
MAK-Leiter Pfarrer Dr. Martin Bock und Verwaltungsmitarbeiter Matthias Franke interpretierten John Lennons Song „Imagine“.
„Was ist reparierbar und was nicht?“ Diese Frage hat die Eröffnung des 2. Halbjahres der Melanchthon-Akademie (MAK) in der Kölner Südstadt dominiert. Gleichwohl ging es an diesem spätsommerlichen Abend im zentralen Innenhof des Hauses der Evangelischen Kirche auch um Ermutigung, Inspiration und Trost. Wie gewohnt machten MAK-Leiter Dr. Martin Bock, die Studienleitenden sowie weitere MAK-Mitarbeitende mit individuell gestalteten Buchvorstellungen neugierig auf Veranstaltungen der Bildungseinrichtung in den nächsten Monaten. Willkommen geheißen wurden die Besuchenden in der „(UN)REPARIER-BAR“ mit John Lennons Song „Imagine“ in der Interpretation von Sänger Bock und dem Gitarre spielenden MAK-Webmaster Matthias Frank.
„Unsere Welt, unser Kontinent, unsere Stadt, unsere Seelen und Herzen brauchen Reparatur in diesen Zeiten“, verwies Bock auch auf den AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt am Vortag. „Wie damit umgehen, was unreparierbar ist?“ Dem wolle man aus den verschiedenen Perspektiven des MAK-Programms auf den Grund gehen und vor dem Austausch bei Brot und Getränken die Gäste auf heilsame und wirksame Gedanken bringen.
Annika Kruger-Bremicker: „Lieber Max,“
Zunächst tauschte sich Studienleiterin Lena Marie Felde mit Annika Kruger-Bremicker über deren Dachbodenfund, dessen Geschichte und die Folgen aus. Kruger-Bremicker waren die im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges begonnenen Tagebücher ihrer Großmutter Gisela in die Hände gefallen: „Ich konnte nicht aufhören, darin zu lesen“. Aus ihnen stellte die Enkelin schließlich ein Buch zusammen. Am 8. Oktober wird es in der MAK vorgestellt. Eigentlicher Adressat der Tagebücher war Giselas 1944 in sowjetische Kriegsgefangenschaft geratener Mann Max. Bis zu seiner Heimkehr habe seine Frau für ihn sechs Jahre lang Seite um Seite gefüllt, so Kruger-Bremicker. „Meine Oma wollte ihm berichten, wie das Leben im Krieg und danach war, wie es ihr ergangen ist in seiner Abwesenheit.“ Die Autorin empfindet diese stille Arbeit ihrer Oma als einen Brückenschlag zu ihrem Mann, als Versuch, deren Beziehung und Liebe aufrecht zu erhalten. Quasi „diese verlorene Zeit für ihn zu reparieren und wiederzubringen“.
„Politische Theologie der Modernen Welt“

Studienleiterin Lena Marie Felde und Autorin Annika Kruger-Bremicker tauschten sich aus.
Antje Rinecker widmete sich mit „Politische Theologie der Modernen Welt“ dem 2021 vorgelegten, letzten Buch von Jürgen Moltmann. Darin habe er seinen wachsenden Glauben und sein theologisches Denken zusammengebracht. Sie nannte den 2024 hochbetagt Verstorbenen einen der großen Theologen des 20./21. Jahrhunderts. Atheistisch aufgewachsen, habe er in britischer Kriegsgefangenschaft eine Bibel in die Hand bekommen. „Und dann ist das passiert, was ihn sein ganzes Leben beschäftigt hat.“ Besonders berührt haben die Studienleiterin an diesem „sehr gut zu lesenden“ Buch zwei Punkte: „Es hat mir Zusammenhänge erschlossen, von denen ich vorher nichts wusste.“ Zweitens hat es „mich getröstet angesichts der Situation in unserer Welt auch schon vor dem gestrigen Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt“. Rinecker beklagte, dass durch eine zunehmend entfesselte Sprache und einfach Machtinteressen legitimierende entfesselte Theologie, sie nannte beispielhaft Patriarch Kyrill I. in Russland, die Theologie einen unreparierbaren Schaden erfahren könne. „Dann stehe ich da mit meiner Leidenschaft für das Christentum, meiner Spiritualität und der tiefen Überzeugung, dass theologisches Denken so viel zu geben hat und zur Reparierbarkeit der Welt beitragen kann.“ Und das funktioniere in diesem Buch, in dem es darum gehe, was christliche Theologie in der Verantwortung für die Welt zu bieten habe. „Es kommt im Buch zusammen, was uns sonst so leicht auseinanderfällt: nämlich Denken und Glauben.“
„Ist denn schon alles gesagt?“
Bock hatte neben Büchern eine Erfahrung im Gepäck, „die alle etwas mit Kommunikation, Erzählen, Zuhören zu tun haben“. Er blickte kurz zurück auf eine Reise im Juli mit einer fast dreißigköpfigen Gruppe auf den Spuren der Familie Bonhoeffer in Polen sowie Sachsen-Anhalt. Kurz vor der dortigen Landtagswahl habe man in einer Kleinstadt erst nach längerem Suchen kleine Plakate demokratischer Parteien gefunden, aber keines von der AfD. „Was für eine gespenstige Atmosphäre. Der Gedanke kam auf: Ist hier schon alles klar und geredet worden?“
