Kategorie: Kultur verstehen (Seite 1 von 2)

Schulter an Schulter miteinander: Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaillen-Verleihung im März 

Christian Rutishauser. Copyright: Christof Wolf SJ

Christian Rutishauser. Copyright: Christof Wolf SJ

Eva Reichmann, Kurt Scharf, Hellmut Gollwitzer, Friedrich Dürrenmatt, Manès Sperber, Eugen Kogon, Isaac Singer, Schalom Ben-Chorim, Helene Jacobs, Hildegard Hamm-Brücher und Annemarie Renger, Aktion Sühnezeichen/Kirchliche Friedensdienste, Richard von Weizäcker, Schule ohne Rassismus, Mirjam Pressler, Angela Merkel, Peter Maffay, die Stiftung Neue Synagoge, Nikolaus Schneider …  Der Berliner Theologe (+ 2003) Friedrich-Wilhelm Marquardt war ihr erster Preisträger im Jahr 1968, das jüdisch-muslimische Paar Meron Mendel und Saba-Nur Cheema der vorjährige:

Ein illustres Spektrum von Menschen und Initiativen, die sich auf unterschiedlichste Weise, weit über die Theologie und kirchliche Bindungen hinaus einsetzen, wurden seitdem, nun über den Zeitraum von nahezu 60 Jahren, für die Erneuerung des Verhältnisses von Christ:innen und Jüd:innen vor allem im deutschsprachigen Raum geehrt:

Mit ihrem Frankfurter Jüdischen Lehrhaus der 20er Jahre und der „Verdeutschung“ der Hebräischen Bibel stehen das Lebenswerk von Martin Buber und Franz Rosenzweig für die nach der Shoa so dringlich gewordene und immer wieder neu zu aktualisierende Vergewisserung der gemeinsamen biblischen Grundlage zwischen Juden und Christen. „Im politischen und religiösen Leben (ist) eine Orientierung nötig, die Ernst macht mit der Verwirklichung der Rechte aller Menschen auf Leben und Freiheit ohne Unterschied des Glaubens, der Herkunft oder des Geschlechts.“ (Deutscher Koordinierungsrat). 1952 wurde in Wiesbaden nach US-amerikanischen Vorbild die erste bundesweite „Woche der Brüderlichkeit“ eröffnet. Seitdem findet sie Jahr für Jahr in zahlreichen Städten und Regionen statt. Seit 2023 heißt sie „Woche der christlich-jüdischen Begegnung“ – nun ist, am 7. und 8. März 2026, Köln ihr Austragungsort.

Der Preisträger dieses Jahres ist manchen Kölner:innen schon aus der Auslobung des neuen Kunstwerkes zum christlich-jüdischen Verhältnisses am Dom bekannt: Professor Dr. Christian Rutishauser SJ ist ein führender katholischer Vertreter im christlich-jüdischen Dialog in der Schweiz, in Deutschland im weiteren Europa und weltweit. Er lehrt an der Universität Luzern als Professor für Judaistik.

Am Rahmenprogramm der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille (am Sonntag, 8. März 2026, 11.30 Uhr im Gürzenich, das ZDF überträgt live) sind die Melanchthon-Akademie und die anderen im jüdisch-christlichen Dialog beteiligten Kölner Bildungseinrichtungen mit engagiert, durch ein „jüdisch-christliches Bibelgespräch“ am Samstag, 7. März von 15-16 Uhr im Kölner Rathaus/Hansasaal (Thema: Alte und Neue Prophetie) und durch einen ökumenischen Gottesdienst am Sonntag, 8. März um 9.30 h in der Antoniterkirche. Außerdem planen die Karl- Rahner-Akademie und die Melanchthon-Akademie eine gemeinsame biblisch-theologische Veranstaltung „Schulter an Schulter“ zur Rolle des Judentums in der christlichen Theologie.

hier+weiter: Kirche neu denken in Köln

Was braucht Köln von Kirche – hier und heute? „hier+weiter“ ist der Transformationsprozess im Kirchenkreis Köln-Mitte, in dem Haupt- und Ehrenamtliche neue Formen von evangelischer Kirche entwickeln. Auch die Akademie ist in verschiedenen Projekten und in der Steuerungsgruppe engagiert. Jenseits klassischer Gemeindelogik entstehen Formate, die Menschen in Köln dienen: Orte der Begegnung und Freude, Räume für Zusammenhalt und Engagement, safe(r) Spaces für Marginalisierte und Begleitung in Krisen – kurz: das, was unsere Stadt gerade braucht.

