sehen und sich „selbst entzaubern“. Auch die von der AfD in den neuen Bundesländern gerne angenommene Rolle der bürgernahen „Kümmererpartei“ kam zur Sprache. Viele Wortmeldungen bezogen sich auf die Möglichkeit der konkreten Ansprache (potenzieller) AfD-Wähler*innen. An Argumenten sollte es nach diesem Abend wohl nicht mangeln. Schließlich wünschte sich eine Teilnehmerin, Heribert Prantl möge diese Rede vor dem Deutschen Bundestag halten. Prantl wäre jedenfalls nicht abgeneigt …

Text und Fotos: Priska Mielke/APK

Diskussionsabend „Demokratie verteidigen“ am 19. Juni: Interview mit Heribert Prantl zu AfD-Verbot

Demokratie verteidigen – Verantwortung leben: Der Journalist, Publizist und Autor Professor Heribert Prantl spricht am Freitag, 19. Juni, 19.30 Uhr bis 21 Uhr, in der Lutherkirche, Martin-Luther-Platz 2–4, über die Verteidigung der Demokratie.

Unter dem Leitgedanken „Zu den Freiheiten der Demokratie gehört es nicht, die Demokratie umzubringen“ thematisiert Prantl die Frage eines AfD-Verbotsverfahrens und die gesellschaftliche Verantwortung, demokratische Grundwerte aktiv zu schützen. Die Moderation übernimmt Nicole Schweiß. Die kostenfreie Veranstaltung ist eine Kooperation von NRW Appell, der Lutherkirche, der Initiative „AfD-Verbot jetzt“ und der Melanchthon-Akademie.

Warum Demokratie mehr braucht als Vertrauen und warum ihre Verteidigung alle angeht, das erklärt Heribert Prantl im Interview:

„Zu den Freiheiten der Demokratie gehört es nicht, die Demokratie umzubringen.“ Warum ist dieser Satz gerade jetzt so aktuell?

Heribert Prantl: Weil die AfD drauf und dran ist, die Demokratie zu erwürgen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Haupt- und Eingangssatz des Grundgesetzes hat Auswirkungen darauf, wie der Verfassungsstaat mit denen umgehen soll, die dieses höchste aller Grundrechte verbiegen und verachten. Gewiss: Die AfD findet derzeit viel Zustimmung, ihre Prozentanteile in den Umfragen sind hoch. Aber der Schutz der Menschenwürde steht nicht unter einem Prozentvorbehalt. Im Gegenteil: Je stärker eine Partei ist, die die Menschenwürde angreift, desto wichtiger ist es, die Waffen der wehrhaften Demokratie zu entrosten. Es geht nicht einfach nur um einen abstrakten Schutz der Demokratie. Es geht um den konkreten Schutz von Menschen – von Migrantinnen und Migranten, von Jüdinnen und Juden, von Menschen mit Behinderungen. 

Was erwarten die Besucherinnen und Besucher Ihres Vortrags in Köln – welche Fragen möchten Sie gemeinsam mit dem Publikum diskutieren?

Heribert Prantl: Ist der Aufstieg der AfD ein Indiz für eine Krise der Demokratie? Hat diese Krise auch damit zu tun, dass bei den demokratischen Parteien der Grundrechtsstolz bröckelt? Es fehlt die unverdrossene und mutige Zuversicht, die die Mütter und Väter des Grundgesetzes hatten. Sie hatten, in schwierigsten Zeiten, die Kraft der Hoffnung – und mit dieser Kraft haben sie die Grundrechte geschrieben. Den demokratischen Parteien fehlen heute diese Kraft und dieser Stolz bei deren Verteidigung. Der Glaube vieler Menschen an die Potenz der Demokratie als Werte- und Zukunftsgemeinschaft ist daher kleiner geworden. Umso wichtiger ist die Kraft der Hoffnung; sie lässt die Welt nicht zum Teufel gehen.

Die Debatte um ein mögliches AfD-Verbotsverfahren wird kontrovers geführt. Was möchten Sie Menschen mitgeben?

Heribert Prantl: Ein Prüfverfahren ist nichts Unanständiges. Im Gegenteil! Wir sind doch sonst im Prüfen so stark – siehe den TÜV, siehe Stiftung Warentest! Da wollen wir doch nicht ausgerechnet bei der wichtigsten Frage der Demokratie auf eine Prüfung verzichten. So ein Prüf- und Verbotsantrag ist der sichtbare Ausdruck des rechtsstaatlichen Widerstands gegen Extremismus und grundgesetzfeindliche Kraftmeierei. Und: Ein Verbotsantrag ist nicht einfach nur ein Verbotsantrag gegen eine Partei, es ist ein Antrag für eine wehrhafte Demokratie und für den Schutz der Menschen, gegen die die AfD agitiert und die sie aus dem Land treiben will, Remigration nennt sie das. Es handelt sich um Deportation. Das muss verhindert werden – mit Kraft und Power; mit einem Parteiverbot!

Eine Anmeldung unter Telefon 0221/9318030 oder per E-Mail an anmeldung@melanchthon-akademie.de ist erwünscht.

Text: APK

Foto: APK/Canva/Nina Tenhumberg

„Wo ist unsere Geschichte?“ – Köln erinnert an den Völkermord an Roma und Sinti

Der Völkermord an 6 Millionen Menschen jüdischen Glaubens hat als Holocaust ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Doch der Samudaripen, die gleichzeitige Ermordung von 500.000 Roma und Sinti, ist nahezu eine Leerstelle in der gesellschaftlichen Erinnerung. Am 21. Mai 1940 wurden auch vom Bahnhof Deutz 1.000 Zugehörige dieser Volksgruppen in die KZs in Polen deportiert und ermordet. Das Konzentrationslager Jasenovac in Kroatien, während des Zweiten Weltkrieges eines der größten Vernichtungslager in Europa, ist nicht ansatzweise so bekannt wie Auschwitz. Dort wurden Roma und Sinti – auch ohne deutsche Beteiligung – planmäßig umgebracht. Eine Gedenkveranstaltung der Melanchthon-Akademie und ihrer Kooperationspartner im VHS-Forum an der Cäcilienstraße hat nun an den Völkermord erinnert und die mühsame Aufarbeitung thematisiert.

