Kategorie: Neues aus der Akademie (Seite 3 von 5)

Raum für Risse, Diversität als Normalfall und ein besonderes Jubiläum: Neues Programm der Melanchthon-Akademie!

Soeben ist das neue Programm der Melanchthon-Akademie für das zweite Halbjahr 2025 erschienen. Neben den vielen bekannten und bewährten theologischen und nicht-theologischen Fokussierungen finden sich im aktuellen Programm neue Akzente. Hier einige Beispiele:

Raum für Risse

Am 26. September 2025 laden wir Sie in der Zeit von 11.00 bis 17.00 Uhr herzlich zu Erkundungen im „Raum für Risse“ auf dem Gelände der Kartäuserkirche ein. Im „Vorraum für Risse“ am 19. September 2025 von 18.00 bis 21.00 Uhr können Sie sich bereits kreativ schreibend, performativ und künstlerisch den eigenen biografischen und den Weltrissen nähern. Die Kunst- und Wortwerke fließen in den „Raum für Risse“ ein. Begleitend findet sich ein facettenreiches Rahmenprogramm, das im engen (Sinn-)Zusammenhang mit der japanischen Reparaturtechnik „Kintsugi“ steht, bei der Zerbrochenes mit Gold sichtbar zusammengefügt wird. Es geht hier um einen achtsamen Umgang mit Brüchen, Rissen und deren Spuren.

Diversität als Normalfall

Mit Blick auf unser Miteinander in pluralen Gesellschaft fokussiert daneben eine mit dem ROM e.V. Köln entwickelte Veranstaltungsreihe auf die sichtbaren und unsichtbaren Geschichten von Kölner Rom:nja. Sie sind schon sehr lange Teil der immer schon heterogenen Bevölkerung in Deutschland und auch in Köln, wobei ihnen immer wieder eine selbstverständliche Zugehörigkeit abgestritten wurde und wird. In der Reihe geht es darum, aber auch um Geschichten von Hoffnung, Kämpfen um Anerkennung, Selbstbehauptung, Freundschaften, Liebe sowie von Kreativität in der Literatur in der Romanes-Sprache und in der Musik.

Ein besonderes Jubiläum

2025 ist ein Jubiläumsjahr. Vor 1.700 Jahren, im Jahr 325, fand das ökumenische Konzil von Nicäa statt. Hier rangen Christen und Christinnen mit Fragen ihres Glaubens. Die damals noch junge Kirche gab sich ein verbindliches Bekenntnis, eine Lehrgrundlage für eine Gemeinschaft, die zur Weltreligion wurde. Gleichwohl war und ist es ein fragiles Projekt, den komplexen christlichen Glauben in eine verbindliche Form zu versetzen. Bestimmte Erfahrungen kamen und kommen dabei nicht alle zu Wort. Wie pluralitäts- und dialogfähig ist also das Christentum? Was bedeutet es heute, ‚meinen‘ Glauben zu bekennen und zu vertreten? In verschiedenen Veranstaltungen mit verschiedenen ökumenischen Partner und Partnerinnen rückt das Bekenntnis von Nicäa in diesem Halbjahr in den Mittelpunkt – nicht nur über das Wort, sondern auch über die Musik. Freuen Sie sich besonders auf eine musikalische Uraufführung des CREDO im Kölner Dom am 26. September 2025 um 16.30 Uhr und auf die anschließende Soirée im Domforum.

Wir laden Sie herzlich ein!

Das Programm ist ab sofort online, sowie in gedruckter Version an der Melanchthon Akademie erhältlich: www.melanchthon-akademie.de Die Anmeldung ist telefonisch, schriftlich per Mail, Fax, Post oder online möglich.

Am 17. September 2025 findet von 18.00 bis 20.00 Uhr unter dem Titel „Brot & Buch & Innenhof“ die zentrale Veranstaltung zur Semestereröffnung statt.

Melanchthon-Akademie

Die Melanchthon-Akademie des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region ist eine anerkannte Einrichtung der Erwachsenenbildung im Sinne des WBG-NRW und hält ein umfangreiches und vielseitiges Programm vor. In der Kölner Südstadt gelegen hat die Melanchthon Akademie im Sinne Ihres Namensgebers den Auftrag Bildungsangebote zwischen Himmel und Erde zu ermöglichen. In der Akademie arbeiten 13 hauptamtliche Mitarbeiter:innen und rund 150 Dozent:innen, in jedem Semester finden rund 300 Angebote statt.

Hier können Sie das Magazin herunterladen.

Kontakt

Melanchthon-Akademie Köln
Sachsenring 6
50677 Köln
0221 931803-0

Text: MAK, Foto: Titelbild/APK

Flucht, Gemeinschaft, Zukunft: MAK und Juref laden zu den Sommernächten des „Jungen Campus“ ein

Schon gehört? Die Sommernächte starten – mit zwei besonderen Veranstaltungen im Juni. Organisiert vom Jungen Campus, einer Kooperation der Melanchthon-Akademie und des Evangelischen Jugendreferats, erwarten Sie inspirierende Abende unter freiem Himmel mit bewegenden Geschichten und Gesprächen:

Am Freitag, 13. Juni, 20 Uhr, findet im Kirchhof der Kartäuserkirche, Kartäusergasse 7, die Lesung „Das Schimmern der See“ mit Adrian Pourviseh (Sea-Watch) statt. Im Mittelpunkt steht eine Dokumentation über 72 Stunden an Bord der Sea-Watch 3 während einer Rettungsmission im zentralen Mittelmeer im Jahr 2021.
Am Montag, 23. Juni, 19.30 Uhr, wird im Haus der Evangelischen Kirche im historischen Innenhof, Kartäusergasse 9, der Dokumentarfilm „Lützerath – Gemeinsam für ein gutes Leben“ gezeigt. Im Anschluss findet ein Gespräch mit der Regisseurin Carmen Eckhardt statt. Der Film dokumentiert über 20 Monate das Leben und Wirken einer Gemeinschaft, die Lützerath als Experimentierraum für nachhaltiges und solidarisches Leben gestaltete.

Ein Gespräch mit Lea Braun, Studienleiterin bei der Melanchthon-Akademie:

Was bedeutet der „Junge Campus“ ganz konkret?