Grundlage von hier+weiter ist die Überzeugung: Wir sind gemeinsam evangelische Kirche in Köln – in Gemeinden und Einrichtungen, überall mit kreativer Arbeit, mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Fachgebieten, mit Klassikern der Gemeindearbeit und neuen Ideen. Diese Stärken wollen wir besser miteinander vernetzen und wirksam machen – für die Stadt und ihre Menschen.  Nicht aus der Not heraus denkend und handelnd, sondern aus der Wertschätzung für die Ressourcen, die in unserer Vielfalt liegen.

Bei hier+weiter werden die Gemeinde vor Ort und die notwendige Weiterentwicklung anderer kirchlicher Orte zusammengedacht und in vielfältigen Projekten gelebt. Ziel ist es, vorhandene Ressourcen zu bündeln, neue Formen des Zusammenwirkens von Haupt- und Ehrenamtlichen einzuüben und dadurch neue Energien freizusetzen.

Warum das wichtig ist

hier+weiter möchte Strukturen verändern, die Menschen außen vor lassen, und Zielgruppen ansprechen, die Kirche selten erreicht. Zugleich verknüpft dieser Transformationsprozess Bewährtes mit Neuem – so bleibt evangelische Kirche in Köln zukunftsfähig, relevant und sichtbar.

Wie das gelingt

Im Zentrum steht die Teamarbeit von Pfarrpersonen, anderen Professionen und Ehrenamtlichen – sie alle bringen ihre Gaben und Leidenschaften ein. Neue Projekte entstehen aus gemeinsamen Visionen, werden professionell begleitet und finanziell unterstützt. Grafikdesignerin Martina Wagner sorgt mit klarer Sprache und Design dafür, dass das auch nach außen sichtbar wird.

Das Ergebnis

Lebendige, bunte Projekte, die zeigen, was Kirche heute sein kann:
Ein Zentrum für Kirchenasyl, ein multireligiöses Gebet, ein queeres Netzwerk, ein Spieletreff, Segen für Schwangere, Feierabendformate für junge Leute, das Kaffeemobil – oder Karneval auf evangelisch. Und noch einiges mehr! Das alles ist getragen von Menschen, die Lust haben, etwas zu bewegen.

Mach mit!

hier+weiter ist jederzeit offen für alle, die mitmachen möchten – Hauptamtliche und Ehrenamtliche. Möglich ist sowohl, sich in einem vorhandenen Projekt zu engagieren, als auch eine ganz neue Projektidee einzubringen. hier+weiter lebt von neuen Impulsen, Engagement und Zusammenarbeit. Idee für ein neues Format? Auf der Homepage gibt es unter „Mitmachen“ eine einfache Anleitung zur Bewerbung.

Denn Kirche ist da, wo Menschen zusammenkommen, sich gegenseitig stärken und etwas Neues wagen. Von wegen Amen – wir sind noch lange nicht fertig.

 www.hierundweiter.de 

 

hier in Köln
hier von, mit und für Kölner:innen – alteingesessene und neuzugezogene
hier an vielen Orten in der City
hier zum Feiern, Reden, Zusammensein, Anpacken, Trauern, Kaffeetrinken, Weiterdenken, Friedensuchen, Spielen, Banden Bilden, sichtbar Sein, Singen, für andere Eintreten, Neues Gestalten

weiter, über das hinaus, was es immer schon gab.
weiter suchen nach dem, was (in) der Stadt noch fehlt.
weiter gehen – diesen einen Schritt, den es braucht, um anzufangen.

Bilder Copyright: Simon Veith

Kollapsbewusstsein: Der Beitrag von Kirche und Theologie zu einer aktuellen Debatte

Von Walter Lechner

Walter Lechner.

Walter Lechner.

Die Mehrheit der Klimawissenschaftler:innen geht davon aus, dass eine Begrenzung auf 1,5 bis 2,0 Grad nicht mehr möglich und damit das Pariser Klimaabkommen praktisch nichtig ist. Zu dieser Klimakatastrophe hinzu kommen weitere beunruhigende Entwicklungen: das größte Artensterben seit 66 Millionen Jahren, eine wachsende Zahl von Kriegen und bewaffneten Konflikten, ein globaler Demokratieverlust sowie Rekordumfragewerte rechtsextremer Parteien.