Gedenken, Erinnern, Mahnen

Homaira Mansury, Fachbereichsleiterin für Politische Bildung der VHS Köln, und Ruždija Sejdovic, Vorstandsmitglied des Vereins Rom begrüßen die Veranstaltungsgäste.

Homaira Mansury, Fachbereichsleiterin für Politische Bildung der VHS Köln, und Ruždija Sejdovic, Vorstandsmitglied des Vereins Rom, begrüßten die Veranstaltungsgäste: „Wir als Bildungsträger haben die Aufgabe, historische Verantwortung zu übernehmen“, sagte Mansury. Und so sprachen bei der Veranstaltung verschiedene Experten zum Thema, moderiert von Radoslav Ganev, Rom aus Bulgarien und Gründer des Vereins Romanity in München. „Ich hoffe, dass uns ein Dreiklang gelingt“, sagte er, „zu gedenken, zu erinnern und zu mahnen.“ Den Auftakt dazu machte Magdalena Lovric von der Stiftung Verantwortung und Zukunft mit einem Impulsvortrag über die NS-Verfolgung in Kroatien: Bisher seien rund 16.200 Opfer namentlich identifiziert, schilderte sie, davon 5.600 Kinder, 4.900 Frauen und 5.700 Männer. Sie seien auf der „Mauer des Schmerzes“ in der Gedenkstätte in Uštica, nahe des ehemaligen KZ Jasenovac, verzeichnet. Insgesamt seien dort über 83.000 Menschen ermordet worden. Die Ermordung sei von der Ustascha des unabhängigen Staates Kroatien betrieben worden, der von 1941 bis 1945 enger Verbündeter des deutschen NS-Regimes gewesen sei.

Nur wenige Überlebende hätten von der Verfolgung und den nationalsozialistischen Verbrechen berichten können. Lovric verlas die Aussage eines Zeugen, Stefano Nicolic, beim Strafverfahren gegen den als „kroatischen Himmler“ bezeichneten Andrija Artuković: Er sei mit seiner 20-jährigen Frau, die im neunten Monat schwanger war, und seiner dreijährigen Tochter Danica von der Polizei in das KZ Jasenovac verschleppt worden, erzählt der Mann darin. Er überlebte als Einziger, weil ihm nach 14 Tagen mit anderen die Flucht gelang. Bis dahin hatte er Massengräber von Männern, Frauen und Kindern ausheben und zuschütten müssen. Ihre Körper hätten Spuren unmenschlicher Brutalität gezeigt, schilderte er vor Gericht.

Eine Erinnerungskultur, die lange auf sich warten ließ

Die Gedenkstätte in Uštica in Kroatien erinnert an die ermordeten Roma und Sinti.

Doch auch nach Kriegsende sei es schwierig gewesen, das Geschehene angemessen aufzuarbeiten, erläuterte Lovric. Die Erinnerungskultur im sozialistischen Jugoslawien habe primär dazu gedient, die traumatische Beteiligung an den Kriegsverbrechen unter einer eigenen Identität zu verhüllen – mit dem Konzept der Brüderlichkeit und Einigkeit. „Um die Spannung zwischen den Gruppen, Serben, Kroaten, Bosnier und anderen zu verhindern, wurde der ethnische Hintergrund der Opfer nicht genannt, sondern waren alle Opfer des faschistischen Terrors“, so Lovric. Im Jugoslawienkrieg sei dann die NS-Geschichte für eigene politische Machtinteressen instrumentalisiert worden. Der Weg zu einer würdigen Erinnerungskultur habe erst 2012 begonnen. 2020 sei schließlich das Roma-Gedenkzentrum in Uštica feierlich eröffnet worden. Historiker und Historikerinnen sowie Roma-Verbände würden jedoch auf eine schmerzhafte Lücke hinweisen: Eine Reparationszahlung für die wenigen überlebenden Opfer oder deren Nachkommen habe es vom kroatischen Staat bis heute nicht gegeben. Der Kampf um Anerkennung habe seine Ziele noch nicht erreicht.

„Wo ist denn unsere politische Teilhabe?“

Das bestätigte die anschließende Gesprächsrunde: Der in Mazedonien geborene Sami Dzemailovski vom Verein Carmen versah den an der Gedenkstätte prangenden Satz „Ihr seid nicht vergessen“ mit einem Fragezeichen: Er selbst habe in der Schule in Jugoslawien nicht gelernt, dass Roma Teil des Massenmords waren, schilderte er. „Und hier in der deutschen Schule haben wir nur über Anne Frank gesprochen. Wo ist denn unsere politische Teilhabe?“, fragte er. „Wie viele Roma sitzen in den National-, in den Regionalparlamenten und im EU-Parlament?“ Der 2000 aus dem Kosovo geflohene Filmemacher Kenan Emini thematisierte eine andere Ungleichbehandlung: Vor Krieg flüchtende Roma hätten in Deutschland kein Asyl als solche bekommen, sondern als Albaner oder unter einer anderen Identität, die sie anbieten konnten. Sie seien dann geduldet worden und hätten in ständiger Angst gelebt, abgeschoben zu werden. Im Ukraine-Krieg hätten aber jüdische Flüchtlinge aufgrund der Geschichte eine Sonderstellung erhalten, die ukrainischen eine Aufenthaltserlaubnis. „Wenn unsere Geschichte richtig aufgearbeitet und unsere Würde anerkannt würde“, so Emini, „dann würden wir im Kriegsfall auch einen Schutzstatus genießen.“