Lea Braun: Mit dem Bau des Campus Kartause entsteht durch das Haus der Bildung ein Ort, der neue Wege der Zusammenarbeit öffnet – über Institutionen und Disziplinen hinweg. Diese Synergien wollen wir, auch vor unserem Umzug, aktiv nutzen. Unser Ziel: ein innovatives Angebot für junge Erwachsene zwischen 20 und 40 Jahren, das Bildung neu denkt – interdisziplinär, dialogorientiert und nah an den Themen, die unsere Gesellschaft bewegen. Wir wollen eine Plattform schaffen, auf der junge Menschen ihre Talente entfalten, sich weiterbilden, vernetzen und ihre Perspektiven zu zentralen Zukunftsfragen einbringen können. Es geht um Austausch, Empowerment und gemeinsames Lernen.

Woher kommt die Idee?

Lea Braun: Die Idee zu diesem Projekt entstand aus einer gemeinsamen Initiative der Melanchthon-Akademie und des Evangelischen Jugendreferats – getragen von dem Wunsch, Bildung als Raum der Begegnung und gesellschaftlichen Mitgestaltung gezielt für ein diese Altersgruppe zu gestalten. Ab den Sommerferien ergänzt die Familienbildungsstätte die Kooperation und bringt auch die Perspektive junger Eltern mit hinein.

Was steckt hinter der Idee der „Sommernächte“?

Lea Braun:Die Sommernächte sind unsere Kick-Off Veranstaltung. Wir haben uns zwei gesellschaftspolitische Fragen herausgesucht: Flucht/Migration und die Suche nach gelingendem gemeinschaftlichem Leben in Zeiten des Klimawandels.

Was ist das Besondere beim Auftakt?

Lea Braun: „Das Schimmern der See“ ist ein gezeichneter Augenzeugenbericht über 72 dramatische Stunden an Bord der Sea-Watch 3 im zentralen Mittelmeer – eindrücklich festgehalten vom deutsch-iranischen Comiczeichner Adrian Pourviseh, der als Beobachter und Seenotretter Teil der Crew war. Die Graphic Novel wirft einen schonungslosen Blick auf den Alltag an Europas Außengrenzen – und ist ein kraftvoller Appell für Menschlichkeit und gegen das Wegsehen (Fr, 13.06. 20 Uhr, Innenhof der Kartäuserkirche, Anmeldung hier). 

Und der zweite Abend?

Lea Braun: Über 20 Monate begleitet der Film „Lützerath – gemeinsam für ein gutes Leben“ den Aufbau eines einzigartigen Experiments: ein selbstorganisiertes Labor für ein gutes Leben – und seine gewaltsame Zerstörung. Mit Kreativität, recycelten Materialien und gelebter Utopie entsteht ein Ort, an dem Menschen Baumhäuser bauen, Kultur schaffen und neue Formen des Zusammenlebens erproben – hierarchiefrei, gemeinschaftlich und voller Zukunftsvision. Regisseurin Carmen Eckhardt ist persönlich zu Gast für ein Gespräch (Mo, 23.06. 19:30 Uhr, Innenhof Haus der Ev. Kirche, Anmeldung hier).

An wen richtet sich das Format?

Lea Braun: Das Format spricht Menschen zwischen 20 und 40 Jahren an, die Fragen stellen, sich einmischen und über den eigenen Tellerrand schauen wollen.

Wie geht es nach den Sommernächten weiter?

Lea Braun: Bis wir gemeinsam in das Haus der Bildung einziehen, nutzen wir die Zeit, um mit neuen Veranstaltungsformaten zu experimentieren – offen, kreativ und im Austausch. Unter anderem startet nach den Sommerferien ein feministischer Lesekreis, für den sich Interessierte jetzt schon bei mir melden können.

www.melanchthon-akademie.de

Text: APK, Foto: Juref

Köln fotografiert von Wohnungslosen: „Die Stadt aus meiner Perspektive“ – Ausstellungseröffnung

Ein Foto eines Projektteilnehmenden.

Ein Foto eines Projektteilnehmenden.

Die Foto-Ausstellung „Die Stadt aus meiner Perspektive“ eröffnet am Sonntag, 2. Februar, um 16 Uhr in der Melanchthonkirche Zollstock, Breniger Straße 18 in Köln. Die Ausstellung präsentiert Aufnahmen, die von Wohnungslosen in Köln gemacht wurden und die Stadt aus ihrem Blickwinkel zeigen.

Das Projekt ist eine Gemeinschaftsinitiative des Diakonischen Werks Köln und der Melanchthon-Akademie, gefördert von der Aktion Mensch. Im Rahmen dieses Kunstprojekts wurden etwa 100 Einwegkameras an Klient:innen der Wohnungsnotfallhilfe der Diakonie verteilt. Über den Zeitraum eines Jahres entstanden so über 1000 Fotos, aus denen in dieser Ausstellung eine Auswahl sichtbar werden wird.

Die Ausstellung bietet einen Einblick in die Lebenswelt der Wohnungslosen in Köln. Die Bilder bewegen sich in einem breiten thematischen Spektrum, von Alltagsmomenten bis hin zu persönlichen Geschichten und Emotionen.

Michael Lampa, Fachdienstleitung der Wohnungsnotfallhilfe beim Diakonischen Werk, betont die Bedeutung des Projekts: „Wir freuen uns, dass wir nun das Ergebnis dieses spannenden Gemeinschaftsprojekts präsentieren können. Es macht eine städtische Perspektive sichtbar, die ansonsten oft unsichtbar bleibt, und schafft eine Plattform, die obdachlosen Menschen eine Stimme gibt.“

Ein besonderer Aspekt des Projekts ist die gemeinsame Projektentwicklung von Anfang an: In regelmäßigen Treffen berieten sich die Fotografen gemeinsam mit Vertreter:innen der Diakonie und der Melanchthon-Akademie zur Wirkmacht der Fotografien. Dabei wurden schließlich aus den 1000 gesichteten Fotos eine Auswahl von etwa 100 Favoriten getroffen, von denen ein Teil nun in einer Kölner Ausstellungsreihe sichtbar sein wird – den Anfang macht dabei die Melanchthon-Kirche in Zollstock.

Die dortige Ausstellung läuft bis zum 16. Februar. Besucher:innen haben die Möglichkeit, nicht nur die Bilder zu betrachten, sondern auch Aufnahmen und Kalender zu erwerben. Der gesamte Erlös wird an die Wohnungslosenhilfe der Diakonie gespendet.

