Autor: Frauke Komander (Seite 2 von 10)

Christliche Wohngemeinschaft im „Campus Kartause“: Warum Helga Winkels Teil des Wohnprojekts werden möchte

Auf dem Gelände des Campus Kartause, des ehemaligen Kartäuserklosters, ist eine christliche Wohngemeinschaft geplant. Bald können die ersten Mietverträge unterschrieben werden. Helga Winkels möchte dort einziehen. Sie spricht im Interview darüber, warum sie sich bewusst für ein Leben in Gemeinschaft entschieden hat, welche Hoffnungen und Erwartungen sie mit der christlichen Wohngemeinschaft verbindet, welche Herausforderungen sie sieht – und was ihr persönlich für ein gelingendes, spirituell geprägtes Miteinander wichtig ist.

Warum haben Sie den Wunsch, Teil der neuen christlichen Wohngemeinschaft zu werden?

Helga Winkels: Ich setze mich seit längerem mit dem Gedanken auseinander „Wie möchte ich im Alter leben/wohnen“. Da ich nicht allein, sondern in Gemeinschaft leben und wohnen möchte, bietet es sich natürlich an, eine Wohngemeinschaft mit Gleichgesinnten zu suchen. Das Besondere und was mich am Campus Kartause so fasziniert, begeistert und berührt, ist, dass es sich um eine christliche Wohngemeinschaft handelt: man teilt nicht nur Gemeinschaft, Wohnen, Alltag und Güter miteinander, sondern vor allem auch Spiritualität und moralische Werte.

Gemeinschaftliches Leben bringt Nähe und Tiefe – aber auch Herausforderungen. Was erhoffen Sie sich persönlich vom Leben in der christlichen Wohngemeinschaft?

Helga Winkels: Was ich mir erhoffe, ist auf jeden Fall Gemeinschaft. Man hört viel von Alterseinsamkeit. Dem möchte ich beizeiten vorbeugen. Ist es nicht toll, wenn man sich spontan mit anderen verabreden kann, ohne dass man einen Termin vereinbaren muss, wie das heute oft so üblich ist? Und ist es nicht ferner toll, sich im Rahmen einer Gemeinschaft  gegenseitig zu helfen und zu unterstützen?

Außerdem freue ich mich darauf, dass wir gemeinsam an einem Projekt arbeiten wollen und auf die Spiritualität, die wir gemeinsam leben wollen.

Helga Winkels: Als eine Herausforderung sehe ich auf jeden Fall das Thema: Nähe und Distanz. In den Gesprächen, die wir miteinander als Interessent*innen geführt haben, war das ein großes Thema. Ich glaube, gerade im fortgeschrittenen Alter ist das nochmal ganz besonders wichtig: die Nähe zu anderen, die man sich in einer Wohngemeinschaft wünscht und eine gesunde Distanz.

Was möchten Sie selbst in diese Gemeinschaft einbringen?

Helga Winkels: Natürlich möchte und werde ich MICH in die Gemeinschaft einbringen, mit meinen Fertigkeiten und Fähigkeiten, mit meinen Stärken und Schwächen, mit meinen Ecken und Kanten ;-).

Wenn Sie an die Zukunft des Projekts denken: Welche Art von Miteinander, Spiritualität oder Alltag wünschen Sie sich für die Menschen, die dort zusammenleben werden?

Helga Winkels: Ich wünsche mir ein Miteinander, das sich durch einen respektvollen und wertschätzenden Umgang auszeichnet, dabei ist es ganz besonders wichtig, den Facetten der anderen mit Offenheit zu begegnen und sie zu respektieren.

Es braucht aber auch den Raum, sich miteinander auseinanderzusetzen, denn nur so können wir als Einzelne und als Gemeinschaft wachsen.

Helga Winkels: Ich wünsche mir Verbundenheit und dass wir Glauben miteinander teilen und praktizieren, z. B. in Form von Andachten, dass wir gemeinsam beten, gemeinsam singen. Gerade auch als Chorsängerin spüre ich immer wieder, wie die Musik und die Worte mich berühren und Kraftquelle sind. Ich möchte, dass unsere gelebte Spiritualität Kraftquelle für unseren Alltag ist. Gerade gestern habe ich in einem Gottesdienst den so schönen Satz mitgenommen: „Ich bin dankbar, unter Deinem Dach in einer Gemeinschaft leben zu können.“ Hier war die Gemeinschaft der Gläubigen gemeint, für mich ist es im Besonderen: die christliche Wohngemeinschaft. Ganz besonders wichtig ist mir auch, dass sich die dort lebenden Menschen wohlfühlen und die Wohngemeinschaft ihr Schutzraum und ihr Zuhause (geworden) ist.

Arm, weil Frau – warum Armut in Deutschland ein Geschlecht hat und was sich ändern muss

Prof. Dr. Susanne Völker, Soziologin und Genderforscherin an der Universität Köln, beim Vortrag zum AKF-Frühjahrstreffen 2026 – sie legte die strukturellen Ursachen weiblicher Armut offen.

Es war ein voller Saal. Mehr als 40 Frauen kamen am Dienstag, 21. April 2026, zum AKF-Frühjahrstreffen ins Haus der Evangelischen Kirche in Köln. Das Thema des Abends: Frauen und Armut. Warum sind Frauen häufiger von Armut betroffen als Männer? Und warum wird der Unterschied mit zunehmendem Alter größer?

Antworten lieferten die Soziologin und Genderforscherin Prof. Dr. Susanne Völker von der Universität Köln und Karolin Kalmbach vom Institut für Gender Studies – GeStik – ebenfalls an der Uni Köln. Ihr gemeinsamer Vortrag bildete den Auftakt des Abends. Anschließend kamen drei Kölnerinnen zu Wort, die täglich mit dem Thema arbeiten: Karin Hofmann von „Frauen gegen Erwerbslosigkeit e.V.“, Eva Pohl vom DGB-Stadtfrauenausschuss und Waltraud Brandt vom Kreisfrauenausschuss des SoVD. Die Moderation lag bei Barbara von der Mark. Dr. Marita Alami hat die Notizen des Abends zusammengefasst.