Crack, Angst und Hoffnung: Melanchthon-Akademie und Karl-Rahner-Akademie diskutieren Kölns neues Suchthilfezentrum

Die Drogenszene am Neumarkt ist omnipräsent. Sie ist stark gewachsen, unter anderem weil der Konsum von Crack drastisch gestiegen ist. Die Droge macht sehr schnell sehr stark abhängig. Konsumierende vernachlässigen daher oft die eigenen Grundbedürfnisse, verelenden und verwahrlosen schnell. Der Drogenkonsumraum vor Ort stößt an seine Kapazitätsgrenzen. Der Stadtrat hat daher gerade beschlossen, dass ein neues großes Suchthilfezentrum am Perlengraben entstehen soll. Das weckt Ängste bei der Anwohnerschaft. Die Melanchthon- und die Karl-Rahner-Akademie hatten sie daher zu einer Diskussion in die Kartäuserkirche geladen. Moderatorin Sandra Dybowski, selbst Anwohnerin und Mitglied der Initiative „Südi bleibt solidarisch“, fasste das geplante Angebot in dem neuen Drogenzentrum noch einmal zusammen: Es soll einen Konsumraum geben, einen Kontaktladen, einen Ruheraum, ein niedrigschwelliges Beschäftigungsangebot, Essens- und Getränkeausgaben, Raum für Hygiene, medizinische Behandlung und Notschlafstellen. Das Zentrum soll 24 Stunden, sieben Tage lang offen sein.

Bis zu 400 Besuche täglich – und kein Platz zum Ausruhen

Sven Lehmann berichtete, warum ein größeres Suchthilfezentrum gebraucht wird.

Mehrere Experten waren gekommen, um die Anwohner und Anwohnerinnen aufzuklären, was das große Suchthilfezentrum vor Ort für sie bedeutet: Sozialarbeiter Stefan Lehmann, der den Konsumraum am Neumarkt leitet, erläuterte zunächst die räumliche Veränderung: Aktuell habe man 125 Quadratmeter im Gesundheitsamt zur Verfügung, mit einem kleinen Kontaktladen, zwei kleinen Konsumräumen, außerdem sanitären Anlagen und einem Raum für medizinische Behandlungen. „Wir haben am Tag zwischen 80 und 130 verschiedene Nutzer und Nutzerinnen“, schilderte Lehmann, „die bis zu 300 Mal konsumieren und bis zu 400 Mal die Einrichtung aufsuchen, weil sie auf die Toilette gehen wollen, etwas essen und trinken wollen oder weil sie auch soziale Beratung und Vermittlung in Anspruch nehmen.“ Man habe keinen Ruheraum. Die Klienten und Klientinnen müssten sich auf Bänke und Tische legen, was allemal besser sei als ein Platz auf der Straße. Bei dem Hilfezentrum handele es sich auch um einen Schutzraum für die Menschen. „Der Großteil unserer Nutzer ist obdachlos beziehungsweise wohnungslos“, betonte Lehmann. Er würde mit dem neuen Suchthilfezentrum gerne in erster Linie die offene Drogenszene auflösen, vor allem aber auch dafür sorgen, dass die Menschen überleben und dass ihr Zustand nicht schlimmer wird.

Krefeld als Vorbild – und die Erfahrungen anderer Städte

Sebastian Dückers schilderte seine Erfahrungen aus Krefeld.

Sebastian Dückers, Sachbereichsleiter der Caritas Krefeld in der Beratungsstelle für Alkohol- und Drogenfragen, konnte von einem solchen Erfolg in seiner Heimatstadt berichten. Nach dem Einrichten eines Suchthilfezentrums vor Ort habe sich die offene Drogenszene tatsächlich aufgelöst. „Wir sind natürlich eine viel kleinere Stadt“, gab er zu bedenken. Angelika Schels-Bernards, Vorsitzende des Arbeitsausschusses Drogen und Sucht der freien Wohlfahrtspflege in NRW, fügte an, dass man auch in anderen Städten im Land positive Erfahrungen mit Konsumzentren gemacht habe, etwa in Düsseldorf. Dort befinde es sich etwa 200 Meter weit entfernt von einer Schule und einem Seniorenwohnheim. „Da hat es zunächst viel Stress gegeben“, erzählte sie. „Bürgerinitiativen haben sich gegründet, und jetzt, nachdem es eine Weile in Betrieb ist, sieht man, dass sich viele Sorgen auch aufgelöst haben.“

„Ein freundliches Gesicht hilft meist“ – Tipps für den Alltag

Das Team auf dem Podium bestehend aus Stefan Lehmann, Sebastian Dückers, Moderatorin Sandra Dybowski, Angelika Schels-Bernards und Torsten Zelgert (v.l.).

Die Anwohner und Anwohnerinnen hatten zahlreiche kritische Fragen, etwa, ob im Umfeld des Konsumzentrums nicht auch gedealt würde oder ob der Perlengraben zu weit weg vom Neumarkt sei und von schwer Crackabhängigen demnach gar nicht aufgesucht würde. Sie würden dann ausschließlich in der Öffentlichkeit konsumieren und auch sterben. Auch wie man mit den Drogenkonsumierenden umgehen solle, wollten manche wissen. Die Experten betonten zunächst, das Geschehen werde vom Ordnungsdienst und der Polizei überwacht, mit denen man eng kooperiere. Sie würden notfalls eingreifen, wenn sie Drogendeals beobachten. Stefan Lehmann hatte ein einfaches Rezept für den Umgang: „Meist hilft einfach ein freundliches Gesicht, ein Lächeln, eine wertschätzende Ansprache, aber auch eine Klarheit“, sagte er. Wenn man aggressiv angeschaut würde, solle man Abstand halten und nicht auf die Aggression eingehen, versuchen, freundlich zu sein und dann einfach gehen. Torsten Zelgert vom JES-Netzwerk von Drogen gebrauchenden Menschen, Ehemaligen und Substituierten konnte seine eigenen Erfahrungen beisteuern: „Wir wollen den anderen Menschen nichts. Wir wollen eigentlich unsere Ruhe haben.“ Niemand würde freiwillig so leben wie die Drogensüchtigen. Daher sei er sich auch ganz sicher, dass das neue Suchthilfezentrum am Perlengraben von der Drogenszene angenonmen wird: „Wenn ein solches Angebot besteht, wird es auch genutzt“, sagte Torsten Zelgert.