Interessierte Bürgerinnen und Bürger sind herzlich eingeladen, die Ausstellung zu besuchen, mit den Initiator:innen ins Gespräch zu kommen und ihre Eindrücke bei einem anschließenden Orgelkonzert in der Kirche Revue passieren zu lassen.

Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Website www.melanchthonkirche.de.

Gewagt! 500 Jahre Täuferbewegung  – auch in Köln

500 Jahre Reformation – war das nicht das große Jubiläum mit dem „Luther-Kopf“ vor ein paar Jahren. 2017? Nochmal „500 Jahre“?

Im 16. Jahrhundert entstanden im Zuge der reformatorischen Bewegung an vielen Orten Gruppen, die auf außerordentlich konsequente und radikale Weise Christsein neu zu leben versuchten. Während evangelische Menschen lutherischen oder reformierten Glaubens bald ohne Lebensgefahr ihren ‚neuen‘ Glauben leben konnten, weil die Fürsten oder Stadträte diese Reformation mitvollzogen, ging es den sogenannten Täufern weit ins 19. Jahrhundert anders. Sie wurden von allen Seiten verfolgt. „Gewagt! 500 Jahre Täuferbewegung 1525 – 2025“ erinnert daran, dass schon vor 500 Jahren viele Christ:innen als mündige Menschen gemeinsam und konsequent ein an biblischen Maßstäben ausgerichtetes Leben führen wollten. Ihre Ideale waren die Freiheit des Glaubens und Gewaltlosigkeit. Sie haben dafür auch Verfolgung, erzwungene Migrationen und Diskriminierung in Kauf genommen. …

Die erste sogenannte „Glaubenstaufe“ Erwachsener fand Ende Januar 1525 in Zürich statt. Hinter dem gemeinsamen Namen „Täufer“ verbarg sich eine vielfältige Bewegung. Gruppen wie die Mennoniten, die Hutterer, die Schweizer Brüder, die Melchioriten gehören dazu. Täufer lebten in den Niederlanden und in Nordwestdeutschland, in der heutigen Schweiz, aber auch in der Kurpfalz, in Bayern, Hessen, Thüringen, in Württemberg sowie in Österreich und in Mähren. Auch Baptisten und Quäker zählen zu diesem ‚gewagten‘ Spektrum.

Auch in Köln gibt es auch bis heute Gemeinden, die sich dieser Tradition zuordnen, zum Beispiel verschiedene baptistische und freikirchliche Gemeinden, auch die Quäker. In der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Köln (www.oekumene-koeln.de) gestalten sie am Sonntag, den 19. Januar, 18 Uhr den festlichen Gottesdienst  in der Altkatholischen Kirche Christi Auferstehung, Jülicher Str. 28, 50674 Köln, zu diesem Thema mit. Herzlich willkommen!

Im linksrheinischen Köln erinnern zwei Orte an diese Geschichte: Auf der Via Reformata (www.viareformata) weist eine Station – nahe der Schildergasse – stellvertretend für viele auf die Verfolgung des täuferischen Christen Gerhard Westerburg im 16. Jahrhundert hin. Ein weiterer Ort liegt in der Nähe des Barbarossaplatzes, beim heutigen „Haus Töller“. Dort, an einem damaligen Stadttor, wurde am 5. März 1558 Thomas von Imbroich hingerichtet – weil er die Kindertaufe und den Kriegsdienst verweigerte, keinen Eid leistete und darauf bestand, dass die christliche Gemeinde sich selbst egalitär leite. Ist es dieses Lebens-Wagnis und auch das damit verbundene Recht zur Religions- und Gewissenfreiheit nicht wert, ein Erinnerungszeichen im öffentlichen Raum zu errichten?

Zusammen.LEBEN.Gestalten.

Fortbildung: „Ist Engagement etwas für mich?“

In einer Inspirations-Fortbildung gehen die Teilnehmenden der Frage nach „Ist Engagement etwas für mich?“ Gemeinsam mit den Dozentinnen und Dozenten der Melanchthon-Akademie können Interessierte an vier Freitagabenden erkunden, ob, wie und warum ein Engagement für jeden einzelnen sinnvoll sein kann. In Zeiten des Wandels, sei es durch den Klimawandel, gesellschaftliche Veränderungen oder geopolitische Unsicherheiten, gewinnt das Konzept der Selbstwirksamkeit an Bedeutung. Es geht darum, wie in unübersichtlichen Zeiten ein sinnvolles Leben geführt werden kann. Über ein Jahr hinweg werden verschiedene lokale Projekte besucht und individuelle Interessen und Möglichkeiten ausgelotet und gleichzeitig betrachtet, welche positiven Impulse von den Ideen der Teilnehmenden für die Gemeinschaft ausgehen und wie diese die Demokratie stärken können.

Los geht es am Freitag, 31. Januar, 19 bis 22 Uhr, im Café Himmel und Ääd in Bergisch Gladbach, Altenberger-Dom-Straße 125. Antje Rinecker, Studienleiterin der Melanchthon-Akademie, und Katharina Haubold, Referentin für Transformationsstudien an der CVJM Hochschule Kassel, leiten den ersten Abend mit dem Titel „Was will ich jetzt wirklich, wirklich? Engagement und ich?!“. Weitere Termine und Themen: „Die Mitwelt entdecken – interaktiv im urbanen Raum am Freitag, 23. Mai, 18 bis 22 Uhr, im Gemeindezentrum der Evangelischen Lukaskirche in Porz, Mühlenstraße 2; „Vielfalt leben – Demokratie stärken“ am Freitag, 29. August, 18 bis 22 Uhr, im Gemeindezentrum der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Dünnwald, Berliner Straße 944; „Go on – STARK und werde stärker“ am Freitag, 7. November, 18 bis 22 Uhr, im Café Himmel und Ääd in Bergisch Gladbach, Altenberger-Dom-Straße 125. Die Teilnahme an allen Abenden ist kostenlos.

