Schlagwort: Resilienz

Sich auf den eigenen Weg machen: Die Kunst der Lebenspfadfinderei. Interview mit Christina Münk

Weshalb ist die philosophische Reflexion so spannend für die Persönlichkeitsentwicklung?

Sokrates soll gesagt haben: „Nur ein geprüftes Leben ist es wert, gelebt zu werden“. Mir gefällt diese ziemlich radikale Aussage. Ich würde sagen, dass Selbstreflexion und das Prüfen von Meinungen, Gewohnheiten und Üblichkeiten die Basis für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung sind. Insofern ist die philosophische Reflexion für mich nicht nur eine Denkmethode, sondern eine grundlegende Haltung – eine Art, in der Welt zu sein, die ich auch in meinen Veranstaltungen vermitteln möchte.

Dr. Christina Münk ist Philosophin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Seit 15 Jahren leitet sie Veranstaltungen zur persönlichen Entwicklung und bewussten Lebensführung.

Dr. Christina Münk ist Philosophin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Seit 15 Jahren leitet sie Veranstaltungen zur persönlichen Entwicklung und bewussten Lebensführung.

Welcher Wunsch steht hinter dieser Haltung? Geht es darum „bei sich selbst anzukommen“ – ist das überhaupt ein erreichbarer Zustand?

Christina Münk: In der Existenzphilosophie, die mich sehr geprägt hat, wird die Vorstellung, man könnte bei sich selbst ankommen und wäre dann sozusagen fertig, als Illusion kritisiert. Das sehe ich auch so: Wir sind als Menschen niemals fertig. Solange wir leben, sind wir nie vollständig angekommen – und dieser Gedanke ist zugleich beunruhigend und befreiend!

Denn das bedeutet einerseits, dass wir uns von der Vorstellung verabschieden müssen, ein glückliches Leben bestehe darin, in totaler Selbstzufriedenheit, ohne Zweifel und innere Konflikte einfach „man selbst“ zu sein. Dafür sind wir als Wesen mit Bewusstsein einfach nicht gemacht. Andererseits heißt das aber: Es ist nie zu spät, sich zu verändern und dem eigenen Weg eine neue Richtung zu geben.

… und wie kann das gelingen?

Christina Münk: Am Anfang stehen Selbstreflexion und Selbsterkenntnis. Und zur Frage nach dem Ziel fällt mir die Formulierung ein „mit sich selbst einverstanden sein“. So hat der Philosoph Peter Bieri die Voraussetzung für ein gutes Leben beschrieben. Gemeint hat er damit, dass wir in unserem Denken, Fühlen, Wollen und Handeln immer mehr zu der Person werden können, die wir sein möchten. Das bedeutet: Durch Reflexion und innere Arbeit können wir unser Leben immer mehr in Einklang mit unseren eigenen Werten bringen. Dieses Einverstanden-Sein mit sich ist kein statischer Idealzustand, sondern ein dynamischer, unperfekter Prozess – eine lebenslange Aufgabe, aber eine sehr lohnende.

Sie betonen hierfür die Relevanz von Achtsamkeit, Selbstwahrnehmung und innerer Arbeit – sehen Sie darin auch eine Antwort auf gesellschaftliche Krisen?

Christina Münk: Ich bin überzeugt, dass die Arbeit an sich selbst und die persönliche Entwicklung immer auch eine politische Dimension haben. Wir werden von den gesellschaftlichen Strukturen geprägt, in denen wir leben. Sich persönlich weiterzuentwickeln heißt daher auch, diese Strukturen zu prüfen und kritisch zu hinterfragen – und genau das ist eine Voraussetzung für gesellschaftlichen Wandel.

Aktuell fällt es in diesen unsicheren Zeiten manchmal schwer den Mut zu bewahren. Wie bleiben wir verbunden und können an einer besseren Zukunft mitwirken?

Christina Münk: Erich Fromm schrieb 1976: „Das physische Überleben der Menschheit hängt heute von einer radikalen Veränderung des Herzens ab“. Dieser Gedanke ist jetzt, 50 Jahre später, aktueller denn je. Wir leben in extrem herausfordernden Zeiten und viele spüren: So kann es nicht weitergehen. Gerade deshalb ist es wichtig, sich bei der inneren Arbeit auch mit Gleichgesinnten auszutauschen. Das hilft zu erkennen, dass man mit dem Wunsch, persönlich und gesellschaftlich etwas zum Besseren zu verändern, nicht allein ist.