Arm, weil Frau – warum Armut in Deutschland ein Geschlecht hat und was sich ändern muss

Prof. Dr. Susanne Völker, Soziologin und Genderforscherin an der Universität Köln, beim Vortrag zum AKF-Frühjahrstreffen 2026 – sie legte die strukturellen Ursachen weiblicher Armut offen.

Es war ein voller Saal. Mehr als 40 Frauen kamen am Dienstag, 21. April 2026, zum AKF-Frühjahrstreffen ins Haus der Evangelischen Kirche in Köln. Das Thema des Abends: Frauen und Armut. Warum sind Frauen häufiger von Armut betroffen als Männer? Und warum wird der Unterschied mit zunehmendem Alter größer?

Antworten lieferten die Soziologin und Genderforscherin Prof. Dr. Susanne Völker von der Universität Köln und Karolin Kalmbach vom Institut für Gender Studies – GeStik – ebenfalls an der Uni Köln. Ihr gemeinsamer Vortrag bildete den Auftakt des Abends. Anschließend kamen drei Kölnerinnen zu Wort, die täglich mit dem Thema arbeiten: Karin Hofmann von „Frauen gegen Erwerbslosigkeit e.V.“, Eva Pohl vom DGB-Stadtfrauenausschuss und Waltraud Brandt vom Kreisfrauenausschuss des SoVD. Die Moderation lag bei Barbara von der Mark. Dr. Marita Alami hat die Notizen des Abends zusammengefasst.

Wenn Fähigkeiten weniger wert sind – weil sie von Frauen kommen

Deutschland als Wohlfahrtsstaat ist im internationalen Vergleich konservativ. Er ist geprägt von einem traditionellen Familienbild der Hausfrauenehe und der Vorstellung, dass gesellschaftliche Integration ausschließlich über Erwerbsarbeit erfolgt. Der arbeitsmarktpolitische Ansatz vom „Fördern und Fordern“ ignoriert die Care-Arbeit, die mehrheitlich von Frauen geleistet wird – und führt so zu dem, was Völker „vergeschlechtlichte Armut“ nennt. Hinzu kommt: Menschen mit Sorgeverpflichtungen zeigen eine geringere politische Teilhabe und einen höheren „Abrieb von Leben“ – gemeint ist der Verschleiß von Lebensenergie und Gesundheit. Ein Begriff, der trifft, was viele Frauen täglich spüren.

Karolin Kalmbach vom Institut für Gender Studies – GeStik – an der Uni Köln beim gemeinsamen Vortrag: Wie Geschlecht und Armut zusammenhängen.

Völker und Kalmbach führten in die strukturellen Ursachen ein. Ein zentraler Begriff dabei: „versämtlicht“ – geprägt von der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm (1831–1919). Gemeint ist die Tendenz, Frauen als homogene Gruppe zu behandeln und ihnen pauschal Fähigkeiten zuzuschreiben, die gesellschaftlich geringer bewertet werden als kulturell erworbene oder zertifizierte Fähigkeiten. Häufig werden werden diese Fähigkeiten als „naturgegeben“ angesehen. Das zeigt sich bis heute: Unbezahlte Care-Arbeit wird kaum anerkannt. Berufe, die mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden, sind schlechter bezahlt als solche, die mehrheitlich von Männern ausgeübt werden. Gender-Pay-Gap und Gender-Pension-Gap sind die Stichworte – sie werfen Schlaglichter auf ein Gesamtbild, das von Privilegien und Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts zeugt.

Die Zahlen sind erschreckend. Die Einkommensunterschiede in Deutschland sind so hoch wie nie seit 1984, als das DIW Berlin begann, jährlich sozioökonomische Daten zu erheben. 2022 lebten 17,7 % der Bevölkerung in relativer Armut, 11,08 % in strenger Armut. Frauen sind in beiden Gruppen überrepräsentiert. Demgegenüber erreicht der Bevölkerungsanteil der Reichen mit 8,3 % einen neuen Höchstwert – 2 % sind superreich. Die Schere öffnet sich weiter, und die aktuell geplanten gesetzlichen Änderungen werden daran nichts verbessern. Im Gegenteil.

Mehr als 40 Frauen kamen ins Haus der Evangelischen Kirche in Köln – ein Zeichen, wie drängend das Thema Frauen und Armut ist.

Keine Frau ist wie die andere – und kein Problem ist einfach

Karin Hofmann machte deutlich: Es gibt nicht „die Frau“, nicht „die Migrantin“, nicht „die Alleinerziehende“. Die Beratungssituationen bei „Frauen gegen Erwerbslosigkeit“ sind in den vergangenen Jahren weitaus komplexer geworden. Frauen kommen nicht mehr mit einer einzelnen Frage – sie kommen mit vielfältigen, miteinander verknüpften Problemen. Sprache, digitale Kenntnisse, Wohnsituation, Gesundheit, Schulden, fehlende Kinderbetreuung, Gewalterfahrung – all das kann daran hindern, erwerbstätig zu sein. Und: Der Arbeitsmarkt ist gegenüber Migrantinnen oft geschlossen – unabhängig davon, ob sie in einer schwierigen Situation sind oder nicht. Oft werden sie mit den abstrusesten Vorbehalten konfrontiert.