Martin Bock

Zusammen. Leben. Gestalten. Das ist die große Herausforderung des Erwachsen-Seins in seiner langen Wegstrecke. Ich bin selbst mittendrin. Kinder fast aus dem Haus. Schon ein paar graue Haare. Viele Gewissheiten verändern sich. Es macht mir Freude, Leben, Körper, Geist, Glauben, Sehnsüchte und Enttäuschungen neu zu klären und nach Weggemeinschaft zu suchen – generationsübergreifend. Dass dies auch mein Beruf ist, in der Akademie, mitten in der Stadtgesellschaft: wie toll!“

Antje Rinecker

„Ich bin davon überzeugt, dass nichts so bleiben muss, wie es ist. Dass sich immer Möglichkeiten eröffnen. Dass es nie nur auf mich ankommt. Dass ich aber einen Unterschied mache, weil ich Fähigkeiten habe und eine Stimme. Deshalb finde ich „Zusammen.LEBEN.gestalten“ so großartig. Einen Prozess zu begleiten und zu gestalten, der mich wirklich packt. Zusammen mit anderen eine Vision zu teilen und konkret daran zu arbeiten. Jeder Mensch kann etwas, Unterschiedlichkeit ist eine, ist die Ressource. Die Gestaltungskraft wächst im Miteinander. Darauf zu vertrauen, dass wir im Prozess getragen sind, den Wind im Rücken haben. Dazu Menschen immer wieder einladen zu dürfen. Dafür bin ich dankbar.“

Stefan Hößl

Zusammen.Leben.Gestalten. und die Förderung sozialen Engagements in einer demokratischen, pluralen Gesellschaft sind grundlegend auf Räume verwiesen, in denen Reflexions- und Lernprozesse ermöglicht und begleitet werden können – und das sind nicht immer Wohlfühl-Räume, weil natürlich auch kollegiales Streiten und Ringen um Inhalte und Positionen, immer aber auch eine Offenheit zur Selbstkritik und zur Veränderung dazugehören. Und wer von uns ist denn immer und gerne bereit, eigene liebgewonnene Gewissheiten zu hinterfragen oder sich von Altbekanntem zu verabschieden? Im Rahmen meiner Arbeit als Studienleiter politische Bildung ist es ein wesentliches Ziel, Räume, in denen so etwas passieren kann, darf und soll, zu schaffen.“

Lea Braun

Zusammen.Leben.Gestalten. – das bedeutet für mich im Chaos der Welt aus meiner Ohnmacht herausfinden. Gemeinsames suchen. Brücken bauen. Konflikte verstehen. Gegen den Strom aufeinander zu schwimmen. Spielräume entdecken und experimentierfreudig bleiben. Wie gut, dabei nicht alleine zu sein! Wie gut, diese Räume in der Akademie mitgestalten zu können!“

Lena Felde

Zusammen.Leben.Gestalten. bedeutet für mich, in der Erwachsenenbildung lebendige und vielschichtige Erfahrungsräume zu schaffen, in denen Menschen die Vielfalt unserer Gesellschaft kennenlernen und mit Offenheit auf Unterschiede zugehen können. Diese Räume regen die leibliche und denkerische Kreativität an und eröffnen die Möglichkeit zur Entwicklung und auch Erprobung neuer Ideen, die unsere Gemeinschaft bereichern und Demokratie aktiv mitgestalten.“

Dorothee Schaper

Zusammen.Leben.Gestalten. heißt für mich:   Demokratie lebendig leben mit vielen Verschiedenen, Gesprächsräume öffnen, Unterschiede würdigen, fröhlich streiten, Gerechtigkeit bauen und das humorvolle und gottlobende Augenzwinkern über unseren wunderbaren blauen Planeten mit all seinen sperrigen Bewohnern nicht vergessen.“

Liebe, Stille, Raum, Ökologie & noch vieles mehr

Das neue Semesterprogramm 1/ 2025 der Melanchthon-Akademie ist da!

Wir freuen uns, Ihnen unsere Veranstaltungen vorstellen zu dürfen, die wir im ersten Halbjahr 2025 umsetzen werden. Ab sofort ist das Programm gedruckt und online verfügbar und Sie können sich jederzeit gerne anmelden. Es erwartet Sie die gewohnte Fülle und Vielseitigkeit von Bildungsformaten.

Einen besonderen und vielleicht zum Teil auch etwas außergewöhnlichen Fokus richten wir in diesem Programm auf Liebe, Stille, Raum und Ökologie. In einer Zeit, die geprägt ist durch zahlreiche und teilweise existenziell bedrohliche Krisen, wollen wir gegenhalten und unseren Blick auf Verbindendes, auf Bleibendes, auf Bewahrendes, aber auch auf deren harte ‚Kanten‘ richten – Liebe, Stille, Raum und Ökologie sind da für uns ganz wesentliche Stichworte.

Liebe. So facettenreich, wie dieser Begriff ist, sind auch die damit verbundenen thematischen Vertiefungen: Bei diesen zeigt sich, dass Liebe fast immerzu gesellschaftsrelevante, politische Dimensionen aufweist. Wer liebt wen oder was, wer liebt wie, kann selbst Liebe ein Akt des Widerstands gegen Zumutungen sein, usw.?

Stille. Sie ist einfach da. Wir müssen sie nicht herstellen. Es ist lediglich nötig zu lassen, was sie stört: zu viel Arbeit, zu viele Menschen, zu viele Geräusche. Es ist befreiend, ein Akt der Selbstfürsorge, die unterschiedlichen „zu viel“ zu lassen, präsent im Jetzt sein zu können und zu erfahren, was dann kommt.

Raum. Ist mehr als irgendein Ort. In der Bibel ereignen sich Schutz-Räume, Gesprächs-Räume.  „Ort“ wird sogar ein Gottes-Name, als der Tempel als Ort der Gottesbegegnung wegbricht. Das theologische Nachdenken bewegt sich deshalb besonders an diesen „Orten“ entlang. Orte werden auch zu (harten) Kanten. Hier sprechen wir über Scheitern und Gelingen, Verzweifeln und Hoffen, Leben und Sterben, über Gottes Räume und Orte in der Welt.

Ökologie. Ökologische Transformationsprozesse zu gestalten, fängt oft im Kleinen an. Das Thema Ernährung spielt eine zentrale Rolle in der Minderung der Auswirkungen des Klimawandels. In einer Stadt wie Köln wird die Förderung eines regionalen und ökologischen Lebensmittelanbaus zunehmend wichtiger. Gemeinsam mit dem Kölner Ernährungsrat und Ihnen möchten wir über nachhaltige Ernährung (im urbanen Raum) nachdenken.

