Schlagwort: Demokratie

„Brot & Buch & Innenhof“: Semestereröffnung der Melanchthon-Akademie

MAK-Leiter Pfarrer Dr. Martin Bock und Verwaltungsmitarbeiter Matthias Franke interpretierten John Lennons Song „Imagine“.

MAK-Leiter Pfarrer Dr. Martin Bock und Verwaltungsmitarbeiter Matthias Franke interpretierten John Lennons Song „Imagine“.

„Was ist reparierbar und was nicht?“ Diese Frage hat die Eröffnung des 2. Halbjahres der Melanchthon-Akademie (MAK) in der Kölner Südstadt dominiert. Gleichwohl ging es an diesem spätsommerlichen Abend im zentralen Innenhof des Hauses der Evangelischen Kirche auch um Ermutigung, Inspiration und Trost. Wie gewohnt machten MAK-Leiter Dr. Martin Bock, die Studienleitenden sowie weitere MAK-Mitarbeitende mit individuell gestalteten Buchvorstellungen neugierig auf Veranstaltungen der Bildungseinrichtung in den nächsten Monaten. Willkommen geheißen wurden die Besuchenden in der „(UN)REPARIER-BAR“ mit John Lennons Song „Imagine“ in der Interpretation von Sänger Bock und dem Gitarre spielenden MAK-Webmaster Matthias Frank.

„Unsere Welt, unser Kontinent, unsere Stadt, unsere Seelen und Herzen brauchen Reparatur in diesen Zeiten“, verwies Bock auch auf den AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt am Vortag. „Wie damit umgehen, was unreparierbar ist?“ Dem wolle man aus den verschiedenen Perspektiven des MAK-Programms auf den Grund gehen und vor dem Austausch bei Brot und Getränken die Gäste auf heilsame und wirksame Gedanken bringen.

Annika Kruger-Bremicker: „Lieber Max,“

Zunächst tauschte sich Studienleiterin Lena Marie Felde mit Annika Kruger-Bremicker über deren Dachbodenfund, dessen Geschichte und die Folgen aus. Kruger-Bremicker waren die im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges begonnenen Tagebücher ihrer Großmutter Gisela in die Hände gefallen: „Ich konnte nicht aufhören, darin zu lesen“. Aus ihnen stellte die Enkelin schließlich ein Buch zusammen. Am 8. Oktober wird es in der MAK vorgestellt. Eigentlicher Adressat der Tagebücher war Giselas 1944 in sowjetische Kriegsgefangenschaft geratener Mann Max. Bis zu seiner Heimkehr habe seine Frau für ihn sechs Jahre lang Seite um Seite gefüllt, so Kruger-Bremicker. „Meine Oma wollte ihm berichten, wie das Leben im Krieg und danach war, wie es ihr ergangen ist in seiner Abwesenheit.“ Die Autorin empfindet diese stille Arbeit ihrer Oma als einen Brückenschlag zu ihrem Mann, als Versuch, deren Beziehung und Liebe aufrecht zu erhalten. Quasi „diese verlorene Zeit für ihn zu reparieren und wiederzubringen“.

„Politische Theologie der Modernen Welt“

Studienleiterin Lena Marie Felde und Autorin Annika Kruger-Bremicker tauschten sich aus.

Studienleiterin Lena Marie Felde und Autorin Annika Kruger-Bremicker tauschten sich aus.

Antje Rinecker widmete sich mit „Politische Theologie der Modernen Welt“ dem 2021 vorgelegten, letzten Buch von Jürgen Moltmann. Darin habe er seinen wachsenden Glauben und sein theologisches Denken zusammengebracht. Sie nannte den 2024 hochbetagt Verstorbenen einen der großen Theologen des 20./21. Jahrhunderts. Atheistisch aufgewachsen, habe er in britischer Kriegsgefangenschaft eine Bibel in die Hand bekommen. „Und dann ist das passiert, was ihn sein ganzes Leben beschäftigt hat.“ Besonders berührt haben die Studienleiterin an diesem „sehr gut zu lesenden“ Buch zwei Punkte: „Es hat mir Zusammenhänge erschlossen, von denen ich vorher nichts wusste.“ Zweitens hat es „mich getröstet angesichts der Situation in unserer Welt auch schon vor dem gestrigen Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt“. Rinecker beklagte, dass durch eine zunehmend entfesselte Sprache und einfach Machtinteressen legitimierende entfesselte Theologie, sie nannte beispielhaft Patriarch Kyrill I. in Russland, die Theologie einen unreparierbaren Schaden erfahren könne. „Dann stehe ich da mit meiner Leidenschaft für das Christentum, meiner Spiritualität und der tiefen Überzeugung, dass theologisches Denken so viel zu geben hat und zur Reparierbarkeit der Welt beitragen kann.“ Und das funktioniere in diesem Buch, in dem es darum gehe, was christliche Theologie in der Verantwortung für die Welt zu bieten habe. „Es kommt im Buch zusammen, was uns sonst so leicht auseinanderfällt: nämlich Denken und Glauben.“