Mini-Jobs, Ehegattensplitting, Teilzeitfalle – wer zahlt den Preis?

Eva Pohl (DGB-Stadtfrauenausschuss) und Waltraud Brandt (Kreisfrauenausschuss des SoVD) beim Kurzinterview – zwei Expertinnen, die täglich erleben, was Armut für Frauen und Kinder in Köln bedeutet.

Eva Pohl beleuchtete die gewerkschaftliche Perspektive. Mini-Jobs – zu 60 % von Frauen ausgeübt – führen meist zu keinen Renteneinzahlungen. Das Ehegattensplitting macht Teilzeitarbeit für verheiratete Frauen scheinbar attraktiv, schadet aber langfristig der Rente. Besser wäre ein Familiensplitting, bei dem Steuererleichterungen nicht an die Heirat, sondern an die Zahl unterhaltsberechtigter Kinder gekoppelt sind. Ideal wäre zudem eine paritätische Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit. Einen ersten Schritt bietet das ElterngeldPlus: Bis zu 36 Monate werden bezuschusst, in denen beide Elternteile bis zu 32 Stunden pro Woche erwerbstätig sind. Noch besser wäre die „Dynamische Familienarbeitszeit“, bei der das Familieneinkommen bis zum Schuleintritt der Kinder bezuschusst wird – um den Gender-Care-Gap und den Gender-Pay-Gap gezielt zu verringern.

Waltraud Brandt schließlich nahm auch die Kinder in den Blick. Kürzungen bei Transferleistungen treffen immer auch sie. Und Kinder selbst sind in Deutschland ein Armutsrisiko für Frauen – in der Erwerbsphase durch Teilzeit, im Alter durch fehlende Rentenpunkte. Der Anteil der Frauen an den versicherungspflichtig Beschäftigten erreicht die 47 % nicht – und 50 % arbeiten in Teilzeit. Das Durchschnittseinkommen aller Rentenversicherten hat damit wenig mit den tatsächlichen Einkommen der Frauen zu tun. Das Wort von der „Teilzeitfalle“ bekommt vor diesem Hintergrund eine ganz andere, sehr ernste Bedeutung.

Nach den Vorträgen blieb Zeit für Gespräche und Netzwerken – wie bei jedem AKF-Frühjahrstreffen. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Melanchthon-Akademie Köln statt.

Armut und Frauen in Köln

Weitere Infos zur Veranstaltung in Kooperation mit der Melanchthon-Akademie Köln unter:

http://www.melanchthon-akademie.de.

https://april.akf.koeln

Frauen und Armut in Köln – Vortrag und Austausch_21.04.2026

 

Text: APK / Marita Alami

Foto: APK / Marita Alami

Lesung mit deutsch-israelischer Autorin Sarah Levy am 4. Mai: „Kein anderes Land“

Die deutsch-israelische Autorin und Journalistin Sarah Levy liest am Montag, 4. Mai, 19 Uhr, in der Karl Rahner Akademie, Jabachstraße 4-8, Köln, aus ihrem Buch „Kein anderes Land, Aufzeichnungen aus Israel“. Sarah Levy schildert, wie der Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 ihr Leben als junge Mutter in Tel Aviv veränderte und wie Radikalisierung und Polarisierung ein ganzes Land prägen.

Ist das noch mein Land? Diese Frage stellt sich Sarah Levy, seit sie erlebt, wie Israels rechtsnationale Regierung die israelische Gesellschaft spaltet. Dann attackiert die Hamas das Land am 7. Oktober 2023. Auf brutale Weise ändert der Krieg das Leben, das die junge Mutter in Tel Aviv führt. Sie flieht mit Partner und Kind in ihre Heimat Frankfurt und muss dort erkennen, dass Deutschland nicht mehr ihr Land ist. Doch das Israel, in das sie zurückkehrt, kämpft um seine Seele. Freunde tragen plötzlich Waffen, Verwandte wünschen Palästinensern die Auslöschung, Nachbarn unterstellen ihr, die Soldaten zu verraten. Der Kriegsalltag zwischen Schutzbunker und allgegenwärtigem Verlust führt Levy an ihre Grenzen – als Mutter und als Partnerin, aber auch als Deutsche, die jetzt verstehen muss, dass das Land, das sie zum Leben gewählt hat, die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft mit den Palästinensern schon lange verloren hat. Wer wird mein Sohn, fragt sie sich, wenn er hier aufwächst? Sarah Levy beschreibt mit kritischem Mitgefühl, wie Radikalisierung und Polarisierung ein Land verändern – und letztlich auch sie selbst.

Ein Interview mit Sarah Levy:

Frau Levy, Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Sie zwischen zwei Ländern – Israel und Deutschland – das Gefühl der Heimat verloren haben. Was braucht ein Mensch, um irgendwo wirklich anzukommen?

Sarah Levy: Heimat ist für mich kein Ort, an dem ich ankomme, sondern wo ich herkomme – das wird immer Deutschland sein. Dort bin ich aufgewachsen, dort bin ich groß geworden. Heute lebe ich in Israel, aber Zuhause wird immer der Ort sein, wo mein Kind ist, wo mein Partner ist – und wo wir gemeinsam entscheiden zu leben. Momentan ist das Israel, aber wer weiß, was die Zukunft bringt.

Sie stellen sich die Frage, wer Ihr Sohn wird, wenn er in diesem von Krieg und Radikalisierung geprägten Israel aufwächst. Was wünschen Sie sich für die nächste Generation – sowohl in Israel als auch in Deutschland – und welche Rolle kann Bildung dabei spielen, Polarisierung entgegenzuwirken?