… und natürlich: Im Jahr 2025 jährt sich die Befreiung der Welt vom Nationalsozialismus, die Befreiung von Ausschwitz zum achtzigsten Mal. Die Beschäftigung damit und vor allem die Erinnerung an die insbesondere jüdischen Opfer des Terrors steht im Fokus vieler unserer Bildungsveranstaltungen. 80 Jahre sind vergangen und im Jahr 2025 sehen wir, wie stark Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus noch immer in der Lage sind, elementare Grundlagen unseres Zusammenlebens in der pluralen Gesellschaft zu bedrohen.

Mit unserer Semestereröffnungsveranstaltung möchten wir hier ein Zeichen setzen. Am 6. Februar 2025 wird Rüdiger Schuch, Präsident der Diakonie Deutschland, bei uns in Köln sein und nach einem Vortrag mit dem Titel „Diakonisches Engagement für eine offene und demokratische Gesellschaft“ mit uns über den Umgang mit demokratie- und menschenfeindlichen Positionen sprechen.

Wir laden Sie herzlich ein!

Das Programm ist ab sofort online sowie in gedruckter Version an der Melanchthon-Akademie erhältlich: www.melanchthon-akademie.de. Die Anmeldung ist telefonisch, schriftlich per Mail, Post oder online möglich.

Die Melanchthon-Akademie des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region ist eine anerkannte Einrichtung der Erwachsenenbildung im Sinne des WBG-NRW und hält ein umfangreiches und vielseitiges Programm vor. In der Kölner Südstadt gelegen hat die Akademie im Sinne ihres Namensgebers den Auftrag, Bildungsangebote zwischen Himmel und Erde zu ermöglichen. In der Akademie arbeiten 13 hauptamtliche Mitarbeiter*innen und rund 150 Dozent*innen,  in jedem Semester finden rund 300 Angebote statt.

Ans Licht geholt.

Archäologische Ausgrabungen im ehemaligen Kartäuserkloster St. Barbara in Köln.

Gregor Wagner M.A., Abteilungsleiter Bodendenkmalpflege, Römisch-Germanisches Museum der Stadt Köln

Auf dem Baufeld für den am Kartäuserwall in der Kölner Südstadt neu entstehenden Campus Kartause hat die Bodendenkmalpflege der Stadt Köln archäologische Ausgrabungen durchgeführt. In dem Vortrag werden erste Einblicke in die spannenden Ergebnisse dieser Ausgrabungen gegeben, bei denen Gräber aus römischer Zeit, die Klosterbebauung der im Jahr 1334 an diesem Ort begründeten Kartause St. Barbara sowie die Überreste der militärischen Nutzung des Geländes in französischer und preußischer Zeit zu Tage kamen.

Ein reiches Spektrum an Funden aus einem Zeitraum von über 2000 Jahren zeugen von der bewegten Geschichte dieses Ortes. Die Funde, die in Auswahl auch im Original gezeigt werden, vermitteln einzigartige Einblicke in das Totenbrauchtum der römischen Zeit, das Leben und Arbeiten im Kartäuserkloster sowie in die ab 1794 das klösterliche Leben ablösende Nutzung des Klostergeländes durch die französischen Revolutionstruppen und das preußische Militär als Lazarett und Artilleriedepot.

Do., 12.12.2024 | 18 Uhr | Eintritt frei | Haus der Kirche, Clarenbachsaal | Kartäusergasse 9-11 | Köln

Fotonachweis:
Luftbild: Römisch-Germanisches Museum der Stadt Köln / Foto: St. Weiner

Semestereröffnung „Buch und Brot & Kartäuserhöfe – Klänge im Zwischenraum“

Am 3. Sept. 24 gaben wir Ihnen die Gelegenheit, zum Semesterauftakt einige der versteckten Innenhöfe des historischen Kartäusergeländes zu erkunden und dabei in die Welt der Literatur einzutauchen. In der malerischen Umgebung der Kölner Südstadt präsentierten die Studienleiter:innen der Akademie eine Auswahl ihrer Lieblingsbücher und kündigten dazu passende Veranstaltungen im neuen Semester an. Eine Bildauswahl der Reise durch Literatur und Raumerkundung dieses wunderbaren Tages finden Sie hier.

Die stimmungsvollen Höfe des Kartäusergeländes boten den idealen Rahmen, sich von den vorgestellten Texten inspirieren zu lassen und in den Zwischenräumen des Alltags neue Klänge zu entdecken.
So widmete Antje Rinecker sich in ihrer Buchvorstellung „Der Tod des Ketzers“ von Peter Tremayne der atemberaubenden Natur Irlands, der ebenso erstaunlichen Kultur und Spiritualität des Landes im 6. Jahrhundert – und der Lösung eines Kriminalfalls.
In Lea Brauns Buchvorstellung „Zeit der Verluste“ von Daniel Schreiber ging es um die Auseinandersetzung und den Umgang mit Verlust in der Unbeständigkeit der Welt und die private und gesellschaftliche Fähigkeit zu trauern.
Martin Bock thematisierte mit seiner Vorstellung von Immanuel Kants „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ die Modernität Kants, der als (gelegentlicher) Billardspieler und „Gottesdienstmeider“ trotzdem um die „Heiligkeit“, also die absolute Verbindlichkeit von Geboten und Menschenrechten, wusste. Kant war strikt der Meinung, dass die überkommenen Konfessionen sich auflösen sollten, weil sie bloß einen menschlichen ‚Standpunkt‘ tragen

Dorothee Schaper brachte uns mit ihrem Buch „Trotzdem Sprechen“ von Lena Gorelik und anderen die These „Trotzdem Sprechen ist die greifbarste Utopie dieser Tage“ näher und den Versuch, in polarisierten und aufgeheizten Zeiten, in denen uns oft die Worte fehlen, am gemeinsamen Gespräch festzuhalten.
Stefan Hößl beschäftigte sich in seiner Buchvorstellung „Desert Insurgency: Archaeology, T. E. Lawrence, and the Arab Revolt“ von Nicholas J. Saunders mit der arabischen Revolte gegen das Osmanische Reich vor etwa hundert Jahren, die die Entstehung nationalstaatlicher Strukturen auf der arabischen Halbinsel maßgeblich beeinflusst haben und so den Urgrund auch heute noch aktiver Konflikte in der Region bilden.
Auch Lena Feldes Buch „Nachleben“ von Abdulrazak Gurnah führte in die Zeit des 1. Weltkriegs, allerdings auf einen anderen Kontinent: In diesem Beitrag zur postkolonialen Literatur wird ein Ausschnitt der Geschichte der Afrikanischen Kolonialisierung in afrikanischer Erzähltradition und aus afrikanischer Perspektive beschrieben.