„Ist denn schon alles gesagt?“

Bock hatte neben Büchern eine Erfahrung im Gepäck, „die alle etwas mit Kommunikation, Erzählen, Zuhören zu tun haben“. Er blickte kurz zurück auf eine Reise im Juli mit einer fast dreißigköpfigen Gruppe auf den Spuren der Familie Bonhoeffer in Polen sowie Sachsen-Anhalt. Kurz vor der dortigen Landtagswahl habe man in einer Kleinstadt erst nach längerem Suchen kleine Plakate demokratischer Parteien gefunden, aber keines von der AfD. „Was für eine gespenstige Atmosphäre. Der Gedanke kam auf: Ist hier schon alles klar und geredet worden?“

Reden lassen und zuhören

Nach ihrem Wahlkampf 2024 in Thüringen, in dem die Bundestagsabgeordnete Kathrin Göring-Eckhardt (Grüne) auf fast jeder Veranstaltung  nicht zu Wort gekommen und aggressiv beschimpft worden sei, habe sie die Tür hinter sich nicht zugeschlagen, sondern ein Buch geschrieben: „Deutschland, lass uns reden, Eine Reise durch die Seele der Republik“. Dafür habe sie sich mit vielen Menschen getroffen, sich Zeit genommen, auf Wut, Verwundungen, Haltlosigkeit, Überforderung, Sorgen und Lasten zu hören, sagte Bock. Und die Politikerin habe das, „was gesagt werden musste“, erst mal wirken lassen. Dabei habe sie gemerkt, dass die Wut der Gesprächspartner deutlich abgenommen habe – und ihre eigene Wut auf die Wütenden immer kleiner geworden sei. In ihrem Buch folge Göring-Eckhardt den Spuren ihrer Gespräche und Erfahrungen, so Bock. Am Ende stehe ein Schwenk zur Zuversicht, dass man durch das Zuhören und Reden lassen schließlich „wieder Grund findet, Grund, Mut in die Demokratie zu haben“.

„Jenseits der Brandmauer. Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz“

Mitglieder des Pädagogischen Teams und Verwaltungsteams der Melanchthon-Akademie sowie Gäste sprachen und musizierten zum Thema „Was ist reparierbar und was nicht?“

Mitglieder des Pädagogischen Teams und Verwaltungsteams der Melanchthon-Akademie sowie Gäste sprachen und musizierten zum Thema „Was ist reparierbar und was nicht?“

„Feine Sahne Fischfilet – was fällt Ihnen dazu ein?“, fragte Dorothee Schaper in die Runde. Einige wussten Bescheid. Die Studienleiterin wollte nicht auf eine Speisevariante hinaus, sondern auf die Polit-Punk-Band aus Jarmen in Mecklenburg-Vorpommern. Noch genauer: auf deren Frontsänger Jan Gorkow. Unter seinem Spitznamen Monchi erschien jüngst das Buch „Jenseits der Brandmauer. Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz“. Sein „Plädoyer gegen Schwarz-Weiß-Denken und für den Versuch eines Miteinanders“ ist Pfarrerin Schaper im Urlaub „über den Weg gelaufen“. Es handele von Monchis Rückumzug nach Jarmen. In seinem Geburtsort, „wo er fast jeden kennt“, erreichte die AfD bei der letzten Bundestagswahl 54 Prozent der Stimmen. Er habe es kaum fassen können, so Schaper. „Und dann schreibt er seine Erfahrung auf aus seinem Dorf.“ Er betone, dass er sich nicht von hier vertreiben lasse, sondern hier leben und bleiben wolle. Schaper berührt sein Buch, „weil er nicht aufhört zu reparieren, nicht aufgibt, und den Menschen, die im Alltag so sein wollen, wie sie sind, Mut macht“. Ermutigt hat es auch die Pfarrerin, die nach der oben genannten Studien- und Gedenkreise selbst durch „Meck-Pomm“ gereist ist und „viele Menschen getroffen hat, die dort leben wollen, so wie sie sind.“