Wenn Fähigkeiten weniger wert sind – weil sie von Frauen kommen

Deutschland als Wohlfahrtsstaat ist im internationalen Vergleich konservativ. Er ist geprägt von einem traditionellen Familienbild der Hausfrauenehe und der Vorstellung, dass gesellschaftliche Integration ausschließlich über Erwerbsarbeit erfolgt. Der arbeitsmarktpolitische Ansatz vom „Fördern und Fordern“ ignoriert die Care-Arbeit, die mehrheitlich von Frauen geleistet wird – und führt so zu dem, was Völker „vergeschlechtlichte Armut“ nennt. Hinzu kommt: Menschen mit Sorgeverpflichtungen zeigen eine geringere politische Teilhabe und einen höheren „Abrieb von Leben“ – gemeint ist der Verschleiß von Lebensenergie und Gesundheit. Ein Begriff, der trifft, was viele Frauen täglich spüren.

Karolin Kalmbach vom Institut für Gender Studies – GeStik – an der Uni Köln beim gemeinsamen Vortrag: Wie Geschlecht und Armut zusammenhängen.

Völker und Kalmbach führten in die strukturellen Ursachen ein. Ein zentraler Begriff dabei: „versämtlicht“ – geprägt von der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm (1831–1919). Gemeint ist die Tendenz, Frauen als homogene Gruppe zu behandeln und ihnen pauschal Fähigkeiten zuzuschreiben, die gesellschaftlich geringer bewertet werden als kulturell erworbene oder zertifizierte Fähigkeiten. Häufig werden werden diese Fähigkeiten als „naturgegeben“ angesehen. Das zeigt sich bis heute: Unbezahlte Care-Arbeit wird kaum anerkannt. Berufe, die mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden, sind schlechter bezahlt als solche, die mehrheitlich von Männern ausgeübt werden. Gender-Pay-Gap und Gender-Pension-Gap sind die Stichworte – sie werfen Schlaglichter auf ein Gesamtbild, das von Privilegien und Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts zeugt.

Die Zahlen sind erschreckend. Die Einkommensunterschiede in Deutschland sind so hoch wie nie seit 1984, als das DIW Berlin begann, jährlich sozioökonomische Daten zu erheben. 2022 lebten 17,7 % der Bevölkerung in relativer Armut, 11,08 % in strenger Armut. Frauen sind in beiden Gruppen überrepräsentiert. Demgegenüber erreicht der Bevölkerungsanteil der Reichen mit 8,3 % einen neuen Höchstwert – 2 % sind superreich. Die Schere öffnet sich weiter, und die aktuell geplanten gesetzlichen Änderungen werden daran nichts verbessern. Im Gegenteil.

Mehr als 40 Frauen kamen ins Haus der Evangelischen Kirche in Köln – ein Zeichen, wie drängend das Thema Frauen und Armut ist.

Keine Frau ist wie die andere – und kein Problem ist einfach

Karin Hofmann machte deutlich: Es gibt nicht „die Frau“, nicht „die Migrantin“, nicht „die Alleinerziehende“. Die Beratungssituationen bei „Frauen gegen Erwerbslosigkeit“ sind in den vergangenen Jahren weitaus komplexer geworden. Frauen kommen nicht mehr mit einer einzelnen Frage – sie kommen mit vielfältigen, miteinander verknüpften Problemen. Sprache, digitale Kenntnisse, Wohnsituation, Gesundheit, Schulden, fehlende Kinderbetreuung, Gewalterfahrung – all das kann daran hindern, erwerbstätig zu sein. Und: Der Arbeitsmarkt ist gegenüber Migrantinnen oft geschlossen – unabhängig davon, ob sie in einer schwierigen Situation sind oder nicht. Oft werden sie mit den abstrusesten Vorbehalten konfrontiert.

Mini-Jobs, Ehegattensplitting, Teilzeitfalle – wer zahlt den Preis?

Eva Pohl (DGB-Stadtfrauenausschuss) und Waltraud Brandt (Kreisfrauenausschuss des SoVD) beim Kurzinterview – zwei Expertinnen, die täglich erleben, was Armut für Frauen und Kinder in Köln bedeutet.

Eva Pohl beleuchtete die gewerkschaftliche Perspektive. Mini-Jobs – zu 60 % von Frauen ausgeübt – führen meist zu keinen Renteneinzahlungen. Das Ehegattensplitting macht Teilzeitarbeit für verheiratete Frauen scheinbar attraktiv, schadet aber langfristig der Rente. Besser wäre ein Familiensplitting, bei dem Steuererleichterungen nicht an die Heirat, sondern an die Zahl unterhaltsberechtigter Kinder gekoppelt sind. Ideal wäre zudem eine paritätische Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit. Einen ersten Schritt bietet das ElterngeldPlus: Bis zu 36 Monate werden bezuschusst, in denen beide Elternteile bis zu 32 Stunden pro Woche erwerbstätig sind. Noch besser wäre die „Dynamische Familienarbeitszeit“, bei der das Familieneinkommen bis zum Schuleintritt der Kinder bezuschusst wird – um den Gender-Care-Gap und den Gender-Pay-Gap gezielt zu verringern.

Waltraud Brandt schließlich nahm auch die Kinder in den Blick. Kürzungen bei Transferleistungen treffen immer auch sie. Und Kinder selbst sind in Deutschland ein Armutsrisiko für Frauen – in der Erwerbsphase durch Teilzeit, im Alter durch fehlende Rentenpunkte. Der Anteil der Frauen an den versicherungspflichtig Beschäftigten erreicht die 47 % nicht – und 50 % arbeiten in Teilzeit. Das Durchschnittseinkommen aller Rentenversicherten hat damit wenig mit den tatsächlichen Einkommen der Frauen zu tun. Das Wort von der „Teilzeitfalle“ bekommt vor diesem Hintergrund eine ganz andere, sehr ernste Bedeutung.

Nach den Vorträgen blieb Zeit für Gespräche und Netzwerken – wie bei jedem AKF-Frühjahrstreffen. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Melanchthon-Akademie Köln statt.