Im Anschluss gab es wie immer noch ein geselliges Brot zum Buche.

Wir haben an dem Abend viele Anregungen  und Inspirationen aus guten Büchern erhalten. Diese Erfahrung möchten wir auch anderen Menschen in diesem Fall Kindern und Jugendlichen im Iran ermöglichen. Deshalb möchten wir Ihnen das Projekt ‚lies mit mir‘ ans Herz legen.
Eine Initiative von iranischen Frauen, die hochwertige und phantasievolle Kinderbücher iranischen Kindern besonders in entlegenen Dörfern  in Bücherkoffern und kleinen Bibliotheken zu Verfügung stellen und selber vorlesen.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie als Würdigung unseres Brot und Buch-Abends diese Initiative mit einer Spende unterstützen. Auf dem Flyer finden Sie weitere Informationen zum Projekt und Unterstützungsmöglichkeiten.

Vielen Dank im Voraus.

Wer noch mehr über Geschichten des Kartäusergeländes und seinem  Umfeld erfahren möchte, ist am 8.9. um 16h herzlich eingeladen, die Geschichte von Pfarrer Georg Fritze und Familie Heymann auf dem Gelände zu erkunden. Herzlich willkommen. Weitere Informationen hier.

UNVERZAGT!

7 Tage Leuchten – Unverzagte Frauen
Die Pazifistinnen von 1915.

Von Dorothee Schaper

Frauenfriedenskongress 1915 in Den Haag

In Anlehnung an die diesjährige Fastenaktion „Leuchten! 7 Wochen ohne Verzagtheit“, stellen wir in der Karwoche bis Ostern unverzagte Frauen vor. Diese historischen Frauen verbindet ihr Einsatz für den Frieden und die Verbindung dieses Ziels mit der Frauenbewegung.

 

Wir organisieren uns! 1915 in Den Haag! Wir fordern Frieden!

Beim internationalen Frauenfriedenskongress in Den Haag beschließen wir mit 1136 Frauen aus 12 europäischen Ländern:

Wir Frauen aus vielen Ländern,

zum internationalen Kongresse versammelt, erklären hierdurch über allen Hass und Hader hinaus, der jetzt die Welt erfüllt, uns in der gemeinsamen Lieb zu den Idealen der Gesittung und Kultur verbunden zu fühlen, auch, wo unsere Ziele auseinandergehen.

Wir erklären feierlich,

jeder Neigung zu Feindschaft und Rache zu widerstehen, dagegen alles Mögliche zu tun, um gegenseitiges Verständnis und guten Willen zwischen den Nationen herzustellen und für die Wiederversöhnung der Völker zu wirken.

Wir erklären:

Der Lehrsatz, Kriege seien nicht zu vermeiden, ist sowohl eine Verneinung der Souveränität des Verstandes als ein Verrat der tiefsten Triebe des menschlichen Herzens. Von der innigsten Teilnahme beseelt für die Leidenden, Trostlosen und Unterdrückten, fordern wir, Mitglieder dieses Kongresses, die Frauen aller Nationen feierlichst auf, für ihre eigene Befreiung zu arbeiten und unaufhörlich für einen gerechten und dauernden Frieden zu wirken.

 

Aletta Henriette Jakobs.

Ich bin Aletta Henriette Jakobs.

Am 9. Februar 1854 werde ich in Sappemeer in eine große jüdische Familie hineingeboren. Ich werde die erste Frau in den Niederlanden, die auf eine weiterführende Schule gehen darf, danach bin ich die erste Studentin in Utrecht und promoviere in Groningen.

Neben meinem Arztberuf wird mir der Kampf für das Frauenwahlrecht und für eine pazifistische Haltung innerhalb der Frauenbewegung wichtig. So ergibt es sich, dass ich zusammen mit Jane Adams den Internationalen Frauenfriedenskongress 1915 in Den Haag vordenke. Gemeinsam fahren wir nach dem Kongress in die USA und haben die Gelegenheit, mit Präsident Wilson sprechen zu können, so wie wir es in Den Haag mit 1136 Frauen aus 12 europäischen Ländern beschlossen haben. Bei den anschließenden Friedensverhandlungen kann man deutlich die Handschrift unseres 20 Punkteplans erkennen.

 

Rosa Manus

Ich bin Rosa Manus.

Ich werde 1881 in Amsterdam in eine wohlhabende liberale jüdische Familie geboren. „Anständige großbürgerliche Frauen arbeiten nicht für Geld, sondern wirken bei Wohltätigkeitsveranstaltungen mit!“, sagt mein Vater. Das ist hart für mich. Aber ich nutze mein Organisationstalent in der Frauenbewegung. 1913 hänge ich mich mit ganzer Kraft in die Organisation des Internationalen Frauenfriedenskongresses 1915 in Den Haag. Ich bin keine Frontfrau, ich bin gerne Assistentin und Vizepräsidentin. Ich bin nicht die Stimme der Frauenbewegung, aber ich organisiere sie gerne. Außerdem reise ich gerne und bin abenteuerlustig. Bis nach Südamerika, nach Palästina, Syrien und Ägypten schaffe ich es zu kommen – und zwar ohne Mann!

1941 werde ich von den Nazibesetzern in den Niederlanden verhaftet. Sie werfen mir pazifistische und kommunistische Interessen vor…. und dann bin ich auch noch Jüdin! Nach drei Monaten Gefängnis in Scheveningen befinde ich mich auf dem Transport ins Konzentrationslager nach Ravensbrück. Am 29. Mai bringen mich die Nazis um.

Meine lieben Hinterbliebenen haben mir einen Grabstein eingerichtet, obwohl ich ja gar kein eigenes Grab habe. Dort erinnern sie sich an mich. Auf meinem Grabstein steht:

„Rosa Manus hat ihr Organisationstalent und ihre Menschenkenntnis, ihre Energie und ihr Vermögen darauf verwendet, Frauen voranzubringen.“

Sie haben recht! Und ich habe es gerne getan!

 

Lida Gustava Heymann

Ich bin Lida Gustava Heymann.

Am 15. März 1868 werde ich als dritte Tochter in Hamburg in eine wohlhabende Familie geboren.