Maximaler Gewinn und die Flucht von der Erde als Ziele der Tech-Elite

„Die Welt reparieren mag das Ziel einer demokratischen Öffentlichkeit sein. Aber nicht alle wollen das“, stellte Matthias Frank fest. „Eine Tech-Elite hat ganz andere Ziele: maximalen Gewinn und letztlich die Flucht von der Erde.“ Genau das arbeite Douglas Rushkoff in seinem Buch „Survival of the Richest. Warum wir vor den Tech-Milliardären noch nicht einmal auf dem Mars sicher sind“ heraus. Der US-amerikanische Professor für Medientheorie und digitale Ökonomie betrachte die Welt des digitalen Kapitalismus aus einer kapitalismuskritischen und humanistischen Perspektive, sagte Frank. Als Insider der Tech-Szene habe der Autor deren Entwicklung in Kalifornien seit den 1980er Jahren begleitet, beschrieben und auch als Theoretiker beeinflusst. „Dabei sieht er heute eine seltsame Mischung aus Angst und Weltherrschaftsphantasien bei deren Protagonisten am Werk.“

Mit ihrer Reise zum Mars wollten sie sich und wenige Auserwählte vor einer zusammenbrechenden Welt in Sicherheit bringen. Das Mindset der Tech-Elite bildet laut Frank den zentralen Begriff in Rushkoffs Ausführungen. Danach speise sich deren Gedankenwelt und Handlungskraft aus digitaler Technologie und Kapitalismus. „Zerstörung von Kulturen und Volkswirtschaften, von Ökosystemen und Nachbarschaften ist nicht Kollateralschaden, sondern durchaus beabsichtigt“, so Frank. „Wer unsere Welt heute verstehen will, kommt um die Tech-Elite, deren Gedankenwelt und Protagonisten nicht herum.“ Rushkoff liefere den Schlüssel zu ihrem Verständnis.

„Vieles, was nicht mehr gerettet, repariert oder aufgehalten werden kann.“

Oft würden Hoffnungen auf ein erfolgreiches Reparieren am Ende nur enttäuscht, gab Dr. Stefan Hößl zu bedenken. Er verstehe das Bedürfnis, etwas heilen, richten zu wollen. Darin aber spiegelten sich mit Blick auf die Welt doch oft Sehnsüchte und Projektionen – viel mehr als reale Möglichkeiten bestünden. Denn auf absehbare Zeit gebe es vieles, was nicht mehr gerettet, repariert oder, wie der Klimawandel, aufgehalten werden könne, meinte der Studienleiter. Der unbedingte Wunsch nach Instandsetzung verstellt laut Hößl den Blick auf ganz andere Notwendigkeiten. Auch angesichts gegenwärtiger Erscheinungsformen des Antisemitismus fragte der auf diesen Bereich spezialisierte Erziehungswissenschaftler, wo wir denn anfangen sollten mit dem Heilen.

So nehme er wahr, dass Menschen in seinem nahen Umfeld „auch fast 82 Jahre nach Auschwitz keinen Begriff von Antisemitismus haben“. Mit „großem Gewinn gelesen“ hat Hößl das von ihm vorgestellte Buch „Antisemitismus definieren. Anleitung zur Abgrenzung“ von Nikolas Lelle und Tom Uhlig. Der Sozialphilosoph und der Sozialpsychologe griffen darin „die Missverständnisse, Leerstellen und Verkürzungen um Antisemitismus“ auf, um den Begriff und „das Phänomen am Ende besser fassen zu können“. Es gehe eben nicht nur um das Reparieren. „Es geht vor allem um eine Schärfung des Blicks, um realen Problemsituationen am Ende besser begegnen zu können als bisher.“ Ganz konkret gehe es um einen realistischeren Kampf gegen Antisemitismus im privaten und öffentlichen Raum.