Armut und Frauen in Köln

Weitere Infos zur Veranstaltung in Kooperation mit der Melanchthon-Akademie Köln unter:

http://www.melanchthon-akademie.de.

https://april.akf.koeln

Frauen und Armut in Köln – Vortrag und Austausch_21.04.2026

 

Text: APK / Marita Alami

Foto: APK / Marita Alami

Lesung mit deutsch-israelischer Autorin Sarah Levy am 4. Mai: „Kein anderes Land“

Die deutsch-israelische Autorin und Journalistin Sarah Levy liest am Montag, 4. Mai, 19 Uhr, in der Karl Rahner Akademie, Jabachstraße 4-8, Köln, aus ihrem Buch „Kein anderes Land, Aufzeichnungen aus Israel“. Sarah Levy schildert, wie der Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 ihr Leben als junge Mutter in Tel Aviv veränderte und wie Radikalisierung und Polarisierung ein ganzes Land prägen.

Ist das noch mein Land? Diese Frage stellt sich Sarah Levy, seit sie erlebt, wie Israels rechtsnationale Regierung die israelische Gesellschaft spaltet. Dann attackiert die Hamas das Land am 7. Oktober 2023. Auf brutale Weise ändert der Krieg das Leben, das die junge Mutter in Tel Aviv führt. Sie flieht mit Partner und Kind in ihre Heimat Frankfurt und muss dort erkennen, dass Deutschland nicht mehr ihr Land ist. Doch das Israel, in das sie zurückkehrt, kämpft um seine Seele. Freunde tragen plötzlich Waffen, Verwandte wünschen Palästinensern die Auslöschung, Nachbarn unterstellen ihr, die Soldaten zu verraten. Der Kriegsalltag zwischen Schutzbunker und allgegenwärtigem Verlust führt Levy an ihre Grenzen – als Mutter und als Partnerin, aber auch als Deutsche, die jetzt verstehen muss, dass das Land, das sie zum Leben gewählt hat, die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft mit den Palästinensern schon lange verloren hat. Wer wird mein Sohn, fragt sie sich, wenn er hier aufwächst? Sarah Levy beschreibt mit kritischem Mitgefühl, wie Radikalisierung und Polarisierung ein Land verändern – und letztlich auch sie selbst.

Ein Interview mit Sarah Levy:

Frau Levy, Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Sie zwischen zwei Ländern – Israel und Deutschland – das Gefühl der Heimat verloren haben. Was braucht ein Mensch, um irgendwo wirklich anzukommen?

Sarah Levy: Heimat ist für mich kein Ort, an dem ich ankomme, sondern wo ich herkomme – das wird immer Deutschland sein. Dort bin ich aufgewachsen, dort bin ich groß geworden. Heute lebe ich in Israel, aber Zuhause wird immer der Ort sein, wo mein Kind ist, wo mein Partner ist – und wo wir gemeinsam entscheiden zu leben. Momentan ist das Israel, aber wer weiß, was die Zukunft bringt.

Sie stellen sich die Frage, wer Ihr Sohn wird, wenn er in diesem von Krieg und Radikalisierung geprägten Israel aufwächst. Was wünschen Sie sich für die nächste Generation – sowohl in Israel als auch in Deutschland – und welche Rolle kann Bildung dabei spielen, Polarisierung entgegenzuwirken?

Sarah Levy: Ich wünsche mir für meinen Sohn, dass er sich nicht von der Angst leiten lässt. Dass er stets den Menschen sieht, und kein Volk, keine Gruppe als Ganzes für schlecht oder böse hält, oder ausschließlich gut. Wie weit ich das in der Hand habe, daran zweifle und verzweifle ich jeden Tag ein bisschen mehr. Die israelische Gesellschaft in diesen Tagen ist durchdrungen von Trauma und Gewalt: Ultraorthodoxe gehen auf Soldatinnen los, gewalttätige Siedler auf arabisch-israelische Schülerinnen und Schüler, rechte Aktivisten bedrohen Holocaustüberlebende, Demonstrierende und Journalisten, zum Teil an deren Haustür. Die Politik befeuert die gesellschaftliche Spaltung. Das einzige, was dagegen anhilft, sind Begegnungen mit Menschen, die nicht so sind wie ich, nicht so aussehen, nicht so leben, nicht so beten, oder nicht so sprechen wie ich. Wir müssen Unterschiede aushalten, solange wir gemeinsame Werte teilen. So etwas kann Bildung fördern, ein Stück weit. Aber gerade Eltern müssen ihre eigenen Vorurteile, rassistische Gedanken und eigene Traumata hinterfragen und erkennen, um sie nicht an ihre Kinder weiterzugeben.

Sie beschreiben in Ihrem Buch sehr offen Ihre Zerrissenheit zwischen Deutschland und Israel. Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben: Diese innere Frage „Ist das noch mein Land?“ verändert nicht nur meinen Blick auf Politik, sondern auch mein Selbstverständnis als Mutter und als Deutsche?

Sarah Levy: Mutter eines Sohnes zu sein in Israel bedeutet höchstwahrscheinlich, einen zukünftigen Soldaten großzuziehen. Bleiben wir in Israel, wird er zur Armee gehen müssen. Diese Gewissheit allein wiegt schwer. Ich selbst stelle mir jeden Tag die Frage, was für ein Israeli will ich sein? Mein israelischer Schwager hat mich als „Verräterin“ bezeichnet, weil ich ein Video geteilt habe, in dem Demonstrierende in Tel Aviv Poster von getöteten Kindern in Gaza hochgehalten haben. Er meinte: „Dies ist nicht mal dein Land, du bist hergekommen um zu stören.“ Mein Schwager glaubt, wie so viele hier, sein Land zu lieben, bedeute unrechte Taten der Armee, der Politik nicht anzuprangern. Ich glaube, als Deutsche mit einer jüdischen und einer nicht-jüdischen Familie ist es für mich leichter, Komplexität auszuhalten. Zu akzeptieren, dass eine Armee mich schützen kann und gleichzeitig Kriegsverbrechen begehen. Wird mein Sohn diese Komplexität aushalten können, wenn er hier aufwächst, mit all dem Militarismus, dem Trauma, der Angst und dem Rassismus, die uns als Gesellschaft hier derzeit durchdringen? Mein Partner und ich haben entschieden, dass wir im Oktober, wenn die nächsten Knessetwahlen anstehen, noch einmal wählen gehen müssen – und uns nach dem Wahlergebnis entscheiden: Ist das noch das Land, in dem wir leben wollen? Lautet die Antwort nein, müssen wir uns leider eine weitere Frage stellen: Ist Deutschland noch das Land, in dem Juden frei leben können?