In meinen Workshops schaffe ich bewusst Raum für diesen Austausch – und die Teilnehmenden nutzen das sehr gerne. Denn wir alle wünschen uns, unseren eigenen Weg zu gehen und gleichzeitig Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der wir gesehen, respektiert und wertgeschätzt werden.

Sie heben hervor, dass Entscheidungen oft „nur einen Gedanken entfernt“ sind – wie passt das zu der oft langen und schwierigen inneren Veränderung?

Christina Münk: Persönliche Entwicklung ist meiner Erfahrung nach beides: ein langfristiger, oft auch langwieriger Prozess und immer wieder auch ein spontanes Ereignis, das zu einer neuen Entscheidung führt. Ich habe oft erlebt – bei mir selbst und bei anderen –, dass ein Impuls, ein Gedanke oder ein einzelner Satz plötzlich etwas in Bewegung bringen kann.

In Beratung, Therapie oder in Workshops sind das tolle Momente: wenn ein Satz plötzlich auf eine ganz besondere Weise wirkt und nicht nur die Gedanken verändert, sondern einen Raum im Inneren öffnet, der sogar körperlich spürbar wird.

Mein Wunsch ist es, dass Menschen aus meinen Veranstaltungen mit einem neuen Gedanken herausgehen, der in ihnen weiterarbeiten und ihre nächste Entscheidung bereichern darf.

 

Veranstaltungstipps:

Wie will ich leben?

Den inneren Kompass ausrichten

Sa, 19.09.  I 10-14 Uhr I 35 € I Nr. 3232BR

 

Den Menschen feind?

Wie eine hoffnungsvolle Misanthropie uns jetzt helfen kann. Vortrag mit Austausch

Fr, 06.11. I 18-19.30 Uhr I 10€ I Nr. 6244F

 

Mit mir auf meiner Seite

Die Kraft der Selbstfreundschaft entdecken

Sa., 28.11. I 10-14 Uhr I 35 € | Nr. 3230BR

 

Fotos: Christina Münk/Agung Pandit Wiguna

In Bewegung kommen, wenn alles stillsteht

Qigong in der Trauerarbeit

Bernadette Calenberg ist als Qigonglehrerin freiberuflich im Bereich Gesundheit/Entspannung und in der Trauerbegleitung tätig. Sie arbeitet ehrenamtlich für den Kölner Verein TrauBe (Trauerbegleitung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene).

Bernadette Calenberg ist als Qigonglehrerin freiberuflich im Bereich Gesundheit/Entspannung und in der Trauerbegleitung tätig. Sie arbeitet ehrenamtlich für den Kölner Verein TrauBe (Trauerbegleitung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene). Portrait, Calenberg

Der Verlust eines geliebten Menschen kann das Leben radikal verändern. Nichts fühlt sich mehr vertraut an, oft dominieren Schock, Erstarrung und eine tiefe innere Lähmung. Gerade in der Erwachsenenbildung, in der biografische Brüche und Risse Raum finden, stellt sich die Frage: Wie können Erfahrungsräume gestaltet werden, die Menschen in solchen Lebensphasen unterstützen?

Der Ansatz von Bernadette Calenberg liegt im Qigong – eine jahrtausendealte Praxis aus der Traditionellen Chinesischen Medizin. Übersetzt bedeutet „Qi“ Lebensenergie, „Gong“ steht für beharrliches Üben. Im Kern geht es also darum, die eigene Lebenskraft bewusst zu pflegen und in Fluss zu bringen.

Wie würden Sie das Qigong-Üben mit Trauernden beschreiben?

Es ist eine sanfte Einladung, dem Stillstand des Todes mit ruhigen, fließenden Bewegungen zu begegnen. Qigong kann Trauernden helfen, innerlich in Bewegung zu kommen, wieder Tritt zu fassen, um herauszufinden aus dem tiefen Loch. Man übt in der Hoffnung, dass sich die Erstarrung allmählich lösen kann, und man vertraut darauf, dass die langsamen, sich wiederholenden Bewegungen des Körpers nach und nach auch das Innere, die Seele, erreichen und den Trauerprozess auf positive Weise begleiten.

Zwischen Akzeptanz und Veränderung

Ein zentrales Prinzip im Qigong ist das Zusammenspiel von Gegensätzen: Ruhe und Bewegung, Spannung und Entspannung, Loslassen und Aktivität. Diese Dynamik spiegelt sich auch im Trauerprozess wider. Verlust und Neubeginn sind keine Gegensätze, sondern Teil eines kontinuierlichen Wandels.