Nachhaltigkeitsideen voranbringen

Dr. Martin Horstmann empfahl die Publikation „Aufbäumen gegen Dürre und Fluten. Wie uns die Natur helfen kann, den Wassernotstand zu beenden. Alles über regenerative Landwirtschaft, Schwammstädte, Klimalandschaften & Co.“ von Ute Scheub und Stefan Schwarzer. Der Studienleiter zeigte sich „sehr geflasht“ von diesem „sehr konstruktiv-positiv“ verfassten Buch. Es nehme einen mit, mache Lust aufs Tüfteln. Lust darauf, sich mit „low tech“ und „einfachen Lösungen“ auf den Weg zu machen und kleine Nachhaltigkeitsideen voranzubringen – auch innerhalb von MAK-Angeboten. Zu unseren Aufgaben zählte Horstmann „nicht groß im Wege zu stehen, nicht noch mehr kaputt zu machen.“ Zu seinen „kleinen Erkenntnissen“ gehört beispielsweise, dass das in Pflanzen gespeicherte Wasser „Grünes Wasser“ genannt wird. Wer Bäume pflanze, pflanze Wasser. Wer begrüne, wirke positiv auf das Mikroklima und Schließen von Wasserkreisläufen ein. Er plädierte, „Nachhaltigkeit mit der Debatte um Krisenresilienz zu verknüpfen“. Auch bezogen auf den Umgang von Kirche und Diakonie mit den immer spürbarer werdenden klimatischen Veränderungen.

Denk-Erzähl-Essay: „Die Arbeit der Vögel“

Lea Braun beschloss den Reigen der Buchvorstellungen mit „Die Arbeit der Vögel. Seelenstenogramme“ von Marica Bodrožić. „Sie beschäftigt sich mit der Flucht Walter Benjamins im September 1940 über die Pyrenäen“, nach deren Gelingen der Schriftsteller und Philosoph sich das Leben genommen habe. Sie wandere auf dessen Pfad und verwebe ihre Biografie mit der damaligen Zeit „ganz künstlerisch“, fasste die Studienleiterin zusammen. Für Braun ist dieses „so dicht geschriebene“ Werk „nicht wirklich“ ein Roman, sondern „irgendwie ein Denk-Erzähl-Essay“. Darin streife Bodrožić Themen von Trauma, Erinnerung und Zugehörigkeit, Verlust, Philosophie und Psychoanalyse. „Und auch das Thema Flucht ist immer wieder präsent.“

Text und Fotos: Engelbert Broich

Warum werden Menschen rechtsradikal? Frühjahrstagung im März beleuchtet Ursachen, Motive und Prävention

Rechtsradikale Einstellungen sind längst kein Randphänomen mehr. Wahlerfolge extremistischer Parteien, rassistische Gewalt und antisemitische Ressentiments stellen Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt vor enorme Herausforderungen. Was treibt Menschen in rechtsradikale Denk- und Gefühlswelten? Welche psychologischen, sozialen und theologischen Faktoren wirken dabei – und wie kann Prävention gelingen?

Diesen Fragen widmet sich die Frühjahrstagung 2026 „Warum rechtsradikal? Ursachen, Motive und Prävention“, die am 13. und 14. März 2026 in Köln stattfindet. Veranstaltet wird sie gemeinsam von der Melanchthon-Akademie und der C. G. Jung-Gesellschaft Köln.

Die Tagung bringt Expert*innen aus Psychologie, Medizin, Theologie und politischer Bildungsarbeit zusammen und verbindet wissenschaftliche Analyse mit praxisnahen Perspektiven. Ziel ist es, Radikalisierungsprozesse besser zu verstehen und konkrete Handlungsmöglichkeiten für Gesellschaft, Kirche und Zivilgesellschaft aufzuzeigen.

Zum Auftakt am Freitag, 13. März, wird im ODEON-Lichtspieltheater der Spielfilm „Mit der Faust in die Welt schlagen“ gezeigt. Im anschließenden Filmgespräch gibt ein Berater von NinA NRW Einblicke in Ausstiegsarbeit aus extrem rechten Strukturen.

Am Samstag, 14. März, stehen Fachvorträge und Workshops im Mittelpunkt. Dr. Matthias Gabriel analysiert rechtsextreme Mythen im 21. Jahrhundert und ihr Radikalisierungspotenzial. Die Theologin Philine Lewek beleuchtet das Phänomen eines „neurechten Christentums“ und politische Deutungsmachtkonflikte.