Reden lassen und zuhören
Nach ihrem Wahlkampf 2024 in Thüringen, in dem die Bundestagsabgeordnete Kathrin Göring-Eckhardt (Grüne) auf fast jeder Veranstaltung nicht zu Wort gekommen und aggressiv beschimpft worden sei, habe sie die Tür hinter sich nicht zugeschlagen, sondern ein Buch geschrieben: „Deutschland, lass uns reden, Eine Reise durch die Seele der Republik“. Dafür habe sie sich mit vielen Menschen getroffen, sich Zeit genommen, auf Wut, Verwundungen, Haltlosigkeit, Überforderung, Sorgen und Lasten zu hören, sagte Bock. Und die Politikerin habe das, „was gesagt werden musste“, erst mal wirken lassen. Dabei habe sie gemerkt, dass die Wut der Gesprächspartner deutlich abgenommen habe – und ihre eigene Wut auf die Wütenden immer kleiner geworden sei. In ihrem Buch folge Göring-Eckhardt den Spuren ihrer Gespräche und Erfahrungen, so Bock. Am Ende stehe ein Schwenk zur Zuversicht, dass man durch das Zuhören und Reden lassen schließlich „wieder Grund findet, Grund, Mut in die Demokratie zu haben“.
„Jenseits der Brandmauer. Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz“

Mitglieder des Pädagogischen Teams und Verwaltungsteams der Melanchthon-Akademie sowie Gäste sprachen und musizierten zum Thema „Was ist reparierbar und was nicht?“
„Feine Sahne Fischfilet – was fällt Ihnen dazu ein?“, fragte Dorothee Schaper in die Runde. Einige wussten Bescheid. Die Studienleiterin wollte nicht auf eine Speisevariante hinaus, sondern auf die Polit-Punk-Band aus Jarmen in Mecklenburg-Vorpommern. Noch genauer: auf deren Frontsänger Jan Gorkow. Unter seinem Spitznamen Monchi erschien jüngst das Buch „Jenseits der Brandmauer. Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz“. Sein „Plädoyer gegen Schwarz-Weiß-Denken und für den Versuch eines Miteinanders“ ist Pfarrerin Schaper im Urlaub „über den Weg gelaufen“. Es handele von Monchis Rückumzug nach Jarmen. In seinem Geburtsort, „wo er fast jeden kennt“, erreichte die AfD bei der letzten Bundestagswahl 54 Prozent der Stimmen. Er habe es kaum fassen können, so Schaper. „Und dann schreibt er seine Erfahrung auf aus seinem Dorf.“ Er betone, dass er sich nicht von hier vertreiben lasse, sondern hier leben und bleiben wolle. Schaper berührt sein Buch, „weil er nicht aufhört zu reparieren, nicht aufgibt, und den Menschen, die im Alltag so sein wollen, wie sie sind, Mut macht“. Ermutigt hat es auch die Pfarrerin, die nach der oben genannten Studien- und Gedenkreise selbst durch „Meck-Pomm“ gereist ist und „viele Menschen getroffen hat, die dort leben wollen, so wie sie sind.“
Maximaler Gewinn und die Flucht von der Erde als Ziele der Tech-Elite
„Die Welt reparieren mag das Ziel einer demokratischen Öffentlichkeit sein. Aber nicht alle wollen das“, stellte Matthias Frank fest. „Eine Tech-Elite hat ganz andere Ziele: maximalen Gewinn und letztlich die Flucht von der Erde.“ Genau das arbeite Douglas Rushkoff in seinem Buch „Survival of the Richest. Warum wir vor den Tech-Milliardären noch nicht einmal auf dem Mars sicher sind“ heraus. Der US-amerikanische Professor für Medientheorie und digitale Ökonomie betrachte die Welt des digitalen Kapitalismus aus einer kapitalismuskritischen und humanistischen Perspektive, sagte Frank. Als Insider der Tech-Szene habe der Autor deren Entwicklung in Kalifornien seit den 1980er Jahren begleitet, beschrieben und auch als Theoretiker beeinflusst. „Dabei sieht er heute eine seltsame Mischung aus Angst und Weltherrschaftsphantasien bei deren Protagonisten am Werk.“
Mit ihrer Reise zum Mars wollten sie sich und wenige Auserwählte vor einer zusammenbrechenden Welt in Sicherheit bringen. Das Mindset der Tech-Elite bildet laut Frank den zentralen Begriff in Rushkoffs Ausführungen. Danach speise sich deren Gedankenwelt und Handlungskraft aus digitaler Technologie und Kapitalismus. „Zerstörung von Kulturen und Volkswirtschaften, von Ökosystemen und Nachbarschaften ist nicht Kollateralschaden, sondern durchaus beabsichtigt“, so Frank. „Wer unsere Welt heute verstehen will, kommt um die Tech-Elite, deren Gedankenwelt und Protagonisten nicht herum.“ Rushkoff liefere den Schlüssel zu ihrem Verständnis.