Für die Bildungsarbeit eröffnet sich hier ein wertvoller Ansatz: Qigong kann helfen, Akzeptanz nicht als passives Erdulden, sondern als aktiven Prozess zu erleben. Indem Teilnehmende lernen, sich auf Bewegung einzulassen, erfahren sie, dass Veränderung möglich ist – in ihrem eigenen Tempo.

Rituale der Selbstfürsorge

Die Übung kann als heilsames Ritual in der Trauer gesehen werden. Die Sequenz von fließenden Bewegungen wird so lange geübt, bis der Ablauf als intuitives Körperwissen gespeichert ist. Nach einer gewissen Zeit »passieren« Schritte und Bewegungen wie von selbst. Das Denken tritt in den Hintergrund, das Spüren in den Vordergrund. Man lässt sich tragen vom Fluss der Übung. Es ist leicht vorstellbar, dass diese Art der ruhigen körperlichen Betätigung einem Trauernden gut tun, Halt und Sicherheit geben kann in einer Situation, in der alles aus den Fugen zu geraten scheint. Diese Erfahrung kann als Ressource wirken. Teilnehmende berichten häufig, dass sie sich während der Übungen „getragen“ fühlen oder für einen Moment Abstand von belastenden Gedanken gewinnen. Qigong wird so zu einer Form praktizierter Selbstfürsorge.

Bewegung als Zugang zur Seele

Credit: leoon liang

Credit: leoon liang

Trauer zeigt sich nicht nur emotional, sondern auch körperlich: Schlaflosigkeit, innere Unruhe oder Verspannungen sind häufige Begleiter. Qigong setzt genau hier an. Durch langsame, wiederholende Bewegungen wird der Körper sanft aktiviert – ohne Leistungsdruck, ohne Zielorientierung.

Gerade diese Reduktion wirkt: Während der Geist oft kreist, schafft der Körper einen Zugang zu etwas Grundlegendem – dem Spüren. Die Übungen laden dazu ein, aus der inneren Starre herauszutreten und wieder in Bewegung zu kommen. Dabei entsteht eine Form von Stabilität, die nicht kognitiv erarbeitet, sondern körperlich erfahren wird.

Rhythmus der Natur

Die Natur kann in ihrer Schönheit, Erhabenheit und ihrer Kraft etwas sehr Tröstliches sein und Geborgenheit geben. Es ist nicht unbedingt notwendig, Qigong unter freiem Himmel zu üben, um das Gefühl des Eingebundenseins in die Natur entstehen zu lassen.

Bilder, die tragen

Einen Bezug zu den natürlichen Kräften schaffen vor allem die vielfältigen inneren Bilder, die das Üben begleiten: sei es die Vorstellung von der Ruhe des Mondes, der Verwurzelung des Baumes, der Leichtigkeit der ziehenden Wolken und des Vogels, der sich mit kraftvollen Flügeln emporschwingt. Sie eröffnen einen imaginativen Raum, der besonders für Menschen in Trauer zugänglich sein kann: Worte fehlen oft – Bilder hingegen wirken unmittelbar.

Diese Verbindung von Körper, Atmung und Vorstellungskraft schafft einen ganzheitlichen Prozess. Teilnehmende erfahren sich nicht nur als denkende, sondern als fühlende und wahrnehmende Menschen.

Wo liegen die Grenzen?

So wirksam Qigong sein kann: Es ist kein Allheilmittel. Nicht jeder Mensch findet Zugang zu meditativen, langsamen Praktiken. Entscheidend sind Freiwilligkeit und die Offenheit, sich auf innere Prozesse einzulassen. Qigong sollte als Angebot verstanden werden – als Einladung, neue Erfahrungen zu machen. Gelingt dies, kann es ein kraftvolles Instrument sein, um Menschen in schwierigen Lebensphasen zu begleiten.

Denn manchmal beginnt Veränderung mit einer kleinen, achtsamen Bewegung.