Sarah Levy: Ich wünsche mir für meinen Sohn, dass er sich nicht von der Angst leiten lässt. Dass er stets den Menschen sieht, und kein Volk, keine Gruppe als Ganzes für schlecht oder böse hält, oder ausschließlich gut. Wie weit ich das in der Hand habe, daran zweifle und verzweifle ich jeden Tag ein bisschen mehr. Die israelische Gesellschaft in diesen Tagen ist durchdrungen von Trauma und Gewalt: Ultraorthodoxe gehen auf Soldatinnen los, gewalttätige Siedler auf arabisch-israelische Schülerinnen und Schüler, rechte Aktivisten bedrohen Holocaustüberlebende, Demonstrierende und Journalisten, zum Teil an deren Haustür. Die Politik befeuert die gesellschaftliche Spaltung. Das einzige, was dagegen anhilft, sind Begegnungen mit Menschen, die nicht so sind wie ich, nicht so aussehen, nicht so leben, nicht so beten, oder nicht so sprechen wie ich. Wir müssen Unterschiede aushalten, solange wir gemeinsame Werte teilen. So etwas kann Bildung fördern, ein Stück weit. Aber gerade Eltern müssen ihre eigenen Vorurteile, rassistische Gedanken und eigene Traumata hinterfragen und erkennen, um sie nicht an ihre Kinder weiterzugeben.

Sie beschreiben in Ihrem Buch sehr offen Ihre Zerrissenheit zwischen Deutschland und Israel. Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben: Diese innere Frage „Ist das noch mein Land?“ verändert nicht nur meinen Blick auf Politik, sondern auch mein Selbstverständnis als Mutter und als Deutsche?

Sarah Levy: Mutter eines Sohnes zu sein in Israel bedeutet höchstwahrscheinlich, einen zukünftigen Soldaten großzuziehen. Bleiben wir in Israel, wird er zur Armee gehen müssen. Diese Gewissheit allein wiegt schwer. Ich selbst stelle mir jeden Tag die Frage, was für ein Israeli will ich sein? Mein israelischer Schwager hat mich als „Verräterin“ bezeichnet, weil ich ein Video geteilt habe, in dem Demonstrierende in Tel Aviv Poster von getöteten Kindern in Gaza hochgehalten haben. Er meinte: „Dies ist nicht mal dein Land, du bist hergekommen um zu stören.“ Mein Schwager glaubt, wie so viele hier, sein Land zu lieben, bedeute unrechte Taten der Armee, der Politik nicht anzuprangern. Ich glaube, als Deutsche mit einer jüdischen und einer nicht-jüdischen Familie ist es für mich leichter, Komplexität auszuhalten. Zu akzeptieren, dass eine Armee mich schützen kann und gleichzeitig Kriegsverbrechen begehen. Wird mein Sohn diese Komplexität aushalten können, wenn er hier aufwächst, mit all dem Militarismus, dem Trauma, der Angst und dem Rassismus, die uns als Gesellschaft hier derzeit durchdringen? Mein Partner und ich haben entschieden, dass wir im Oktober, wenn die nächsten Knessetwahlen anstehen, noch einmal wählen gehen müssen – und uns nach dem Wahlergebnis entscheiden: Ist das noch das Land, in dem wir leben wollen? Lautet die Antwort nein, müssen wir uns leider eine weitere Frage stellen: Ist Deutschland noch das Land, in dem Juden frei leben können?

Eine Kooperationsveranstaltung der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V. mit der Melanchthon-Akademie Köln und der Karl Rahner Akademie Köln.

ÜBER DIE AUTORIN

Sarah Levy, geboren 1985, besuchte die Henri-Nannen-Journalistenschule und schreibt als freie Journalistin u.a. für DIE ZEIT. Seit 2018 koordiniert sie das Projekt stopantisemitismus.de, das über Antisemitismus im Alltag aufklärt und Hilfestellung bietet, und arbeitet für diverse Stiftungen.

Der Eintritt kostet 8 Euro, ermäßigt 6 Euro. Eine Anmeldung unter anmeldung@koelnische-gesellschaft.de ist erforderlich.

www.melanchthon-akademie.de

Frühjahrstagung „Warum werden Menschen rechtsradikal?“: Theologin Philine Lewek über neurechte Netzwerke

Theologin Philine Lewek.

Theologin Philine Lewek.

Rechtsradikale Einstellungen sind längst kein Randphänomen mehr. Wahlerfolge extremistischer Parteien, rassistische Gewalt und antisemitische Ressentiments stellen Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt vor enorme Herausforderungen. Was treibt Menschen in rechtsradikale Denk- und Gefühlswelten? Welche psychologischen, sozialen und theologischen Faktoren wirken dabei – und wie kann Prävention gelingen? Diesen Fragen widmet sich die Frühjahrstagung 2026 „Warum rechtsradikal? Ursachen, Motive und Prävention“, die am 13. und 14. März 2026 in Köln stattfindet. Veranstaltet wird sie gemeinsam von der Melanchthon-Akademie und der C. G. Jung-Gesellschaft Köln.

Am Samstag, 14. März, stehen bei der Tagung Fachvorträge und Workshops im Mittelpunkt. Die Theologin Philine Lewek beleuchtet um 11.15 Uhr das Phänomen eines „neurechten Christentums“ und politische Deutungsmachtkonflikte.

In neurechten Netzwerken in Deutschland und Österreich ist eine Trendwende zu beobachten. Während sich klassische extrem rechte Organisationen eher an einem germanischen Neuheidentum orientiert haben, positionieren sich zentrale Protagonist*innen der Neuen Rechten und der AfD mittlerweile als „christlich“. Der Vortrag beleuchtet dieses neurechte Christentum, zeigt theologische Argumentationen und fragt nach den Konflikten, die durch die Präsenz von neurechten politischen Theologien entstehen.

Frau Lewek, was sind die neuesten Tendenzen in neurechten Netzwerken in Deutschland und Österreich?