Engagement für Ökosysteme, Frieden und Demokratie ist also weiter wichtig, vielleicht mehr denn je. Und gleichzeitig drängen sich Fragen auf, die über alle Versuche, das Schlimme abzuwenden, hinausgehen, nämlich: Was, wenn eben nicht alles gut ausgeht? Was tun wir dann? Und: Wer wollen wir in einer solchen Welt sein?

Wahrscheinlich ist aktuell beides nötig: weiter um jedes Zehntelgrad, jede Tierart, jeden Zentimeter demokratischen Grunds kämpfen – und gleichzeitig Kollapsszenarien zulassen und durchspielen, um schon jetzt Politik, Zivilgesellschaft und Kirche darauf vorzubereiten.

Die Zukunft erfordert also eine Art „Beidhändigkeit“ (Ambidextrie), mit der wir in den nächsten Jahrzehnten gleichzeitig in verschiedene Richtungen wirken können: Gefahrenabwehr und Prävention einerseits, Resilienz und Kollapskompetenz andererseits.

Kirche und Diakonie können in diesen Prozessen eine relevante Rolle spielen – zunächst ganz praktisch. Immerhin bieten sie (noch) ein fast flächendeckendes System mit Personalressourcen (Haupt- und Ehrenamtliche), Fachkompetenzen, Gebäuden und Kommunikationsstrukturen. Und bei jeder Flutkatastrophe in den letzten Jahren gehörten kirchliche und diakonische Akteur:innen zu den ersten vor Ort, die Unterstützung, Gespräche, Seelsorge und Hilfsvermittlung zur Verfügung stellten.

Jedoch steckt gerade Kirche gegenwärtig in massiven Rückbauprozessen. Die Strukturdiskussionen kreisen in aller Regel um innerkirchliche Logiken (Was braucht Kirche, um ihre „Kernaufgaben“ zu erfüllen? etc.). Selten wird danach gefragt, welche Rolle kirchliche Strukturen für die gesamte Zivilgesellschaft spielen (können). Aus kollapsbewusster Perspektive könnten die Strukturanpassungsdebatten aber vielleicht noch einmal ganz anders geführt werden. Denn das landes- und bundesweite kirchliche Filialsystem kann eine nicht zu unterschätzende Funktion für eine krisenresiliente Gesellschaft erfüllen.

Auch theologisch stellt uns die Kollapsthematik vor Herausforderungen. Möglicherweise könnte hier ausgerechnet das viel gescholtene „apokalyptische Denken“ Perspektiven bieten. Aus biblisch-theologischer Perspektive möchte ich provokant sagen: Mehr Apokalypse wagen!

Die biblische Apokalyptik ist nämlich keine Weltuntergangs-, sondern eine Hoffnungstradition. Allerdings entsteht apokalyptische Hoffnung in der Bibel nicht aus einem Optimismus oder „positivem Denken“ (nach dem Motto „Es wird schon gut gehen“ oder „Es wird schon nicht so schlimm werden“), sondern aus der unverstellten Wahrnehmung der Realität. Biblische Apokalyptik schaut der Wahrheit ins Auge – inklusive Anerkennung der Existenz menschen- und lebensfeindlicher Mächte und möglicher kommender Zerstörungen und Kollapse der bestehenden Ordnungen (womöglich ein Grund, warum Apokalyptik in der gegenwärtigen Theologie und Glaubenspraxis in der Regel kaum eine Rolle spielt).

Apokalyptische Glaubensvorstellungen und Weltsichten in der Bibel nehmen all das mit allen Konsequenzen ernst – und wissen gleichzeitig von einem Handeln Gottes in all diesen Verwerfungen und Verheerungen. Dieses göttliche Handeln erweist sich dabei letzten Endes als stärker als die Weltreiche mit deren Zerstörungskraft. Es hat gerade die Opfer und Marginalisierten im Blick, befreit sie aus ihrer Machtlosigkeit, empowert sie und lässt sie hoffen – nicht an den Katastrophen vorbei, sondern durch die Katastrophen hindurch.