Eine Kooperationsveranstaltung der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V. mit der Melanchthon-Akademie Köln und der Karl Rahner Akademie Köln.

ÜBER DIE AUTORIN

Sarah Levy, geboren 1985, besuchte die Henri-Nannen-Journalistenschule und schreibt als freie Journalistin u.a. für DIE ZEIT. Seit 2018 koordiniert sie das Projekt stopantisemitismus.de, das über Antisemitismus im Alltag aufklärt und Hilfestellung bietet, und arbeitet für diverse Stiftungen.

Der Eintritt kostet 8 Euro, ermäßigt 6 Euro. Eine Anmeldung unter anmeldung@koelnische-gesellschaft.de ist erforderlich.

www.melanchthon-akademie.de

Christliche Wohngemeinschaft auf dem Campus Kartause: Pfarrerin Charlotte Horn über Pläne, Prozesse und Perspektiven

Das gemeinschaftliche Wohnprojekt auf dem Campus Kartause entwickelt sich weiter: Die geplante christliche Wohngemeinschaft orientiert sich an der Vision der ökumenischen Community auf Iona und verbindet gemeinsames Leben, Glauben und Alltag miteinander. Begleitet wird das Projekt von Pfarrerin Charlotte Horn, Leiterin der Evangelischen TelefonSeelsorge Köln.

Frau Horn, was ist Ihnen bei den Gesprächen mit den Interessierten besonders aufgefallen? Gab es gemeinsame Erwartungen oder auch ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was diese Wohngemeinschaft sein soll?

Charlotte Horn: Wenn wir über konkrete Erwartungen an das Zusammenleben sprechen, gibt es tatsächlich eine gute Schnittmenge. Da, wo es noch nicht zusammenkommt, schauen wir genau hin und gehen in den offenen Austausch. Das heißt, ich moderiere diesen Austausch. Die Gruppe erkennt in der christlichen Ausrichtung nach Iona eine Inspiration für sich. Das war am Abend, als wir mit Pfarrer i.R. Christoph Nötzel darüber ins Gespräch kamen, spürbar.

Unterschiedliche Vorstellungen beziehen sich eher noch auf Praktisches im Alltag. Und manches davon wird sich wohl auch erst im gelebten Alltag ergeben. Deshalb ist es so wichtig, gerade jetzt schon im Vorfeld eine gute Kommunikationskultur grundzulegen, so dass alle den Raum haben, ihre Bedürfnisse und Ansichten zu äußern und an einer gemeinsame Haltung zu arbeiten, die z.B. bedeutet, auch Schwierigkeiten offen anzusprechen.

An welchen Punkten wird gerade besonders deutlich, dass aus den Ideen nun wirklich ein gemeinsames Projekt entsteht?

Charlotte Horn: Hier auf Menschen zu treffen, die bereit sind, sich auf ein Abenteuer einzulassen, das so ein Projekt ja zweifellos auch ist, ist an sich schon verbindend. Sich ernsthaft damit auseinandersetzen, eine gemeinsame Lebensform zu wagen, den eigenen vertrauten Alltag zu öffnen für etwas unkonventionell Neues, führt zusammen, auch wenn die endgültige Entscheidung Einzelner in der Gruppe noch offen ist.

Wie geht es nun weiter?

Charlotte Horn: Wir werden weiter über konkrete Anliegen für das Projekt sprechen, um eine tragfähige Basis zu festigen. Und wir setzen uns gemeinsam mit dem Text der Selbstverpflichtung auseinander, die alle, die mitwohnen, unterschreiben werden. Darin geht es um die Zusage, dass die Einzelnen, die dabei sind, sich mit einer gewissen Verbindlichkeit auf den „Geist“ dieses Zusammenleben einlassen.

Das Wohnprojekt wird Anfang 2027 bezugsfertig sein; in naher Zukunft können die ersten Mietverträge geschlossen werden. Mehr Infos: www.campuskartause.de

Christliche Wohngemeinschaft auf dem Campus Kartause: Charlotte Horn über spirituelle Verbundenheit und den Mut zum Neuanfang

Text: APK
Foto: APK-Archiv

Christliche Wohngemeinschaft auf dem Campus Kartause: Pfarrerin Charlotte Horn über die Begehung des Rohbaus

Das gemeinschaftliche Wohnprojekt auf dem Campus Kartause nimmt weiter Gestalt an. Die geplante christliche Wohngemeinschaft orientiert sich an der Vision der ökumenischen Community auf Iona und verbindet gemeinsames Leben, Glauben und Alltag. Nun konnten sich Interessierte bei einer Begehung des Rohbaus ein konkretes Bild von den zukünftigen Räumen machen – begleitet wurde der Rundgang von Pfarrerin Charlotte Horn, Leiterin der Evangelischen TelefonSeelsorge Köln.

Frau Horn, wie sieht es aktuell auf dem Campus Kartause und in den Räumlichkeiten aus?

Charlotte Horn: Wir wurden bei schönem Wetter vom Bauleiter über das Gelände geführt – alle ausgestattet mit Bauhelmen. Der Rohbau steht bereits und gibt einen sehr anschaulichen Eindruck davon, wie es später einmal aussehen wird. Es ist ein sehr großzügiger Bau mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten.

Die Wohneinheiten, die wir besichtigt haben – im zweiten und dritten Obergeschoss auf der Nordseite – befinden sich noch im Rohbauzustand. Die Gruppe war sehr interessiert: Man ist durch die einzelnen Wohnungen gegangen, hat sich Notizen gemacht, Fragen gestellt und genau hingeschaut – etwa zur Fenstergröße, zum Lichteinfall, zur Position der Steckdosen oder zur Möglichkeit, eine Küche einzubauen. Außerdem wurden die Gemeinschaftsräume besichtigt, ein sehr großzügiger Wohnbereich. Dort entstand spontan der Wunsch in der Gruppe, eine zusätzliche größere Tür einzubauen, die bisher nicht vorgesehen war.

Was hat Sie bei der Begehung am meisten überrascht oder beeindruckt?