Philine Lewek: Ungefähr seit 2000 ist zu beobachten, dass es in Knotenpunkten der Neuen Rechten eine Art Positionierung als „christlich“ gibt. Das war vorher nicht in diesem Maße der Fall. Sowohl im traditionellen Rechtsextremismus war eher ein germanisches Neuheidentum verbreitet. Und auch bei strategischen Stichwortgebern der Nouvelle Droite spielt das Christentum eher keine zentrale Rolle – dort findet sich eher ein europäisches Neuheidentum. In der deutschsprachigen Neuen Rechten sieht man inzwischen jedoch durchaus eine Wende hin zu einem affirmativen Zugriff auf christliche Begriffe und Theologien. Das würde ich als Trendwende beschreiben. 

Warum ist es so wichtig, neurechte politisch-theologische Argumentationen öffentlich zu thematisieren und wissenschaftlich zu analysieren? 

Philine Lewek: Ich denke, das ist vor allem im Hinblick auf die Konflikte wichtig, die wir führen werden. Neurechte politische Theologien haben andere Voraussetzungen als kirchliche oder akademische Theologien. Es ist wichtig, diese Tendenz wahrzunehmen: nämlich neurechte Interpretationen des Christentums, die andere Prämissen setzen, nicht wissenschaftlich rückgebunden sind und sich nicht in derselben Weise einer konsistenten Argumentation verpflichtet fühlen. Aufgrund dieser anderen Voraussetzungen geraten sie notwendig in Konflikt mit kirchlichen oder akademischen theologischen Zugängen. Um diese Konflikte gut und konstruktiv führen zu können, ist es sinnvoll, sich damit zu beschäftigen. 

Welche Probleme und Konflikte entstehen für Kirchen und die Zivilgesellschaft durch die Vereinnahmung christlicher Symbolik? 

Philine Lewek: Wenn man es konkret macht, würde ich sagen: Probleme entstehen vor allem innerhalb von Kirchengemeinden, weil man dort mit den organisatorischen Fragen der Konflikte beschäftigt ist. Etwa: Wie ist das mit Funktionen und Verantwortung? Wie ist es mit Gemeindekirchenratsmitgliedern, die öffentlich die AfD unterstützen? Geht das – und wollen wir das als Gemeinde? Daraus entstehen Konflikte, die gut geführt werden müssen.

Termin der Tagung: 13.–14. März 2026
Ort: Haus der evangelischen Kirche, Köln
Kosten: 95 Euro (inkl. Catering)

Weitere Informationen und Anmeldung:
www.melanchthon-akademie.de
www.cgjung.org

enschen rechtsradikal?“: Theologin Philine Lewek über neurechte Netzwerke

Warum werden Menschen rechtsradikal? Frühjahrstagung im März beleuchtet Ursachen, Motive und Prävention

Rechtsradikale Einstellungen sind längst kein Randphänomen mehr. Wahlerfolge extremistischer Parteien, rassistische Gewalt und antisemitische Ressentiments stellen Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt vor enorme Herausforderungen. Was treibt Menschen in rechtsradikale Denk- und Gefühlswelten? Welche psychologischen, sozialen und theologischen Faktoren wirken dabei – und wie kann Prävention gelingen?

Diesen Fragen widmet sich die Frühjahrstagung 2026 „Warum rechtsradikal? Ursachen, Motive und Prävention“, die am 13. und 14. März 2026 in Köln stattfindet. Veranstaltet wird sie gemeinsam von der Melanchthon-Akademie und der C. G. Jung-Gesellschaft Köln.

Die Tagung bringt Expert*innen aus Psychologie, Medizin, Theologie und politischer Bildungsarbeit zusammen und verbindet wissenschaftliche Analyse mit praxisnahen Perspektiven. Ziel ist es, Radikalisierungsprozesse besser zu verstehen und konkrete Handlungsmöglichkeiten für Gesellschaft, Kirche und Zivilgesellschaft aufzuzeigen.

Zum Auftakt am Freitag, 13. März, wird im ODEON-Lichtspieltheater der Spielfilm „Mit der Faust in die Welt schlagen“ gezeigt. Im anschließenden Filmgespräch gibt ein Berater von NinA NRW Einblicke in Ausstiegsarbeit aus extrem rechten Strukturen.

Am Samstag, 14. März, stehen Fachvorträge und Workshops im Mittelpunkt. Dr. Matthias Gabriel analysiert rechtsextreme Mythen im 21. Jahrhundert und ihr Radikalisierungspotenzial. Die Theologin Philine Lewek beleuchtet das Phänomen eines „neurechten Christentums“ und politische Deutungsmachtkonflikte.

Praxisnahe Workshops widmen sich dem Umgang mit rechten Parolen, den psychologischen Mechanismen von Fremdenangst sowie der Stärkung von Menschen und Organisationen in Bedrohungssituationen.

Termin: 13.–14. März 2026
Ort: Haus der evangelischen Kirche, Köln
Kosten: 95 Euro (inkl. Catering)

Weitere Informationen und Anmeldung:
www.melanchthon-akademie.de
www.cgjung.org

Charlotte Horn: „TelefonSeelsorge bedeutet: Da sein für Menschen in Not“

Pfarrerin Charlotte Horn ist seit Mai 2025 die Leiterin der Evangelischen TelefonSeelsorge Köln. Sie hat mit Antje Rinecker, Studienleiterin für Spiritualität und Engagement, gesprochen.

Was hat Sie veranlasst, sich auf diese Stelle zu bewerben?

Charlotte Horn.

Charlotte Horn.