Praxisnahe Workshops widmen sich dem Umgang mit rechten Parolen, den psychologischen Mechanismen von Fremdenangst sowie der Stärkung von Menschen und Organisationen in Bedrohungssituationen.

Termin: 13.–14. März 2026
Ort: Haus der evangelischen Kirche, Köln
Kosten: 95 Euro (inkl. Catering)

Weitere Informationen und Anmeldung:
www.melanchthon-akademie.de
www.cgjung.org

„Menschenrechte stark machen! Menschenrechte machen stark!“: Interview mit Maike Nadar

Maike Nadar.

Maike Nadar.

Maike Nadar ist Expertin im Bereich Kinder- und Menschenrechte. Seit mehreren Jahren ist sie enge Kooperationspartnerin der Melanchthon-Akademie in diesem Themenfeld. Studienleiter Dr. Stefan Hößl führte ein Gespräch mit ihr.

Maike, seit Langem arbeitest Du mit der MAK zusammen im Themenfeld „Menschenrechte“. Zusammen haben wir z. B. einen Fachtag zur Kritik des Antisemitismus gestaltet und im Rahmen der Reihe „Liebe ist politisch!“ hast Du ein menschenrechtlich fundiertes Plädoyer für den Respekt vor unterschiedlichen Formen der Liebe formuliert hast. Viele Menschen aus dem Akademie-Umfeld kennen Dich insofern schon. Für die anderen: Bitte stelle Dich kurz vor.

Maike Nadar: Ich bin Sozialarbeiterin. Seit 2024 baue ich – zusammen mit Anna Bahr – an der Universität Rostock das Transferzentrum Kinderrechte & Kinderschutz auf. Im Zentrum unserer Arbeit stehen Kinder und Jugendliche als Rechtssubjekte und Gestalter:innen unserer Gesellschaft. Wir setzen uns dafür ein, die Menschenrechte von Kindern und Jugendlichen in der Gesellschaft bekannter zu machen und umzusetzen.

Auf Menschenrechte wird immer wieder Bezug genommen. Um was genau geht es da?

Maike Nadar: Menschenrechte sind Rechte, die allen Menschen gleichermaßen allein aufgrund ihres Menschseins zustehen und in der Würde eines jeden Menschen gründen. Wie in der UN-Behindertenrechtskonvention beschrieben, muss es allen Menschen ermöglicht werden, ein Bewusstsein ihrer Menschenwürde zu entwickeln.

Wenn Du auf die aktuellen Entwicklungen blickst – wie nimmst Du diese wahr?

Maike Nadar: Ich ziehe eine sehr nüchterne Bilanz. Es steht sehr ernst um Menschenrechte, Freiheit und Demokratie! Menschenrechte waren nie auch nur halbwegs verwirklicht, aktuell befinden sie sich in einer fundamentalen Krise. Mit Rückschlägen musste immer gerechnet werden. Die Idee der Menschenrechte wurde in der Vergangenheit von einem Glauben an eine langsame, aber stetig positive Entwicklung getragen. Dieser Rückenwind scheint aktuell auszubleiben, wie Heiner Bielefeldt, der von 2010 bis 2016 Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit des UN-Menschenrechtsrats war, attestiert.

… trotzdem sollte an der Idee der Menschrechte unbedingt festgehalten werden…

Maike Nadar: Ja klar. Es gibt gute Gründe für mehr menschenrechtliches Selbstbewusstsein! Denn Menschenrechte sind plausibel und haben Überzeugungskraft. Wir müssen Menschenrechte ernst nehmen, denn menschenrechtliche Verträge sind mehr als politische Ziele oder ethische Leitlinien. Sie sind in Deutschland bindendes Recht. Menschenrechte leben von Menschen, die von ihrem Sinn überzeugt und bereit sind, politisch dafür einzustehen und deren Plausibilität immer wieder argumentativ darzulegen, gegen Angriffe, Missverständnisse, Verdrehungen und Einwände zu verteidigen. Menschenrechte stellen, mit Waltraut Kerber-Ganse gesprochen, eine Vision und einen Maßstab dar, der schon heute gilt und „der im Hier und Jetzt“ umzusetzen ist. Es geht bei Menschenrechten um Standards, die neben der juristischen und ethischen auch eine politische Dimension besitzen, aus denen gesellschaftliche Konsequenzen resultieren, die nicht vergessen werden dürfen. In der Quintessenz bedeutet das: Menschenrechte machen stark, aber wir müssen uns immer wieder auch für sie stark machen!