Charlotte Horn: Besonders attraktiv sind die zwei Lofts mit Blick auf den Innenhof. Dort kann man sich gut vorstellen, gemeinsam Zeit zu verbringen – abends zusammenzusitzen oder morgens zu frühstücken. Ein besonderes Detail der Wohnungen auf der Nordseite ist, dass man, wenn man vor die Wohnung tritt, den ganzen Tag über die Sonne von Süden genießen kann.  Diese sogenannten Freigänge bieten viel Platz – etwa für ein großes Sofa oder eine kleine Leseecke. Von dort aus gelangt man in einen großzügigen, überdachten Außenbereich, der sehr attraktiv ist. Dort zu sitzen, ist wirklich etwas Besonderes. Die Lage mitten in der Südstadt, im Severinsviertel, ist kaum zu übertreffen. Es bleibt ein insgesamt attraktives Wohnangebot.

Welche Rolle spielt diese Begehung für die Entscheidungsfindung der Interessierten?

Charlotte Horn: Die Begehung war ein ganz wichtiger Schritt: Sie hat geholfen, der Idee der Wohngemeinschaft eine konkrete räumliche und atmosphärische Vorstellung zu geben. Das war für die Entscheidungsfindung der Einzelnen sehr bedeutsam. Es war spürbar, dass große Lust besteht, diesen Ort mit Leben zu füllen. Gleichzeitig wurde aber auch sehr genau geprüft, ob die Wohnungen zu den eigenen Bedürfnissen passen, etwa in Bezug auf Größe oder Ausstattung.

Das Wohnprojekt wird Anfang 2027 bezugsfertig sein; in naher Zukunft können die ersten Mietverträge geschlossen werden. Mehr Infos: www.campuskartause.de

Christliche Wohngemeinschaft auf dem Campus Kartause: Charlotte Horn über spirituelle Verbundenheit und den Mut zum Neuanfang

Text: APK
Foto: APK-Archiv

Christliche Wohngemeinschaft im „Campus Kartause“: Warum Jochen Anger Teil des Wohnprojekts werden möchte

Auf dem Gelände des Campus Kartause, des ehemaligen Kartäuserklosters, ist eine christliche Wohngemeinschaft geplant. Bald können die ersten Mietverträge unterschrieben werden. Jochen Anger möchte dort einziehen. Er spricht im Interview darüber, dass er nach dem Ende seines Berufslebens und einer veränderten familiären Situation in der christlichen Wohngemeinschaft die Chance sieht, Glauben bewusst in Gemeinschaft zu leben und der zunehmenden Isolation unserer Gesellschaft etwas entgegenzusetzen.

Warum haben Sie den Wunsch, Teil der neuen christlichen Wohngemeinschaft zu werden?

Jochen Anger: Anlass ist eine veränderte biographische Situation, Ende des Erwerbslebens und Auflösung der Familie. So sehe ich hier die Möglichkeit, meinen christlichen Glauben jenseits der „bürgerlichen Normalform“ zu leben.

Jochen Anger.

Jochen Anger.

Gemeinschaftliches Leben bringt Nähe und Tiefe – aber auch Herausforderungen. Was erhoffen Sie sich persönlich vom Leben in der christlichen Wohngemeinschaft?

Jochen Anger: Die Begegnung, und sicher auch manche Konfrontation mit den Mitbewohnerinnen, ermöglicht das Einüben von Gemeinschaft, die über eine Wohn- und Zweckgemeinschaft hinausgeht. Damit kann zugleich eine Isolation aufgebrochen werden, die unsere Gesellschaft und auch mich selbst dominiert.

Was möchten Sie selbst in diese Gemeinschaft einbringen?

Jochen Anger: Meine Erfahrungen in gemeinschaftlichem Leben (Taizé u.a.) und praktische Talente in organisatorischen und handwerklichen Dingen.

Wenn Sie an die Zukunft des Projekts denken: Welche Art von Miteinander, Spiritualität oder Alltag wünschen Sie sich für die Menschen, die dort zusammenleben werden?

Jochen Anger: Eine große Offenheit für das Denken, Fühlen und Tun der anderen in dieser Gemeinschaft. Das Suchen und Erkennen von Gemeinsamkeiten und zugleich Respekt vor den Eigenheiten der Mitbewohnerinnen. Die Balance zwischen diesen gegenläufigen Kräften zu finden, ist sicher nicht einfach. Dass wir uns das zutrauen und dafür einander vertrauen, ist eine Voraussetzung für das Gelingen des gemeinsamen Lebens.

Frühjahrstagung „Warum werden Menschen rechtsradikal?“: Theologin Philine Lewek über neurechte Netzwerke

Theologin Philine Lewek.

Theologin Philine Lewek.

Rechtsradikale Einstellungen sind längst kein Randphänomen mehr. Wahlerfolge extremistischer Parteien, rassistische Gewalt und antisemitische Ressentiments stellen Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt vor enorme Herausforderungen. Was treibt Menschen in rechtsradikale Denk- und Gefühlswelten? Welche psychologischen, sozialen und theologischen Faktoren wirken dabei – und wie kann Prävention gelingen? Diesen Fragen widmet sich die Frühjahrstagung 2026 „Warum rechtsradikal? Ursachen, Motive und Prävention“, die am 13. und 14. März 2026 in Köln stattfindet. Veranstaltet wird sie gemeinsam von der Melanchthon-Akademie und der C. G. Jung-Gesellschaft Köln.

Am Samstag, 14. März, stehen bei der Tagung Fachvorträge und Workshops im Mittelpunkt. Die Theologin Philine Lewek beleuchtet um 11.15 Uhr das Phänomen eines „neurechten Christentums“ und politische Deutungsmachtkonflikte.

In neurechten Netzwerken in Deutschland und Österreich ist eine Trendwende zu beobachten. Während sich klassische extrem rechte Organisationen eher an einem germanischen Neuheidentum orientiert haben, positionieren sich zentrale Protagonist*innen der Neuen Rechten und der AfD mittlerweile als „christlich“. Der Vortrag beleuchtet dieses neurechte Christentum, zeigt theologische Argumentationen und fragt nach den Konflikten, die durch die Präsenz von neurechten politischen Theologien entstehen.