 

Probieren Sie es aus:

Halt und Trost

Qigong als heilsame Kraft in der Trauer

07.11. I 10-15 Uhr I 32€ I Nr. 5235BR

 

INFOBOX

Mitten im Leben – Tod, Sterben und Trauer

In Kooperation mit: Ausbildung Ehrenamtlicher Seelsorgender und Lutherkirche Nippes

 

Gefühlswelten

Trauer im systemischen Blick

16.09.2026 I 19-21 Uhr I kostenlos I Nr. xxxxBR

Credit: Rogge und Jankovic

Credit: Rogge und Jankovic

 

Erde zu Erde

Den Tod mitgestalten – Urnen aus Lehm

  1. und 14.11. I 12-16:30 Uhr I 180€ I Nr. 7223F

 

Gutes Abschiednehmen

Wissen und Erfahrungen für die erste Zeit der Trauer

23.11. I 18-20 Uhr I kostenlos I Nr. xxxxBR

Kollapsbewusstsein: Der Beitrag von Kirche und Theologie zu einer aktuellen Debatte

Von Walter Lechner

Walter Lechner.

Walter Lechner.

Die Mehrheit der Klimawissenschaftler:innen geht davon aus, dass eine Begrenzung auf 1,5 bis 2,0 Grad nicht mehr möglich und damit das Pariser Klimaabkommen praktisch nichtig ist. Zu dieser Klimakatastrophe hinzu kommen weitere beunruhigende Entwicklungen: das größte Artensterben seit 66 Millionen Jahren, eine wachsende Zahl von Kriegen und bewaffneten Konflikten, ein globaler Demokratieverlust sowie Rekordumfragewerte rechtsextremer Parteien.

Engagement für Ökosysteme, Frieden und Demokratie ist also weiter wichtig, vielleicht mehr denn je. Und gleichzeitig drängen sich Fragen auf, die über alle Versuche, das Schlimme abzuwenden, hinausgehen, nämlich: Was, wenn eben nicht alles gut ausgeht? Was tun wir dann? Und: Wer wollen wir in einer solchen Welt sein?

Wahrscheinlich ist aktuell beides nötig: weiter um jedes Zehntelgrad, jede Tierart, jeden Zentimeter demokratischen Grunds kämpfen – und gleichzeitig Kollapsszenarien zulassen und durchspielen, um schon jetzt Politik, Zivilgesellschaft und Kirche darauf vorzubereiten.

Die Zukunft erfordert also eine Art „Beidhändigkeit“ (Ambidextrie), mit der wir in den nächsten Jahrzehnten gleichzeitig in verschiedene Richtungen wirken können: Gefahrenabwehr und Prävention einerseits, Resilienz und Kollapskompetenz andererseits.

Kirche und Diakonie können in diesen Prozessen eine relevante Rolle spielen – zunächst ganz praktisch. Immerhin bieten sie (noch) ein fast flächendeckendes System mit Personalressourcen (Haupt- und Ehrenamtliche), Fachkompetenzen, Gebäuden und Kommunikationsstrukturen. Und bei jeder Flutkatastrophe in den letzten Jahren gehörten kirchliche und diakonische Akteur:innen zu den ersten vor Ort, die Unterstützung, Gespräche, Seelsorge und Hilfsvermittlung zur Verfügung stellten.

Jedoch steckt gerade Kirche gegenwärtig in massiven Rückbauprozessen. Die Strukturdiskussionen kreisen in aller Regel um innerkirchliche Logiken (Was braucht Kirche, um ihre „Kernaufgaben“ zu erfüllen? etc.). Selten wird danach gefragt, welche Rolle kirchliche Strukturen für die gesamte Zivilgesellschaft spielen (können). Aus kollapsbewusster Perspektive könnten die Strukturanpassungsdebatten aber vielleicht noch einmal ganz anders geführt werden. Denn das landes- und bundesweite kirchliche Filialsystem kann eine nicht zu unterschätzende Funktion für eine krisenresiliente Gesellschaft erfüllen.

Auch theologisch stellt uns die Kollapsthematik vor Herausforderungen. Möglicherweise könnte hier ausgerechnet das viel gescholtene „apokalyptische Denken“ Perspektiven bieten. Aus biblisch-theologischer Perspektive möchte ich provokant sagen: Mehr Apokalypse wagen!

Die biblische Apokalyptik ist nämlich keine Weltuntergangs-, sondern eine Hoffnungstradition. Allerdings entsteht apokalyptische Hoffnung in der Bibel nicht aus einem Optimismus oder „positivem Denken“ (nach dem Motto „Es wird schon gut gehen“ oder „Es wird schon nicht so schlimm werden“), sondern aus der unverstellten Wahrnehmung der Realität. Biblische Apokalyptik schaut der Wahrheit ins Auge – inklusive Anerkennung der Existenz menschen- und lebensfeindlicher Mächte und möglicher kommender Zerstörungen und Kollapse der bestehenden Ordnungen (womöglich ein Grund, warum Apokalyptik in der gegenwärtigen Theologie und Glaubenspraxis in der Regel kaum eine Rolle spielt).