1896 fahre ich zum internationalen Kongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen nach Berlin. Das ist ein großartiges Ereignis! So viele interessante Frauen, die alle etwas verändern wollen. Prompt lerne ich Anita Augspurg kennen. Sie ist eine großartige Frau, mit der ich zukünftig mein Leben teilen werde, über 40 Jahre, bis dass der Tod uns scheidet.

1902 gründen wir gemeinsam mit anderen den „Deutschen Verein für Frauenstimmrecht“ und schließen uns 1904 der internationalen Frauenbewegung an. Wir verorten uns in der radikal pazifistischen Gruppe innerhalb der Frauenbewegung. Krieg ist für mich „das größte Verbrechen und der Kulminationspunkt männlicher Raff- und Zerstörungswut!“ Gemeinsam fahren wir 1915 zum Frauenfriedenskongress nach Den Haag. Wir brauchen einen internationalen Ausschuss für einen dauerhaften Frieden!

Ich formuliere im Aufruf für den Kongress in Den Haag: „Frauen Europas, wann erschallt Euer Ruf? Wo bleibt Eure Stimme? Seid Ihr nur groß im Dulden und im Leiden? Versucht dem Rad der Zeit menschlich mutig und stark in die Speichen zu greifen!“ Daraufhin steht die Polizei vor unserer Tür und durchsucht unsere Wohnung. Aber das Flugblatt war glücklicherweise schon verschickt und verteilt. Erst 1917 verweisen uns die Bayern wegen “unpatriotischer Umtriebe” des Landes. Wir verlieren alles und leben nun bescheiden in der Schweiz.

 

Anita Augspurg

Ich bin Anita Augspurg. 

Ich werde im September 1857 in Verden an der Aller in eine liberale Familie geboren. Heiraten möchte ich nicht. Das weiß ich schon früh. Deshalb gehe ich so bald wie möglich nach Berlin in das Lehrerinnenseminar. Auf der internationalen Frauenkonferenz in Berlin lerne ich Lida Gustava Heymann kennen, wie großartig! Mit ihr werde ich ab jetzt durch dick und dünn gehen, bis dass der Tod uns scheidet! Gemeinsam eröffnen wir ein Fotoatelier in München. Wir tragen beide einen Kurzhaarschnitt, reiten und fahren Fahrrad. Die Leute gucken hinter uns her, manche werfen uns unerhörtes Auftreten vor, aber das stört uns nicht.

Im Juni 1908 fahren Lida und ich nach London zum Protestmarsch der Suffragetten. Wir ziehen mit 750.000 Frauen für Wahl- und Selbstbestimmungsrecht durch die Straßen Londons und gewinnen Freundinnen in Frankreich, England, Amerika und Ungarn. Das fühlt sich gut an.

1915 fahren wir zusammen nach Den Haag. Der internationale pazifistische Geist der Konferenz bestärkt uns darin, unseren Weg weiterzugehen.

1923 ziehen in München nationalistisch eingestellte marodierende Banden von gewaltbereiten jungen Männern durch die Straßen und stören Versammlungen von fortschrittlichen international eingestellten Vereinen. Sie nennen sich Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter Partei – ein gewisser Adolf Hitler aus Österreich hetzt sie auf. Sie stürmen auch in die Versammlung unserer Frauenliga für Frieden und Freiheit. Wir fordern eine klare Position des Innenministers gegen diese Vorkommnisse der Nationalsozialisten! Wir fordern die Ausweisung dieses Hitlers aus Bayern – aber in Gesprächen mit dem Innenminister lehnt er ab. Seitdem stehen Lida und ich auf der Liquidationsliste der NSDAP.

60 Jahre später erscheint ein Buch über uns: „Die Rebellion ist eine Frau!“ Das ist ein schöner Titel! Sie schreiben, wir wären zwei der mutigsten Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts….Dabei haben wir doch einfach nur getan, was wir tun mussten.

 

Hedwig Dohm

Ich bin Hedwig Dohm (geb. Schlesinger).

1831 werde ich in Berlin geboren. Ich habe 10 Brüder und sieben Schwestern. Dass meine Brüder bessere Bildungschancen bekommen als wir Schwestern, stört mich noch heute.

Im Alter von 40 Jahren bin ich 18 Jahre mit Ernst Dohm, dem Redakteur des Satiremagazins Kladderadatsch, verheiratet und habe in Berlin vier Kinder großgezogen. Endlich kann ich mich der Frauenfrage widmen.

„Ich bin des Glaubens, dass die eigentliche Geschichte der Menschheit erst beginnt, wenn der letzte Sklave befreit ist, wenn das Privilegium der Männer auf Bildung und Erwerb abgeschafft, wenn die Frauen aufhören, eine unterworfenen Menschenklasse zu sein.“

Die Sklaverei der Schwarzen, der Antisemitismus und die Frauenunterdrückung sind für mich Ausdruck ein und desselben schändlichen Prinzips: der Abwertung des Anderen. So müssen wir das meines Erachtens in Abhängigkeit voneinander begreifen und bekämpfen!

Aber dem gemäßigten Flügel der Frauenbewegung sind meine Ideen viel zu radikal. Ich fühle mich sehr verstanden, als ich in Minna Cauer, Lida Heymann und Anita Augspurg als gleichgesinnte Gesprächspartnerinnen finde, mit denen ich diese weitreichende Analyse teile. Wir gründen den Verband fortschrittlicher Frauenvereine.

1915 fahren meine Schwestern im Geiste nach Den Haag zum Frauenkongress. Am liebsten wäre ich mitgefahren, aber mit 84 Jahren schaffe ich das nicht mehr. Aber bevor ich im Juli 1919 sterben werde, werde ich noch erleben, wie der Rat der Volksbeauftragten im November 1918 das Wahlrecht für Frauen verkündet. Dieser Kampf hat sich gelohnt!

 

Clara Haber

Ich bin Clara Haber (geb. Immerwahr) aus Breslau.

Es ist der 3. Mai 1915. Gestern Nacht habe ich mich erschossen – im Garten unserer Dienstvilla in Berlin Dahlem. Mein Mann hatte vorher mit seinen Kollegen den Sieg über die Schlacht bei Ypern in unserem Haus gefeiert. Als sie alle weg waren, habe ich meine letzten Briefe geschrieben, die Dienstwaffe meines Mannes genommen, bin in den Garten gegangen und habe mich erschossen.