Überspitzt gesagt sind die in der Apokalyptik angekündigten Katastrophen und Kollapse in erster Linie für die Herrschenden bedrohlich; für die Opfer und Unterdrückten können sie die Wende zur Befreiung sein. Am Ende stehen dann nicht die zerstörerischen Mächte und Weltreiche, sondern die Herrschaft mit menschlichem Antlitz (Daniel 7), die Neuschöpfung und das Reich Gottes, welches mit der Auferstehung von Jesus Christus bereits seinen Anfang genommen hat und sich nicht entrückt im Himmel, sondern sehr irdisch auf der (wenn auch dann ganz neu geschaffenen) Welt ereignet (Offenbarung 21).

Apokalyptischer Glaube sehnt nicht die Katastrophe herbei. Aber er weiß, dass Katastrophen kommen können. Und dass Gott auch darin Gott bleibt. Dass die Auferstehungskraft von Jesus auch da wirkt. Damit ist apokalyptisches Denken im biblischen Sinn möglicherweise geradezu prädestiniert, um Menschen als Interpretations- und Bewältigungshilfe zu dienen.

Walter Lechner wirkte von 2006 bis 2021 als Gemeindepfarrer auf dem Land und in der Großstadt in Sachsen. Seit 2022 ist er Referent für Sozialraumorientierung in Diakonie und Kirche bei der Evangelischen Arbeitsstelle midi.

Veranstaltungshinweis: Über Leben in Kollapsen

Kirche und Diakonie als zivilgesellschaftliche Akteurinnen angesichts von Krieg, Faschismus und Klima-Endgame

Do., 5. Februar 2026, 10:30-16:15 Uhr | 50€ | N131

Die Melanchthon-Akademie richtet zusammen mit der VRK-Akademie, der evangelischen Zukunftswerkstatt midi und dem Netzwerk „Tiefe Anpassung“ und in Kooperation mit der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft FEST einen Fachtag aus zur Rolle von Kirche und Diakonie in multiplen Kollapsen. Im Herbst ist zudem ein zweitägiges Barcamp in Berlin geplant.

Kommunikation gestalten: Stark gegen rechte Parolen

Verschwörungserzählungen, rassistische Sprüche und rechte Hetze begegnen uns längst nicht mehr nur am Rand – sondern mitten im Alltag: in Gesprächen, am Arbeitsplatz oder in Kommentarspalten im Netz. Gerade jetzt ist es entscheidend, sich klar zu positionieren, menschenfeindlicher Rhetorik etwas entgegenzusetzen und demokratische Werte aktiv zu verteidigen. Im Nachhinein weiß ich oft, was ich hätte sagen können. Doch wie kann ich im Alltag auf rechte Sprüche reagieren?

Das Digitale Argumentations- und Handlungstraining gegen Rechts des Netzwerks für Demokratie und Courage (NDC) bietet genau dafür praxisnahe Unterstützung. In interaktiven Online-Sessions lernen Sie, rechte Positionen zu erkennen und ihnen mit Haltung, Argumenten und Handlungssicherheit zu begegnen. Ob im beruflichen Kontext oder privat – das Training stärkt Zivilcourage dort, wo sie gebraucht wird.

20.11.2025 | 25 € | 17:00–21:00 Uhr | Online | 8214BR

Besser sprechen, leichter kommunizieren

Donnerstags I 17:00 ‒ 18:30 Uhr
Speaking fluently, communicating better! (A2–B1)

Dienstags I 17:00 ‒ 18:30 Uhr
Shared Reading

Montags I 17:15-18:45
Modernes Hebräisch
gute Vorkenntnisse

Montags I 19:00‒ 20:30 Uhr
Biblisches Hebräisch
gute Vorkenntnisse

Dienstags I 18:00‒ 19:30 Uhr
Modernes Hebräisch
geringe Vorkenntnisse

Kooperation mit der Deutsch-Französischen Gesellschaft Köln

Ciné-Club du Dimanche.
Französische Filme & Gesprächsrunde
jeden 3. Sonntag, 16 Uhr im Cinénova Köln-Ehrenfeld