Apokalyptische Glaubensvorstellungen und Weltsichten in der Bibel nehmen all das mit allen Konsequenzen ernst – und wissen gleichzeitig von einem Handeln Gottes in all diesen Verwerfungen und Verheerungen. Dieses göttliche Handeln erweist sich dabei letzten Endes als stärker als die Weltreiche mit deren Zerstörungskraft. Es hat gerade die Opfer und Marginalisierten im Blick, befreit sie aus ihrer Machtlosigkeit, empowert sie und lässt sie hoffen – nicht an den Katastrophen vorbei, sondern durch die Katastrophen hindurch.

Überspitzt gesagt sind die in der Apokalyptik angekündigten Katastrophen und Kollapse in erster Linie für die Herrschenden bedrohlich; für die Opfer und Unterdrückten können sie die Wende zur Befreiung sein. Am Ende stehen dann nicht die zerstörerischen Mächte und Weltreiche, sondern die Herrschaft mit menschlichem Antlitz (Daniel 7), die Neuschöpfung und das Reich Gottes, welches mit der Auferstehung von Jesus Christus bereits seinen Anfang genommen hat und sich nicht entrückt im Himmel, sondern sehr irdisch auf der (wenn auch dann ganz neu geschaffenen) Welt ereignet (Offenbarung 21).

Apokalyptischer Glaube sehnt nicht die Katastrophe herbei. Aber er weiß, dass Katastrophen kommen können. Und dass Gott auch darin Gott bleibt. Dass die Auferstehungskraft von Jesus auch da wirkt. Damit ist apokalyptisches Denken im biblischen Sinn möglicherweise geradezu prädestiniert, um Menschen als Interpretations- und Bewältigungshilfe zu dienen.

Walter Lechner wirkte von 2006 bis 2021 als Gemeindepfarrer auf dem Land und in der Großstadt in Sachsen. Seit 2022 ist er Referent für Sozialraumorientierung in Diakonie und Kirche bei der Evangelischen Arbeitsstelle midi.

Veranstaltungshinweis: Über Leben in Kollapsen

Kirche und Diakonie als zivilgesellschaftliche Akteurinnen angesichts von Krieg, Faschismus und Klima-Endgame

Do., 5. Februar 2026, 10:30-16:15 Uhr | 50€ | N131

Die Melanchthon-Akademie richtet zusammen mit der VRK-Akademie, der evangelischen Zukunftswerkstatt midi und dem Netzwerk „Tiefe Anpassung“ und in Kooperation mit der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft FEST einen Fachtag aus zur Rolle von Kirche und Diakonie in multiplen Kollapsen. Im Herbst ist zudem ein zweitägiges Barcamp in Berlin geplant.

Stille: Ein Modus des Wachsens

Pascal Chanel, unsplash

Pascal Chanel, unsplash

Wir, die Melanchthon-Akademie, sind mit unseren unterschiedlichen Bildungsangeboten Teil der quirligen Kölner Stadtgesellschaft. Wir stehen mit dem breiten kulturellen Angebot der Stadt in direkter Konkurrenz. Unser Kerngeschäft sind Worte, manchmal Musik, Kunst, Erkundungsgänge, Praktiken des Einübens, u.v.m.  Immer mit anderen, in Gruppen, Vorträgen, Workshops.

Ist es da nicht ein Widerspruch in sich, Stille zum Thema zu machen? Nein, still will die Akademie nicht sein. Und dennoch beschäftigt uns das Thema: STILLE, denn sie passt zu uns.

Warum?

Stille ist eine Qualität, die viel zu geben hat.

  • „Es gibt zwei Arten von Stille: die unangenehme, wenn man nach Hause kommt und alles ist still und leer. Diese Stille mag ich gar nicht. Aber die andere Art der Stille, wenn man keine Lust auf den ganzen Trubel hat. Dann tut Stille sehr gut.“ (Schülerin einer 5. Klasse)

Stille, oft angstbesetzt, wird so zum Sehnsuchtsort, zur Möglichkeit zur Ruhe zu kommen. Das Wort Stille beschreibt auf diese Weise etwas, das uns fehlt, einen Mangel.