Frau Lewek, was sind die neuesten Tendenzen in neurechten Netzwerken in Deutschland und Österreich?

Philine Lewek: Ungefähr seit 2000 ist zu beobachten, dass es in Knotenpunkten der Neuen Rechten eine Art Positionierung als „christlich“ gibt. Das war vorher nicht in diesem Maße der Fall. Sowohl im traditionellen Rechtsextremismus war eher ein germanisches Neuheidentum verbreitet. Und auch bei strategischen Stichwortgebern der Nouvelle Droite spielt das Christentum eher keine zentrale Rolle – dort findet sich eher ein europäisches Neuheidentum. In der deutschsprachigen Neuen Rechten sieht man inzwischen jedoch durchaus eine Wende hin zu einem affirmativen Zugriff auf christliche Begriffe und Theologien. Das würde ich als Trendwende beschreiben. 

Warum ist es so wichtig, neurechte politisch-theologische Argumentationen öffentlich zu thematisieren und wissenschaftlich zu analysieren? 

Philine Lewek: Ich denke, das ist vor allem im Hinblick auf die Konflikte wichtig, die wir führen werden. Neurechte politische Theologien haben andere Voraussetzungen als kirchliche oder akademische Theologien. Es ist wichtig, diese Tendenz wahrzunehmen: nämlich neurechte Interpretationen des Christentums, die andere Prämissen setzen, nicht wissenschaftlich rückgebunden sind und sich nicht in derselben Weise einer konsistenten Argumentation verpflichtet fühlen. Aufgrund dieser anderen Voraussetzungen geraten sie notwendig in Konflikt mit kirchlichen oder akademischen theologischen Zugängen. Um diese Konflikte gut und konstruktiv führen zu können, ist es sinnvoll, sich damit zu beschäftigen. 

Welche Probleme und Konflikte entstehen für Kirchen und die Zivilgesellschaft durch die Vereinnahmung christlicher Symbolik? 

Philine Lewek: Wenn man es konkret macht, würde ich sagen: Probleme entstehen vor allem innerhalb von Kirchengemeinden, weil man dort mit den organisatorischen Fragen der Konflikte beschäftigt ist. Etwa: Wie ist das mit Funktionen und Verantwortung? Wie ist es mit Gemeindekirchenratsmitgliedern, die öffentlich die AfD unterstützen? Geht das – und wollen wir das als Gemeinde? Daraus entstehen Konflikte, die gut geführt werden müssen.

Termin der Tagung: 13.–14. März 2026
Ort: Haus der evangelischen Kirche, Köln
Kosten: 95 Euro (inkl. Catering)

Weitere Informationen und Anmeldung:
www.melanchthon-akademie.de
www.cgjung.org

enschen rechtsradikal?“: Theologin Philine Lewek über neurechte Netzwerke

Pfarrer Christoph Nötzel über die christliche Wohngemeinschaft auf dem Campus Kartause

Es gibt bereits Interessierte für das neue gemeinschaftliche Wohnprojekt auf dem Campus Kartause – eine christliche Wohngemeinschaft, die sich an der Vision der ökumenischen Community of Iona orientiert. Das Wohnprojekt wird Anfang 2027 bezugsfertig sein; in naher Zukunft können die ersten Mietverträge geschlossen werden. Pfarrer i.R. Christoph Nötzel bringt die Perspektive der ökumenischen Community of Iona in das Wohnprojekt ein.

Herr Nötzel, was fasziniert Sie persönlich an Iona – und warum passt diese Vision so gut an diesen besonderen Ort in Köln?

Christoph Nötzel: Dann muss ich zuerst ein wenig von Iona erzählen. Iona ist eine kleine Insel – kaum fünf Quadratkilometer groß – vor der schottischen Westküste. Manchmal denke ich, sie hat etwas von Lummerland: überschaubar, windumtost, mit nur einer kleinen Straße. Und doch ist sie seit Jahrhunderten ein Kraftort für Glaube und Kirche.

Von hier aus zogen im frühen Mittelalter iroschottischeMönche nach Europa – getragen von einem Pilgerethos: Christsein heißt, sich auf den Weg zu machen, auch in die Fremde. In den 1930er Jahren wurde die alte Abbey zum Geburtsort der Iona Community, die heute weltweit verstreut lebt – und doch geistlich verbunden ist. Sie engagiert sich für ein friedliches und gerechtes Zusammenleben der Menschen, für eine Verbundenheit in Frieden und Gerechtigkeit in und mit der ganzen Schöpfung.

Von Iona sagt man, es sei ein thin place – ein Ort, an dem die Grenze zwischen Himmel und Erde dünn wird wie ein Stück Seidenpapier. Diese Erfahrung von Verbundenheit prägt die Spiritualität der Community: Gott mitten im Alltag zu suchen – und ihn oder sie dort zu loben, wo es hell ist, aber auch in den Abgründen.

Mich fasziniert genau diese Verbindung: ganz fromm – und zugleich mit beiden Füßen auf der Erde. Mystik und Widerstand, wie Dorothee Sölle es genannt hat. Verständigung suchen, Gerechtigkeit einüben, niemanden ausschließen, gemeinsam Verantwortung tragen – partizipativ von Grund auf. Gottesdienste in alltagsnaher und zugleich poetischer Sprache, voller Rhythmus und Musik, feiern Christus und suchen nach Heilung, Frieden und Gerechtigkeit, nach Liebe und Verbundenheit.

Und das passt erstaunlich gut nach Köln. Diese Stadt kennt Lebensfreude und Widerständigkeit, Nähe und Vielfalt. Am Campus Kartause kann dieser Geist der Verbundenheit – zwischen Himmel und Erde, zwischen Menschen, zwischen Kirche und Stadt – einen sichtbaren Ort bekommen.

Die Iona-Community verbindet geistliches Leben, Gemeinschaft und gesellschaftliches Engagement. Wie könnte diese Haltung ganz konkret den Alltag einer Wohngemeinschaft auf dem Campus Kartause prägen?

Christoph Nötzel: Das ist zunächst eine Frage an die Menschen, die sich entscheiden, dort gemeinsam zu leben. Dem kann ich nicht vorgreifen. Aber die Aufgaben liegen auf der Hand.