Fachtag Menschenrechte. Jetzt erst RECHT!

Mit Prof. Dr. Janieta Bartz,
Prof. Dr. Dr. h.c. Heiner Bielefeldt,
Prof. Dr. Christoph Gille,
Saloua Mohammed,
Maike Nadar &
Prof. Dr. Joachim Söder.

Mi, 29.04. 12-20 (10 UStd)

Dieser Kurs kostet 10 Euro

Nr. 2129H

Haus der Ev. Kirche, Kartäusergasse 9-11

„Ja zu Migration“ gestartet: Melanchthon-Akademie unterstützt Kampagne

Kampagne „Ja zu Migration“ gestartet. Jetzt mitmachen!

Die Kampagne „Ja zu Migration“ setzt der zunehmenden Hetze gegen Migrant:innen und der Problematisierung von Migration eine positive, faktenbasierte, persönliche und empathische Darstellung entgegen. Sie setzt damit ein klares Zeichen für ein solidarisches Miteinander.

Die Melanchthon-Akademie unterstützt diese wichtige Kampagne und lädt dazu ein, mit einem eigenen Portrait oder Gruppenfoto Teil der Kampagne zu werden!

Alle Infos über die Kampagne und zum Mitmachen auf www.ja-zu-migration.de.

Liebe ist politisch!

Foto: Jan Dooley

Foto: Jan Dooley

„‚Liebe‘ – ist das nicht ein falsches Wort?“ fragt der französische Philosoph François Jullien (2019: 159) in seinem Buch „Vom Intimen“. Und tatsächlich lässt sich zu Recht fragen: Was bedeutet „Liebe“ denn eigentlich? Wie lässt sie sich verstehen und be-/greifen? „Liebe“ ist ein schillernder Begriff – wofür eigentlich genau? Handelt es sich da um ein körperliches Begehren, eine Sehnsucht nach Berührung, Ekstase und Genuss, die schon bald wieder im Verschwinden begriffen ist? Handelt es sich um ein emotionales, vllt. manchmal auch übersteigertes Idealisieren von Personen, Lebewesen, Gegenständen oder auch z. B. Landschaften? Ist „Liebe“ nur schön und mit Vertrauen und Geborgenheit verbunden? Ist „Liebe“ nicht aber auch ein Vehikel, um letzten Endes Hass und Ausgrenzung zu legitimieren, wie bspw. im Rahmen nationalistischer „Vaterlandsliebe“ oder einer Ablehnung von Queerness im Kontext von heteronormativen Vorstellungen von Liebe, Partner*innenschaft und Familie? … oder ist „Liebe“ insbesondere eine ethisch-universalistische Grundhaltung und Wertorientierung, wie sie im Altruismus und in der Karitas ihren Ausdruck findet?

Wenn „Liebe“ all das gleichzeitig sein kann, bedeutet „Liebe“ dann am Ende… nichts mehr? … zumindest nichts Konkretes? Heißt das am Ende, dass „man nicht mehr ich liebe dich sagen sollte“, wie es Jullien (2020) formuliert, der stattdessen lieber „Intimität“ in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen rückt?

Love is all around. Liebe ist Thema!

Im ersten Halbjahr rückt die Liebe in den Mittelpunkt einer Veranstaltungsreihe der Melanchthon-Akademie – und so facettenreich, wie dieser Begriff ist, sind auch die damit verbundenen thematischen Vertiefungen. Bei diesen zeigt sich, dass Liebe fast immerzu gesellschaftsrelevante, politische Dimensionen aufweist – und auch das in vielfältiger Weise. Wer liebt wen oder was? Wer liebt wie? Wer soll wen oder was (nicht) lieben? Wie viel(e) darf man lieben? Was ist mit ungestillter Liebe? Wo hat Liebe vllt. auch anti-/demokratische Implikationen? Wie kann Selbstliebe ein Akt des Widerstands gegen Zumutungen sein – gegen Autoritäres, gegen Einengendes, für die eigene Freiheit und Emanzipation sowie die anderer?

Wir laden Sie und Euch herzlich ein, diese Fragen mit uns und unseren Referierenden zu vertiefen!