Dabei ist Stille mehr, kraftvoll, sie verbindet. Dank der Stille werden unsere Sinne geöffnet. Wir werden wacher, nehmen ganzheitlicher wahr. In der Stille bringen wir die Welt über die Sinne ins Innere. So befreit sie uns von der Zweiteilung in Innen und Außen. Das Sehen wird zum Schauen, das Tasten zum Ergreifen und Ergriffensein, das Hören zum Horchen.

Stille ist ein Modus des Hörens, aus der Stille wachsen gute Worte.

  • Stille gibt Antwort auf die Frage, wer wir im Grunde sind, – oder sein möchten. „Es führen verschiedene Wege zur Stille, aber keiner führt an mir selbst vorbei.“ (Nikals Brantschen, Jesuit)

Die Stille macht sensibel für unsere zahlreichen Ersatzlösungen und Ersatzhandlungen, um uns selbst nicht zu begegnen. Sensibel für Arbeitswut, die sich als Fleiß tarnt, für das Sammeln von Wissen, dass nicht verarbeitet ist, für das Anhäufen von materiellen Gütern, als ob die Erfüllung der menschlichen Sehnsucht eine Frage der Quantität und nicht der Qualität wäre.

Dabei ist Stille einfach da. Wir müssen Stille nicht herstellen.

Es ist lediglich nötig zu lassen, was sie stört: zu viel Arbeit, zu viele Menschen, zu viele Geräusche, zu viele Ortswechsel, zu viele Erwartungen. Es ist befreiend, ein Akt der Selbstfürsorge, die unterschiedlichen „zu viel“ zu lassen und so präsent in Jetzt sein zu können. Wir brauchen Stille, um unterscheiden zu können: was vom Vielen schreit nur laut und was ist wirklich wichtig.

Stille ist ein Modus des Wachsens, in der Stille lernen wir zu unterscheiden. (Nicol Kaminsky, Landespfarrerin i.R.)

  • Es ist ein Unterschied, sich Zeiten der Stille zu reservieren, oder aus der Stille zu leben. Wie finden wir zu einer „Kultur der Stille“?

Um aus der Stille leben zu können, gerade wenn sich die Hektik unseres Alltags bemächtigt, bedarf es des Hörens, des Unterscheidens und- des regelmäßigen, geduldigen Übens. Kontemplationspraktiken verlangsamen das Leben. Sie geben Emotionen Raum, klären den Verstand, nehmen den Köper liebevoll ernst. Sie schenken Erfahrungen, die über den Menschen hinausgehen; manche nennen dies spirituelle Erfahrungen. Sie schenken Vertrauen, Kraft und Energie, innere und äußere Balance. Sie sind hilfreich und mitunter heilsam.

Kontemplation oder Meditation kann im stillen Sitzen sein, aber auch im Gehen in der Natur gelingen. Entscheidend ist das „Sich-Einlassen auf die Stille“. „Berge sind stille Meister und machen schweigsame Schüler“, sagte J.W. von Goethe. Es müssen nicht hohe Berge sein, auch beim Waldspaziergang in der Nähe stellen wir fest, dass alles Getue, Gerede, die ganze Geschäftigkeit von uns abfällt und wir stiller werden. Stille will immer wieder erlebt sein. Allein und auch in Gemeinschaft. Gut, dass es Orte gibt, an denen wir gemeinsam üben können.

Stille ist ein Modus der Kultur, beim Üben in der Stille machen wir Erfahrungen, die über uns hinausgehen.

So vieles hat uns die STILLE zu geben. Deshalb passt sie so gut zu unserer Arbeit und deshalb machen wir uns in der Akademie  auf in Räume der Stille.

Programmhighlights:

254114R Willkommen im Raum der Stille – ein Abend, der zur Erkundung der Stille einlädt
Mi., 26.02.
18:00-20:00 Uhr
Haus der ev. Kirche| Kartäusergasse 9-11

25115R Still am Morgen – gemeinsam in den Tag starten
Mo., 10.03. bis Fr. 14.03.
08:30-09:00 Uhr
Sandkapelle der Ev. Studierendengemeinde Köln| Bachemer Str. 27

254117R Die große Stille – Film-Abend in der Kartäuserkirche
Mi, 07.05.
18:00-21:00 Uhr
Kartäuserkirche| Kartäusergasse 7

254119 R „Weil es mir guttut“ – Eine Hinführung zu Meditation und Köperwahrnehmung
Di. 13.05. und 20.05.
19:00-20:30 Uhr
Haus der ev. Kirche| Kartäusergasse 9-11

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