Wie wollen wir Verbundenheit miteinander leben?
Was teilen wir – Zeit, Räume, Verantwortung – und was bleibt individuell? Und wie machen wir das?
Wie gestalten wir unsere Beziehung zum Campus, zur Südstadt, zu den Menschen um uns herum?

Zur Iona-Haltung gehört auch die Frage nach einem gemeinsamen geistlichen Quellort: Gibt es Zeiten des Gebets, des Innehaltens, des Singens? Orte, an denen wir spüren, wie sich Himmel und Erde in uns berühren?

Und nicht zuletzt: Wie finden wir im Alltag eine ökologische Praxis – ein Leben mit der Schöpfung, nicht gegen sie? Nachhaltigkeit beginnt nicht in Programmen, sondern im täglichen Tun.

All das braucht eine Kultur des Respekts: Achtung vor der Einzigartigkeit jedes Menschen, offene Gespräche, die Fähigkeit zuzuhören, auch kritisch zu sein – und dennoch verbunden zu bleiben. Gemeinschaft ist kein fertiger Zustand, sondern ein immer neuer Versuch.

Was macht dieses Projekt aus Ihrer Sicht zu etwas Besonderem – auch im Vergleich zu anderen gemeinschaftlichen Wohnformen?

Christoph Nötzel: Wo Menschen zusammen wohnen, suchen sie ein Zuhause. Dass das gelingt – individuell und miteinander – ist nie selbstverständlich.

Hier kommt jedoch eine zusätzliche Dimension hinzu: Der Leitgedanke der Verbundenheit öffnet den Horizont. Es geht nicht nur um das Miteinander unter einem Dach, sondern um eine doppelte, ja dreifache Beziehung:

Verbundenheit nach innen – zwischen den Mitwohnenden.
Verbundenheit nach außen – mit dem gesellschaftlichen und ökologischen Umfeld.
Und Verbundenheit „nach oben“ – im Sinn einer geistlichen Offenheit für Gott.

Oder anders gesagt: Verbundenheit nach innen und außen, nach unten und oben.

Das macht das Projekt anspruchsvoll – und zugleich besonders. Es ist mehr als eine Wohngemeinschaft. Es ist ein Lebensversuch.

Wenn jemand mit dem Gedanken spielt, Teil dieser Wohngemeinschaft zu werden: Was würden Sie dieser Person sagen?

Christoph Nötzel: Wer hier glücklich werden und ein Zuhause finden möchte, sollte ein kommunikativer Mensch sein. Damit meine ich nicht zuerst: viel reden. Sondern zuhören können. Sich einfühlen. Auf andere zugehen. Verständigung suchen. Kompromisse aushalten. Teil-nehmen und teil-haben.

Fragen Sie sich: Bewegt mich das?
Habe ich eine spirituelle Empfänglichkeit – und zugleich den Mut, mich gesellschaftlich einzubringen?
Bin ich bereit, nicht nur für mich zu wohnen, sondern mit anderen zu leben?

Gemeinschaft trägt – aber sie fordert auch.
Wenn Sie spüren, dass dieser Geist von Iona Sie innerlich anspricht, dann könnte es sein, dass hier ein zukünftiges Zuhause auf Sie wartet.

Warum werden Menschen rechtsradikal? Frühjahrstagung im März beleuchtet Ursachen, Motive und Prävention

Rechtsradikale Einstellungen sind längst kein Randphänomen mehr. Wahlerfolge extremistischer Parteien, rassistische Gewalt und antisemitische Ressentiments stellen Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt vor enorme Herausforderungen. Was treibt Menschen in rechtsradikale Denk- und Gefühlswelten? Welche psychologischen, sozialen und theologischen Faktoren wirken dabei – und wie kann Prävention gelingen?

Diesen Fragen widmet sich die Frühjahrstagung 2026 „Warum rechtsradikal? Ursachen, Motive und Prävention“, die am 13. und 14. März 2026 in Köln stattfindet. Veranstaltet wird sie gemeinsam von der Melanchthon-Akademie und der C. G. Jung-Gesellschaft Köln.

Die Tagung bringt Expert*innen aus Psychologie, Medizin, Theologie und politischer Bildungsarbeit zusammen und verbindet wissenschaftliche Analyse mit praxisnahen Perspektiven. Ziel ist es, Radikalisierungsprozesse besser zu verstehen und konkrete Handlungsmöglichkeiten für Gesellschaft, Kirche und Zivilgesellschaft aufzuzeigen.

Zum Auftakt am Freitag, 13. März, wird im ODEON-Lichtspieltheater der Spielfilm „Mit der Faust in die Welt schlagen“ gezeigt. Im anschließenden Filmgespräch gibt ein Berater von NinA NRW Einblicke in Ausstiegsarbeit aus extrem rechten Strukturen.

Am Samstag, 14. März, stehen Fachvorträge und Workshops im Mittelpunkt. Dr. Matthias Gabriel analysiert rechtsextreme Mythen im 21. Jahrhundert und ihr Radikalisierungspotenzial. Die Theologin Philine Lewek beleuchtet das Phänomen eines „neurechten Christentums“ und politische Deutungsmachtkonflikte.

Praxisnahe Workshops widmen sich dem Umgang mit rechten Parolen, den psychologischen Mechanismen von Fremdenangst sowie der Stärkung von Menschen und Organisationen in Bedrohungssituationen.

Termin: 13.–14. März 2026
Ort: Haus der evangelischen Kirche, Köln
Kosten: 95 Euro (inkl. Catering)

Weitere Informationen und Anmeldung:
www.melanchthon-akademie.de
www.cgjung.org

Christliche Wohngemeinschaft auf dem Campus Kartause: Charlotte Horn über spirituelle Verbundenheit und den Mut zum Neuanfang

Es gibt bereits Interessierte für das neue gemeinschaftliche Wohnprojekt auf dem Campus Kartause – eine christliche Wohngemeinschaft, die sich an der Vision der ökumenischen Community of Iona orientiert. Das Wohnprojekt wird Anfang 2027 bezugsfertig sein; in naher Zukunft können die ersten Mietverträge geschlossen werden. Pfarrerin Charlotte Horn ist Leiterin der Evangelischen TelefonSeelsorge Köln und spricht im Interview über ihre Rolle als Moderatorin, eigene Gemeinschaftserfahrungen und die Vision eines Zusammenlebens im Geiste von Iona.