Einige ausgewählte Veranstaltungen in der Reihe „Liebe ist politisch“:

27. März 2025, 19.00-21.00 Uhr: Eva Illouz: Konsum der Romantik. Ausgewählte Passagen: Mit Markus Melchers. Hier anmelden!

9. April 2025, jeweils 19.00-21.00 Uhr: Starke Gefühle – Bibliolog meets Gewaltfreie Kommunikation. Was uns die starken Gefühle biblischer Figuren heute erzählen: Mit Jörg Heimbach und Antje Rinecker. Hier anmelden!

Sa, 5. April, 18:30-20.00 Uhr: Selbstoptimierung ≠ Selbstliebe. Warum grenzenlose Selbstoptimierung uns am Ende mehr schadet als nützt: Mit Marcel Eulenbach. Hier anmelden!

30. April 2024, 18.00-20.00 Uhr: Queeres Leben in Köln vom Mittelalter bis heute – ein historischer Stadtrundgang: Mit Thomas Freund. Hier anmelden!

7. Mai 2025, 18.30-20.00 Uhr: reasons for love. Ein philosophisch-menschenrechtliches Plädoyer für den Respekt vor unterschiedlichen Formen der Liebe: Mit Maike Nadar und Prof. Dr. Joachim Söder. Hier anmelden!

Gebetsruf an der Venloerstraße – Eine Erkundung im Zwischenraum

Als evangelische Pfarrerin in Köln und langjährige Wegbegleiterin des Moscheebaus an der Venloerstraße möchte ich am Freitag, den 14.10.2022, dabei sein, wenn der Ruf zum Gebet an der Zentralmoschee zum ersten Mal in diesem Rahmen im öffentlichen Raum ausgerufen wird. Wie wird es klingen?  Wie wird sich der neue Sound in das Konzert der Klänge von Autolärm, Glockengeläut, Kinderstimmen, Fahrradklingeln etc. an der Venloerstraße einfügen? Wer wird dort sein? Wer wird seine Stimme erheben? Um 13.20h stehe ich an der Moschee.

Schaue ich zur rechten Seite der Straße, sehe ich muslimische Frauen und Männer in Erwartung des Freitagsgebets die Freitreppe zur Moschee hinaufgehen. Ob sie sich freuen, dass ihre Religion in dieser Stadt nicht nur sichtbar, sondern zur Gebetszeit auch hörbar ist? Ob sie sich als Kölner:innen an diesem Tag auch an die verpatzte Eröffnung der Moschee oder an die rechtsgerichteten Proteste gegen die Moschee hier auf der Straße erinnern? Viele von ihnen scheinen mir zu jung für diese Erinnerung.

Schaue ich zur linken Seite der Straße, sehe und höre ich ein Gruppe von Protestierenden:  ‚Frauen Leben Freiheit‘ –  der Slogan, der in diesen Tagen besonders im Iran, aber auch weltweit in Solidarität mit den Protestierenden im Iran skandiert wird. Frauen mit iranischer Herkunft und solidarische Begleiter:innen haben sich in Position gebracht, um auf den mutigen Kampf der Frauen für Freiheit und Gerechtigkeit im Iran aufmerksam zu machen. Ob sie den Ort ihres Protestes gewählt haben, weil sie wissen, dass viel Presse zugegen sein wird? Oder brauchen sie einfach irgendeinen muslimischen Adressaten für ihre Kritik und da es in Köln nur eine sehr kleine schiitische Moschee gibt, haben sie sich lieber für die sichtbarste und größte Moschee entschlossen?

Ich befinde mich auf dem Bürgersteig im Dazwischen, die Zwischenräume im öffentlichen Raum scheinen besonders geeignet, um die Errungenschaften einer offenen Gesellschaft zu erkunden. In diesem Moment wird der Bürgersteig an der Venloerstraße, an dem ich mich befinde, zu einem besonderem Erfahrungsraum zwischen der Freiheit von Religion bzw. der Trennung von Staat und Religion und der Freiheit zur Religion. Wer wird zu Gehör kommen? Welche Stimmen werden wie laut zu hören sein?