29.10.2025 I 18:30 Uhr
C’est ça la France
Arles und das Kulturprojekt LUMA

12.11.2025 I 18:30 Uhr
A la une des médias

19.11.2025 I 17:30 Uhr
Literaturkreis „Die Tanzenden“

04.12.2025 I 18:30 Uhr
Que lire?
Lieblingsbücher auf Französisch

Veranstaltungstipps

24.09.2025, 11:00 ‒ 13:00 Uhr
Nicht ohne meinen Chatbot!
Mensch-Maschine – eine Beziehungserkundung
Lisa Frohn I 12,00 € I Nr. 258211BR

04.11.2025, 18:00 ‒ 12:00 Uhr
Souverän moderieren
Den Dialog gestalten. Entscheidungen ermöglichen
Antje Rinecker und Lea Braun I 20,00 € I Nr. 8213BR

Philosophische Praxis an der Akademie: Markus Melchers bringt uns den “Sinn auf Rädern”

Wer eine Philosophische Praxis gründet, weiß nicht, worauf er (oder sie!) sich einlässt. Dies galt schon 1998, als „Sinn auf Rädern“ startete. Und dies gilt auch heute noch. Wer eine Praxis gründet, muss wissen, mit welchem Angebot und welchen Fähigkeiten er am Markt (– ein Wort, das im Studium so gut wie nie vorkommt –) bestehen kann. Aber wie macht man das, ohne BWL-Studium, ohne Vorbereitung an der Uni? Und existiert für den Fall des Scheiterns ein „Plan B“? Diese Fragen, die auch heute noch von Absolvent:innen immer wieder gestellt werden, hat Markus Melchers sich auch gestellt. Seine Antwort darauf war die Veränderung des Konzepts von Philosophischer Praxis, das 1981 in Bergisch Gladbach vorgestellt wurde und bis heute Nachahmung findet.

Fotorechte: M. Melchers

Philosophische Hausbesuche, die schon in der äußeren Form die Distanz zu jedweder Therapieform ausdrücken, das war ein grundlegender Gedanke. Im Rahmen ambulanter Philosophie zeigt sich bis heute, dass wer zu Gast ist oder als Gastgeber:in den Praktiker, die Praktikerin einlädt, sich auch als Gast verhält und sich als Gastgeber:in eben nicht als Klient:in versteht. Gleichberechtigung und das Ernstnehmen der Position der Gesprächspartner:innen sind bei diesen Zusammentreffen die entscheidenden Kriterien. Abstraktionsakrobatik, Unverständlichkeit und Schulbildung sind fehl am Platz. Denn im Zentrum der Arbeit des Praktikers und der Praktikerin steht dasjenige philosophische Wissen, das für die individuelle Lebensführung bedeutsam ist oder es werden kann. Die daraus folgende argumentierende Beratung beruht auf diesen Voraussetzungen.

Der andere grundlegende Gedanke betraf die Namensgebung der Praxis. Nach einigem Nachdenken stand „Sinn auf Rädern“ fest – es ist einprägsam und verweist auf die Mobilität des Angebots. Damit aber ist noch nicht – und dies ist ein anderer wichtiger Punkt – der Schritt in die Öffentlichkeit getan. Denn was nutzt ein Praxisschild an der Haustür, wenn niemand so recht weiß, was eine Philosophische Praxis ist? Wo ist der Ort, an dem sich das grundlegende Verständnis des Philosophischen Praktikers von ihm selbst regelmäßig mitteilen lässt? Wie lässt sich dieses Verständnis so formulieren, dass es nicht nur die Expert:innen erreicht?

Das Philosophische Café Bonn, das am 17.07.1998 zum ersten Mal durchgeführt wurde und bis heute monatlich stattfindet, war dieser Schritt in die Öffentlichkeit. Hier konnten und können die Teilnehmenden den Praktiker, Markus Melchers, regelmäßig erleben. Dies und die bald einsetzende Berichterstattung, die sich nur wünschen, aber nicht herbeiführen lässt, waren die Elemente, die zu einiger Bekanntheit führten.

Auch Buch- und Essayveröffentlichungen (bis heute mehr als 50 zu verschiedenen philosophischen, soziologischen, künstlerischen Themen) trugen dazu bei, wie auch Einladungen zu Tagungen und Workshops. Katholische und evangelische Träger der Erwachsenenbildung, Firmen, Verbände, Akademien, Universitäten und Privatpersonen engagieren „Sinn auf Rädern“ bis heute, sodass dessen jährliches Output bei bis zu 200 Veranstaltungen liegt. Markus Melchers gründete die Philosophische Bücherschau Bonn und als Mitherausgeber auch das Fachmagazin „Leidfaden. Fachmagazin für Krisen, Leid, Trauer“. Seit 2020 erscheint seine monatliche Kolumne „Sinn und Sein“ im Bonner Stadtmagazin „Schnüss“.

