
Markus Dröge Porträt © Andrea Katheder
Altbischof Dr. Markus Dröge war von 2009-2019 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Seit 2021 ist er Vorstandssprecher der zivilgesellschaftlichen Stiftung Zukunft Berlin. Er lebt in Berlin und Koblenz.
Soeben ist sein Buch „Im Geist der Zuversicht“ (Radius-Verlag Stuttgart 2026) erschienen, das wir im Rahmen der Kooperations-Reihe „AkademieHochVier. Evangelische Dialoge am Rhein“ am Montag, 14. September, 19 Uhr, im Haus der Kirche, Kartäusergasse 9-11, vorstellen.
Martin Bock hat mit Markus Dröge ein Interview geführt.
Martin Bock: Lieber Herr Altbischof Dr. Dröge, vor wenigen Monaten haben Sie uns, den Vertreter:innen der evangelischen Stadtakademien in Deutschland, eindrucksvoll geschildert, welche Gefahren für die freiheitliche Demokratie und die damit verbundenen Werte Sie durch die Begegnung mit dem Rechtspopulismus in Berlin-Brandenburg in Ihrer Zeit als Landesbischof erfahren haben. Das „Aufziehen der dunklen Wolken“, wie Sie es nennen, war ein Anlass, sich in Ihrem Buch mit der Verdunkelung der christlichen Hoffnungskraft zu beschäftigen?
Markus Dröge: Nicht direkt. Die Motivation, das Buch zu schreiben, ist dadurch entstanden, dass ich mit vielen Menschen im Gespräch bin. Ich leite eine Stiftung in Berlin, die das zivilgesellschaftliche Engagement in der Berliner Gesellschaft und Politik stark macht. Im Nationalen Begleitgremium für die Atommüllendlagersuche erfahre ich hautnah, wie sensibel es heute ist, konfliktreiche Themen gesellschaftlich zu vermitteln. Und schließlich lebe ich natürlich weiter in meiner Heimat Kirche. Als cantus firmus der Stimmungslage nehme ich einen Grundton der Besorgnis wahr. Das hat mich bewogen, meine Dissertation über Jürgen Moltmann noch einmal in die Hand zu nehmen, und zu fragen: Ist seine „Theologie der Hoffnung“ nur Geschichte?
Martin Bock: Der polnische Soziologe Zygmunt Baumann hat von den allgegenwärtigen „Retropien“, den Blicken zurück statt nach vorne, gesprochen, die Menschen heute augenscheinlich Hoffnung geben, wenn sie auf die Narrative der populistischen Stimmen hören. Das ist ein ungeheurer Paradigmenwechsel gegenüber der Zeit, die unsere ganzen westlichen Gesellschaften und auch die Religionsgemeinschaften seit über 70 Jahren prägen: das nach-Vorne, der Exodus wird abgelöst von einer „Mimikry“ der Zuversicht. Was können wir dem entgegenstellen?
Markus Dröge: Kurz gesagt: Den christlichen Glauben. Die Grundstruktur des christlichen Glaubens ist die Ausrichtung auf den kommenden Herrn. Moltmann hat herausgearbeitet, dass das Christentum diese messianische Hoffnungsstruktur von der jüdischen Mutterreligion übernommen hat. Wenn rechte Populisten versuchen, Hoffnung zu machen, indem sie eine idealisierte Vergangenheit als Zukunftsmodell verkaufen und dazu noch eine Vergangenheit, die erwiesenermaßen ins Unheil geführt hat, ist das so ziemlich das Gegenteil vom christlichen Glauben. Seit dem Erstarken des Rechtsextremismus in Brandenburg habe ich es als meine Aufgabe angesehen, die fundamentale Unvereinbarkeit von Rechtsextremismus und christlichem Glauben klar zu benennen und öffentlich zu bekennen. Das schließt nicht aus, mit dem sachlichen Gegner ins Gespräch zu gehen – aber nur mit klaren Positionen.
Martin Bock: Sie sprechen von einer „Polykrise der Gegenwart“? Was meinen Sie damit genau?
Markus Dröge: Den Begriff habe ich von Jonas Grethlein übernommen. „Polykrise“ meint, dass sich zurzeit viele Krisen überlagern. Krise der Demokratie, der westlichen Werteordnung, der Europäischen Union, der Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen, der Wirtschaft und der Staatsfinanzen bis hin zur Krise der geopolitischen Ordnungssysteme … Können wir da ernsthaft noch irgendwie von Hoffnung reden? Ich beobachte, dass viele heute lieber bescheidener von „Zuversicht“ sprechen. Daran knüpfe ich an und versuche die biblisch verstandene Kraft des Geistes neu zu betonen. Sie kann helfen, zuversichtlich das Naheliegende zu tun, dabei aber die großen Hoffnungen der biblischen Verheißungen nicht aufzugeben.
Martin Bock: Jürgen Moltmann war im Erscheinungsjahr seiner „Theologie der Hoffnung“, 1964, fasziniert davon, wie sich die Dynamik des Evangeliums mit dem „Glück der Gegenwart“ verbinden kann. Von der Verbindung von Glück und Aufbruch hat eine ganze Generation, die „Boomer“ gezehrt – und wird dafür heute nicht selten massiv kritisiert. Ich lese Ihr Buch auch so, dass Sie sich mit dieser Anfechtung intensiv auseinandersetzen, ihrer Enttäuschung entgegenwirken wollen …
Markus Dröge: Enttäuscht bin ich nicht. Das würde ja voraussetzen, dass ich die biblisch begründete Hoffnung, die Moltmann entfaltet hat, als „Täuschung“ betrachte. Mein Ansatz ist ein anderer. Seit meiner Dissertation über Moltmann hat mich ein Gedanke nicht verlassen: Im Jahr 1964 war Moltmanns Buch sozusagen – sorry – „zeitgeistig“. Aber sein christologisch-pneumatologischer Ansatz ist so überzeugend, dass er in der Lage ist, die Hoffnung auch in Zeiten stark zu machen, in denen der Zeitgeist gegen den christlichen Glauben steht.
Martin Bock: Bei unserem Besuch bei Ihnen in Berlin haben Sie mit uns darüber nachgedacht, ob es angesichts der Angriffe auf die Demokratie eine nicht mehr oder nicht mehr vertraute Gestalt von Kirche(n) braucht, die widerstandsfähig ist, die selbst eine geistliche Resilienz in sich trägt. Sehen Sie wieder die Notwendigkeit einer „Bekennenden Kirche 2.0“ auf uns zukommen?
Markus Dröge: Kirche ist, wenn sie wirklich die Kirche Jesu Christi ist, immer bekennende Kirche. Sogar in der Grundordnung der EKD heißt es: „Sie (die EKD) weiß sich verpflichtet, als bekennende Kirche die Erkenntnisse des Kirchenkampfes über Wesen, Auftrag und Ordnung der Kirche zur Auswirkung zu bringen.“ Das müssen wir heute angesichts des neuen Rechtsextremismus allerdings auch wirklich leben. Sonst müssen die uns nachfolgenden Generationen wieder Schuldbekenntnisse verfassen.
PROGRAMMHINWEIS
Mo., 14.09.2026, 19:00 Uhr
AkademieHochVier
Evangelische Dialoge am Rhein
Buchvorstellung „Im Geist der Zuversicht“ (Radius-Verlag Stuttgart 2026)
Im Haus der Kirche, Kartäusergasse 9-11
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