Charlotte Horn: Viele Jahre lang war ich ehrenamtlich Telefonseelsorgerin – neben meinem Beruf als Schulpfarrerin an einem Kölner Gymnasium. Der ehrenamtliche Dienst am Telefon hat mich über die Jahre geprägt. Die Gespräche am Telefon waren bewegend. Und ich konnte sie in der Supervisionsgruppe besprechen; die Supervisionen helfen, diese Eindrücke zu verarbeiten, eigene Muster zu erkennen und sich weiterzuentwickeln. Ich habe gelernt, bewusster zu reagieren und innerlich gelassener zu werden. Für dieses schöne und auch anspruchsvolle Ehrenamt werden alle bei uns in einer einjährigen Ausbildung qualifiziert und anschließend durch regelmäßige Supervisionen und Fortbildungen begleitet und unterstützt. Unter anderem für die Organisation dieser fachlichen Begleitung bin ich nun  als Leiterin zuständig.

Warum ist TelefonSeelsorge wichtig?

Charlotte Horn: TelefonSeelsorge bedeutet: Da sein für Menschen in Not. Manche, die anrufen, sind in einer akuten Krise, andere leiden über lange Zeit und rufen dann auch häufiger an. Es geht um Themen, die sonst „auf der Rückseite unseres Alltags“ bleiben: Menschen rufen an, weil sie niemanden haben oder weil sie ihre Familie oder den Freundeskreis mit ihrem Problem nicht immer neu belasten wollen. Oder auch, weil sie gerade wegen der Anonymität hier ihre Scham überwinden können, über das zu sprechen, was sie bedrückt.

Was könnte mich motivieren, bei der TelefonSeelsorge ehrenamtlich mitzuarbeiten?

Charlotte Horn:  Wer bei uns ehrenamtlich mitarbeiten will, sollte offen und lebenserfahren sein, sich auf andere Menschen ohne Wertung einstellen können. Man muss psychisch belastbar sein und bereit, sich mit sich selbst und den eigenen Krisen auseinanderzusetzen und Neues zu lernen. Der Einsatz umfasst 15 Stunden pro Monat, auch Nachtdienste. Da wir anonym und verschwiegen arbeiten, kann man mit diesem Ehrenamt keine öffentliche Anerkennung bekommen – jedenfalls nicht persönlich. Wertschätzung erfahren wir in der TS-Gemeinschaft daher vor allem voneinander. Eine unserer Supervisorinnen hat uns neulich ein schönes feedback gegeben: „Ich blicke hier in so viele schöne Gesichter. Gesichter, die von innen leuchten.“ Vielleicht hat diese Wahrnehmung auch damit zu tun: in diesem Ehrenamt sind Menschen bereit, sich immer neu auch mit sich selber und ihren Lebensthemen auseinanderzusetzen. Nur wer sich selber vertieft kennt, auch die eigene Verletzlichkeit, kann bei anderen angstfrei genau hinhören, was Sache ist. Und weil wir persönliche Themen miteinander besprechen, schweißt das natürlich zusammen. So ist  für viele die Verbundenheit untereinander das Rückgrat ihres Telefondienstes. Wir erleben diese Verbundenheit bei gemeinsamen Fortbildungen, Supervisionen, bei Gottesdiensten und bei Festen, die wir feiern. Da wird es dann auch mal lustig und leicht und beschwingt. Humor ist eine wichtige Kraftquelle.

Was sind in Ihren Augen die brennendsten Themen?

Charlotte Horn: Ein besonderes Thema am Telefon sind Suizidgedanken und Suizidabsichten.  Dass es die TelefonSeelsorge gibt, liegt (auch) an der Unerträglichkeit des Phänomens Suizid. Menschen töten sich selbst – aus akuter Verzweiflung, in schwerster Depression. Wahrscheinlich hätte es in den allermeisten Fällen eine andere Lösung gegeben. Denn Menschen wollen in der Regel nicht tot sein, sie wollen nur nicht so weiterleben, wie sie es gerade tun müssen. Die TelefonSeelsorge begleitet auch Menschen in tiefster Verzweiflung, um ihnen ein Innehalten zu ermöglichen. Damit sie im Gespräch über das Unerträgliche ihrer Situation vielleicht eine Perspektive finden, die ihnen das Weiterleben ermöglicht. Deshalb werden alle Mitarbeitenden bei der TelefonSeelsorge für Gespräche mit Menschen in suizidalen Krisen geschult und weitergebildet. Unsere Mitarbeitenden können das Thema sensibel aufgreifen, und sie können es auch aktiv ansprechen, wenn es notwendig erscheint.

Das Thema unseres Programmheftes heißt für dieses Halbjahr: „Reparierbar?“ Was fällt Ihnen im Zusammenhang mit der TelefonSeelsorge dazu ein?

Charlotte Horn: Bei uns geht es nicht ums Reparieren. Wiederkehrende Themen am Telefon sind: Überforderung, mangelnde Anerkennung, Scham.  Weitere Themen sind: Beziehungsprobleme, Krankheit, Trauer, Einsamkeit, Stress, Ängste. Es rufen uns Menschen aller Altersgruppen an, manche mehrmals über Wochen, manche einmal. Unsere Haltung ist: wir wissen nicht die Lösung, aber wir unterstützen dabei, dass die Anrufenden  sich sortieren, aussprechen, Kontakt spüren –  und den nächsten Schritt im eigenen Alltag für sich finden. Aktuell wirbt sogar ein deutscher Rapper in einem seiner Videoclips am Ende darum, sich in der Not an die Telefonseelsorge zu wenden (apache207, Song: Mann muss). In dem Song geht es  um die gesellschaftlichen Zwänge, unter denen viele Jungs und Männer leiden, weil sie mit einem schwierigen Bild von Männlichkeit einhergehen. Am Ende des  Videoclips wird  die Nummer der Telefonseelsorge eingeblendet. Hier darf man sich – am Telefon –  auch mal schwach und verletzlich zeigen, das ist die Botschaft.

Alle Infos finden Sie hier:   Evangelische TelefonSeelsorge Köln – Evangelischer Kirchenverband Köln und Region

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