Ich weiß es zu schätzen, dass in diesem säkularen Rechtsstaat die verschiedenen Stimmen, sowohl die religiösen als auch die säkularen, sowohl die Frauen als auch die Männer im öffentlichen Raum gleichberechtigt hörbar sind, ihren Platz haben und staatlicherseits geschützt werden – weltweit leider immer noch nicht selbstverständlich. Ich bin erleichtert, dass am heutigen Tag nicht wie in zurückliegenden Jahren die rechtsradikalen und rechtspopulistischen Gruppen und Parteien das Bild des Protestes bestimmen. Jedenfalls kann ich keine rechten Sprüche hören oder Plakate sehen. Haben wir doch in den vergangenen Jahren zu Genüge gegen dieses Szenario auf der Venloerstraße vor der Moschee für die Moschee gestanden.

…und dann wird es 13.24h – die angekündigte Zeit zum Gebetsruf. Ich stehe direkt vor dem Treppenaufgang zur Moschee und höre ihn leise, den Ezan, den Ruf zum Gebet und das Bekenntnis zu dem einen Gott und Mohamed, seinem Propheten. Er fädelt sich relativ unaufgeregt in die Klangwelt und Geräuschkulisse der Straße ein und ist nach wenigen Minuten wieder verklungen. Man muss bewusst lauschen, um ihn in der Vielstimmigkeit der Straßenecke herauszuhören. Es bestätigt mich in der Einschätzung, dass die Kritik an der Abhängigkeit der DITIB vom türkischen Ministerium für Religionsangelegenheiten einen anderen Anlass und Zeitraum braucht als diese drei Minuten öffentlicher Gebetsruf unter 60 Dezibel. Auf jeden Fall ist der Autolärm und die entschlossenen Rufe der Frauen: ‚Frauen, Leben, Freiheit‘, die die Gewalt und Brutalität der islamischen Republik Iran nicht mehr ertragen, deutlich lauter. Auf den Autolärm und Ressourcenverbrauch, der ihn verursacht, kann unsere Gesellschaft gut und gerne verzichten – auf die Stimmen, die ein deutliches NEIN gegen den Machtmissbrauch durch die Verquickung von Staat und Religion/Ideologie setzen und sich für eine offene, diverse Gesellschaft einsetzen allerdings auf keinen Fall, in diesen Zeiten, in denen demokratische Strukturen von despotischen Kräften und Mächten bedroht werden. Wir brauchen sie alle, die diversen und kontroversen Stimmen, die eine Demokratie stark machen und demokratisches Tun unterstützen.

In diesem Sinne hoffe ich, dass die Polyphonie der Säkularen und Gläubigen, der Einheimischen und Eingewanderten, der Glocken und Gebetsrufer, Kopftuch- und Kippaträger:innen weiterhin sichtbar und hörbar ist und diese Gesellschaft und Stadt mit ihren religiösen und säkularen Räume prägen werden und sich die Bürger:innen unserer Gesellschaft an dieser Vielstimmigkeit erfreuen und in diesen Zeiten für sie wehrhaft einstehen.                                                                                                                                                                                                                                                      Dorothee Schaper

Bildung als Muss und Genuss

Lass uns reden I #61

Die Melanchthon-Akademie engagiert sich unter anderem für eine „Bildung für alle“. Hier erzählt der Leiter, Dr. Martin Bock, wie dieses Ziel Realität werden kann, von Bildungsangeboten zwischen „Himmel und Erde“, wie es zur Namensgebung kam und was diese letztlich mit dem Bildungsauftrag zu tun hat.

Seid sehr wachsam! Liane Bednarz und Arnd Henze über rechtes Gedankengut in der Kirche

Die Publizistin und Juristin Liane Bednarz warnt in ihrem Buch „Die Angstprediger. Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirche unterwandern“ (München 2018) davor, dass rechte Bewegungen sich als „konservativ“ darstellen, aber unter diesem Deckmantel rechte, rechtsextreme und sogar rechtsradikale Positionen verbreiten und damit auch bei Christen ankommen. Sie wirbt daher für eine klare Unterscheidung zwischen Christen, die konservativ orientiert sind und „Christen mit Rechtsdrall“. Arnd Henze, Journalist und Autor des Buches „Kann Kirche Demokratie?“ (Freiburg 2019), hat sich ebenfalls intensiv mit dem Thema beschäftigt. Die beiden Referenten waren auf Einladung der Melanchthon-Akademie in diese gekommen, um über das Thema zu sprechen, zu diskutieren und auch zu debattieren.

 

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