Frau Horn, Sie begleiten als Moderatorin die ersten Begegnungen zwischen Menschen, die sich für die christliche Wohngemeinschaft auf dem Campus Kartause interessieren. Wie kann man sich diese Treffen vorstellen – und was macht sie besonders?

Charlotte Horn: Gemeinschaft, zumal eine, die auch spirituell ausgerichtet ist, will ja ein Raum für Beheimatung, für individuelle und gemeinschaftliche Entfaltung und den praktischen Einsatz für andere sein. In einer Zeit zunehmender Vereinzelung hat gemeinschaftliches Wohnen verändernde Kraft. Es geht darum, miteinander in Solidarität und Verbundenheit zu leben.

Ein solches tragendes Leben entsteht nicht von allein. Gemeinschaft ist ein offener Prozess. Und die Grundlagen werden bereits lange vor dem Einzug in die neuen Räume gelegt: bei unseren vorbereitenden Treffen und auch bei Ausflügen und Unternehmungen, die die Mitglieder auf eigene Initiative planen.

Bei den Gruppenabenden ist es meine Rolle, die Einzelnen bei ihrer Entscheidungsfindung zu unterstützen und Prozesse der Gemeinschaftsbildung anzuregen und zu begleiten. Hierbei greifen wir auf Erfahrungen unterschiedlicher – religiöser wie nichtreligiöser – Gemeinschaften zurück, die in den letzten Jahrzehnten einen reichen Schatz an systematischen Grundlagen und erprobten Methoden entwickelt und zusammengetragen haben. Sie dienen uns als Kompass, um die verschiedenen Aspekte des Zusammenlebens zu beleuchten. Das Besondere ist, dass wir manches davon schon bei unseren Treffen wie in einer Art „Labor“ ausprobieren, erleben und dann gemeinsam reflektieren.

Sie bringen jahrelange Erfahrung im Zuhören und im Begleiten von Menschen mit. Was begeistert Sie persönlich an der Idee dieser Wohngemeinschaft – und was erleben Sie in den Gesprächen mit den Interessierten?

Charlotte Horn: Neben meinen Erfahrungen in Seelsorge und Bildungsarbeit bringe ich auch einen biographischen Zugang mit: vor wenigen Jahren habe ich selber intensiv am Aufbau einer kleinen Gemeinschaft mitgewirkt und dort einige Zeit gelebt. Wo es passt, bringe ich diese Erfahrungen in den aktuellen Prozess mit ein. Ich habe selber erlebt, dass Gemeinschaft eine intensive persönliche Weiterentwicklung ermöglicht; man kommt unweigerlich an eigene „Baustellen“, die bearbeitet sein wollen und erlebt vieles im Alltag intensiver. Ein Wachstumsprozess wird angeregt, der uns miteinander lebendig hält.

Und Gemeinschaft trägt! Meine Zeit in dem Wohnprojekt fiel zufällig in die Coronazeit, die ich trotz aller Isolierung im öffentlichen Raum privat daher in großer Verbundenheit gelebt und überstanden habe.

Schon bei den ersten Treffen mit den Interessierten ist für mich spürbar: das Herz, die Essenz des Projekts zu finden und zu formulieren, ist ein individueller, ein gruppendynamischer und ebenso ein geistlicher Prozess. In geistlicher Hinsicht erinnert er an das Jesus-Wort: 

 …  wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und stirbt, bringt es viel Frucht. (Markus 4).

So sind die Vorstellungen von Gemeinschaft, die die Einzelnen mitbringen, die Körner, die eingebracht werden und die sich in eine blühende gemeinsame Vision wandeln können. Hingabe und Auferstehung, wenn Sie so wollen.

Die künftige geistliche Kommunität will sich inspirieren lassen von der Vision der ökumenischen Community of Iona (Schottland). Das bedeutet, gemeinsam die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Frieden und erneuerter Achtung vor der Schöpfung Gestalt werden zu lassen. Eine solche Gemeinschaft kann hineinwirken in den Campus Kartause, in die Kölner Südstadt, in die „Welt“ hinaus. Dass all das auf dem Boden der mittelalterlichen Kartause, einem Schweigeorden, entstehen soll, empfinde ich als besonderen Schatz. Es liegt nahe, dass künftig das Element der Stille, der Kontemplation hier wieder einen Platz haben wird, stelle ich mir vor.

Gemeinschaft entsteht, wenn Menschen offen aufeinander zugehen. Welche Chancen sehen Sie für Menschen, die sich auf dieses Abenteuer einlassen – und was würden Sie jemandem sagen, der noch überlegt, ob das Projekt zu ihm oder ihr passt?

Charlotte Horn: Jemandem, der sich mit der Grundidee identifiziert, aber noch zögert, würde ich raten, einfach dazuzukommen und sich ein Bild zu machen. Die Kommunität ist ja noch im Aufbau. Und so hat die Gruppe große Gestaltungsfreiheit und die Einzelnen können sich sehr persönlich in den Prozess einbringen. Einige Eckdaten stehen: die Ausrichtung im Geiste von Iona, nach dem Einzug ein wöchentliches Treffen der Kommunität, eine wenigstens dreijährige Wohnzeit.

Wie das konkrete Zusammenleben aussieht, entwickelt die Gruppe erst nach und nach. Die Mitglieder verständigen sich in Prozessen, die ich moderiere, über persönliche Erwartungen und gemeinsame Werte und wie sie ihren Alltag und das geistliche Leben konkret gestalten werden.

Wer sich selber gegenüber achtsam ist, wer authentisch in Kontakt zu den andern geht, wer Konflikte nicht scheut, sondern als Chance für persönliches Wachstum sieht, wer wertschätzend kommuniziert, trägt zum Gelingen einer solchen Gemeinschaft Wesentliches bei. An dieser Bewusstheit arbeiten wir bei den Gruppentreffen. Sie ist die Grundlage für alles Weitere.

Und ja, es gehört auch Mut dazu, sich auf das Abenteuer einzulassen, klar! So wie bei allem, was wir neu beginnen.

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