Ich bin Chemikerin und die erste Frau, die in Deutschland in Chemie promoviert hat. Gemeinsam mit meinem Mann Fritz Haber habe ich an der Herstellung von Ammoniak geforscht. Ich habe gehofft, einen Kunstdünger zu erschaffen, der das Hungerproblem in der Welt löst.

Mein Mann hat weiter geforscht und das Chlorgas entdeckt. Im letzten Herbst hat er sich in die Armee einberufen lassen und seitdem erforscht er den Einsatz von Giftgas für den Krieg. Am 22. April haben sie den ersten Giftgasangriff in Ypern (Belgien) in der Geschichte verübt. Mit 150 Tonnen Chlorgas haben sie über zehntausend Menschen umgebracht: Soldaten und zivile Frauen, Männer und Kinder. Ich kann es nicht fassen, dass er seine Fähigkeiten in den Dienst des Massenmordes stellt! Ich konnte nicht anders als öffentlich zu sagen, dass dieses Unternehmen für mich die Perversion der Wissenschaft und ein Zeichen der Barbarei ist.

 

Anna Ediger

Ich bin Anna Ediger, geborene Goldschmidt, und wurde 1831 in eine kunstliebende, intellektuelle jüdische Familie in Frankfurt geboren.

Seit 1893 gehöre ich dem Frankfurter Friedensverein an. Ich gehöre zum Bund der deutschen Frauenvereine. Ich war fest entschlossen nach Den Haag zu fahren und das habe ich auch gemacht!

Den Haag war ein großartiges Erlebnis! So viele kluge Frauen aus so vielen verschiedenen Ländern. Diese Verbundenheit und diese Gewissheit, dass Verständigung ohne Gewalt möglich ist – das kann uns keiner mehr nehmen. Ich habe einen Bericht über unseren Kongress geschrieben. Helene Lange vom Bund der deutschen Frauenvereine wollte diesen noch nicht einmal in ihrer Zeitschrift abdrucken! Das kann ich nicht nachvollziehen.

Den Haag hat mich in meiner Auseinandersetzung weitergebracht. Ich halte es jetzt für noch wichtiger, dass wir in wichtigen Fragen nicht im Rahmen einer Nation denken, sondern uns international verständigen. Das ist uns in Den Haag gelungen, während sich die Männer der verschiedenen Nationen in verfeindeten Schützengräben gegenüber lagen und Angst um ihr Leben hatten. Ich bereue nichts.

 

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Info zum Frauenfriedenskongress 1915

Vom 28.-30. April 1915 kommen in Den Haag 1136 Frauen aus 12 europäischen Ländern von Schweden bis Ungarn sowie aus den USA und Kanada zusammen. Die meisten Teilnehmerinnen sind Holländerinnen. 180 Pazifistinnen aus England und Irland wurden die Pässe entzogen und somit die Ausreise verweigert. Auch den Französinnen wird die Ausreise verweigert. Aus Deutschland kommen 28 Frauen vom radikalen Flügel der Frauenbewegung. Der nationalgesinnte Flügel der deutschen Frauenbewegung mit Gertrud Bäumer an der Spitze teilt mit, dass „der Besuch des Kongresses den nationalen Verpflichtungen der deutschen Frauen entschieden widerspreche.“

Aus dem Frauenkongress entwickelt sich der internationale Ausschuss für dauernden Frieden, der 1919 in Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit, die es bis heute gibt. Jane Adams, die Präsidentin des Kongresses, bekommt 1931 den Friedensnobelpreis verliehen. Ein weiterer internationaler Frauenfriedenskongress wird 1919 in Zürich abgehalten. Nach dem Kongress reisen zwei Delegationen durch Europa und führen dabei Gespräche mit Vertretern von 13 Regierungen.

„Frauen Europas, wann erschallt euer Ruf? Wo bleibt Eure Stimme? Seid Ihr nur groß im Dulden und im Leiden? Versucht zum mindestens, dem Rad der Zeit, menschlich mutig und stark würdig eures Geschlechtes in die bluttriefenden Speichen zu greifen!“

Mit diesem flammende Aufruf werden Frauen aller Länder nach Den Haag eingeladen.

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Am Ende des Kongresses beschließen die Frauen eine gemeinsame Erklärung, mit der sie sich an die kriegsbeteiligten Regierungen wenden werden. Daraus ein paar Auszüge:

1. PROTEST: Wir protestieren gegen den Wahnsinn und den Gräuel des Krieges, der nutzlos Menschenopfer fordert und vierhundertjährige Kulturarbeit der Menschen zerstört.

2. LEIDEN DER FRAUEN IM KRIEG: Wir protestieren aufs Entschiedenste gegen das furchtbare Unrecht, dem Frauen in Kriegszeiten ausgesetzt sind und besonders gegen die entsetzlichen Vergewaltigungen von Frauen, welches die Begleiterscheinungen eines jeden Krieges sind.

3. FRIEDENSSCHLUSS: Wir Frauen der verschiedensten Nationen, Klassen, Parteien und Glaubensrichtungen sind uns einig im Ausdruck warmen Mitgefühls mit den Leiden Aller, die unter der Last des Krieges leiden.

11. INTERNATIONALE ORGANISATION: Dieser Internationale Frauenkongress fordert die Organisation einer Vereinigung der Nationen auf der Grundlage aufbauenden Friedens gestaltet werde. An dieser Organisation sollen auch Frauen teilnehmen.

15. DIE FRAUEN IN DER POLITIK: Dieser internationale Frauenkongress fordert, dass die Frauen alle bürgerlichen und politischen Rechte und Verantwortungen unter gleichen Bedingungen tragen sollen wie die Männer.

16. DIE KINDERERZIEHUNG : Dieser internationale Frauenkongress betont die Notwendigkeit, die Erziehung der Kinder so zu leiten, dass ihr Denken und Wünschen auf das Ideal aufbauenden Friedens gerichtet wird.

20. DEPUTATIONEN ZU DEN REGIERUNGEN: Um die Regierungen der Welt zu veranlassen, dem Blutvergießen ein Ende machen und einen gerechten und dauerhaften Frieden zu schließen, entsendet dieser Frauenkongress Deputationen, welche die in den Resolutionen niedergelegte Botschaft den Oberhäuptern der kriegführenden und neutralen Staaten Europas und dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Nordamerikas überbringen sollen.

 

 

 

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