„Vieles, was nicht mehr gerettet, repariert oder aufgehalten werden kann.“
Oft würden Hoffnungen auf ein erfolgreiches Reparieren am Ende nur enttäuscht, gab Dr. Stefan Hößl zu bedenken. Er verstehe das Bedürfnis, etwas heilen, richten zu wollen. Darin aber spiegelten sich mit Blick auf die Welt doch oft Sehnsüchte und Projektionen – viel mehr als reale Möglichkeiten bestünden. Denn auf absehbare Zeit gebe es vieles, was nicht mehr gerettet, repariert oder, wie der Klimawandel, aufgehalten werden könne, meinte der Studienleiter. Der unbedingte Wunsch nach Instandsetzung verstellt laut Hößl den Blick auf ganz andere Notwendigkeiten. Auch angesichts gegenwärtiger Erscheinungsformen des Antisemitismus fragte der auf diesen Bereich spezialisierte Erziehungswissenschaftler, wo wir denn anfangen sollten mit dem Heilen.
So nehme er wahr, dass Menschen in seinem nahen Umfeld „auch fast 82 Jahre nach Auschwitz keinen Begriff von Antisemitismus haben“. Mit „großem Gewinn gelesen“ hat Hößl das von ihm vorgestellte Buch „Antisemitismus definieren. Anleitung zur Abgrenzung“ von Nikolas Lelle und Tom Uhlig. Der Sozialphilosoph und der Sozialpsychologe griffen darin „die Missverständnisse, Leerstellen und Verkürzungen um Antisemitismus“ auf, um den Begriff und „das Phänomen am Ende besser fassen zu können“. Es gehe eben nicht nur um das Reparieren. „Es geht vor allem um eine Schärfung des Blicks, um realen Problemsituationen am Ende besser begegnen zu können als bisher.“ Ganz konkret gehe es um einen realistischeren Kampf gegen Antisemitismus im privaten und öffentlichen Raum.
Nachhaltigkeitsideen voranbringen
Dr. Martin Horstmann empfahl die Publikation „Aufbäumen gegen Dürre und Fluten. Wie uns die Natur helfen kann, den Wassernotstand zu beenden. Alles über regenerative Landwirtschaft, Schwammstädte, Klimalandschaften & Co.“ von Ute Scheub und Stefan Schwarzer. Der Studienleiter zeigte sich „sehr geflasht“ von diesem „sehr konstruktiv-positiv“ verfassten Buch. Es nehme einen mit, mache Lust aufs Tüfteln. Lust darauf, sich mit „low tech“ und „einfachen Lösungen“ auf den Weg zu machen und kleine Nachhaltigkeitsideen voranzubringen – auch innerhalb von MAK-Angeboten. Zu unseren Aufgaben zählte Horstmann „nicht groß im Wege zu stehen, nicht noch mehr kaputt zu machen.“ Zu seinen „kleinen Erkenntnissen“ gehört beispielsweise, dass das in Pflanzen gespeicherte Wasser „Grünes Wasser“ genannt wird. Wer Bäume pflanze, pflanze Wasser. Wer begrüne, wirke positiv auf das Mikroklima und Schließen von Wasserkreisläufen ein. Er plädierte, „Nachhaltigkeit mit der Debatte um Krisenresilienz zu verknüpfen“. Auch bezogen auf den Umgang von Kirche und Diakonie mit den immer spürbarer werdenden klimatischen Veränderungen.
Denk-Erzähl-Essay: „Die Arbeit der Vögel“
Lea Braun beschloss den Reigen der Buchvorstellungen mit „Die Arbeit der Vögel. Seelenstenogramme“ von Marica Bodrožić. „Sie beschäftigt sich mit der Flucht Walter Benjamins im September 1940 über die Pyrenäen“, nach deren Gelingen der Schriftsteller und Philosoph sich das Leben genommen habe. Sie wandere auf dessen Pfad und verwebe ihre Biografie mit der damaligen Zeit „ganz künstlerisch“, fasste die Studienleiterin zusammen. Für Braun ist dieses „so dicht geschriebene“ Werk „nicht wirklich“ ein Roman, sondern „irgendwie ein Denk-Erzähl-Essay“. Darin streife Bodrožić Themen von Trauma, Erinnerung und Zugehörigkeit, Verlust, Philosophie und Psychoanalyse. „Und auch das Thema Flucht ist immer wieder präsent.“
Text und Fotos: Engelbert Broich