Philosophische Praxis ermöglicht es uns, die Philosophie aus der Theorie und dem akademischen Elfenbeinturm in unsere konkrete Lebenswelt zu integrieren und hier anwendbar zu machen. Sie eröffnet Raum für Reflexion, Selbstverantwortung und Orientierung in einer zunehmend komplexen Welt. Durch ihre Anwendungsbezogenheit hilft sie dabei, existenzielle Fragen, ethische Dilemmata oder persönliche Krisen mit klarem Denken und begrifflicher Schärfe zu beleuchten. Dies stärkt die Urteilskraft, fördert innere Klarheit und hilft, einen bewussteren, sinnstiftenden Lebensstil zu entwickeln.

Dafür steht auch Markus Melchers’ Angebot an der Melanchthon-Akademie: Seit einigen Jahren bietet er bereits und mit einiger Gegenliebe das Philosophische Café an der Akademie an, bei welchem die Gespräche, ohne den Umweg über eine bestimmte Theorie zu nehmen, sich direkt an die Menschen wenden, die auch die eigene Biografie zum Ausgangspunkt des Nachdenkens machen können. So können auch die verschiedenen Philosophien im Hinblick auf ihre Bedeutung für die eigene Lebensführung befragt werden. Eine philosophische Grundbildung ist dafür nicht notwendig, einzig die Freude am Nachdenken und gemeinsamen Sinnieren qualifiziert für die Teilnahme.

Inzwischen gibt es auch weitere Angebote, die sich auf bestimmte Philosoph:innen beziehen und tiefer in die Textarbeit einsteigen. Nach ethischen und sozialphilosophischen Auseinandersetzungen mit Immanuel Kant, Eva Illouz und Hannah Arendt wird in diesem Semester Martin Seel philosophisch bis politisch nach dem menschlichen Wohlergehen befragt.

VERANSTALTUNGSTIPPS

Do., 11.09., 09.10., 13.11., 11.12.2025, 19:00–21:00 Uhr
Das Philosophische Café
Das beliebte Format mit Markus Melchers
Markus Melchers
7,00 € je Termin | Nr. 6240F ff.

Di., 25.11.2025, 19:00–21:00 Uhr
Textseminar: Martin Seel
Wohlergehen – über einen Grundbegriff der praktischen Philosophie
Markus Melchers
10,00 € | Nr. 6244F

MAK lädt in die Abtei Brauweiler: Anpassung – die richtige Strategie gegen die Klimakrise?

Fotos: Stefan Hössl

Fotos: Stefan Hössl

Anpassung – die richtige Strategie gegen die Klimakrise? Der Berliner Soziologe Philipp Staab stellt am Dienstag, 8. April, 20 Uhr bis 21.30 Uhr, im Kaisersaal der Abtei Brauweiler, Ehrenfriedstraße 19, sein viel beachtetes Buch „Anpassung. Leitmotiv der nächsten Gesellschaft“ vor. Für den Autor ist der Begriff der „Anpassung“ das „Leitmotiv der nächsten Gesellschaft“.

Philipp Staab schreibt, dass in der Moderne der Glaube dominierte, die Welt ließe sich gestalten und der Fortschritt sorge quasi automatisch für ein besseres Morgen. Erderwärmung, Wachstumskrise und subjektive Überlastungen haben laut Staab diesen Optimismus erschüttert. Heute gehe es in erster Linie darum, die Katastrophe abzuschwächen. Und selbst wenn dies gelingen sollte, werde man mit dem Wandel umgehen müssen. Fragen der Selbsterhaltung überlagerten dann jene der individuellen und kollektiven Selbstentfaltung. Anpassung werde zum Leitmotiv der Gesellschaft. Auch die Corona-Pandemie habe gezeigt, dass Menschen im Angesicht der Interdependenz und der ökologischen Gefahren nicht länger der grenzenlosen Emanzipation huldigen können. Stattdessen, so Philipp Staab, wird die nächste Gesellschaft vor allem mit der Stabilisierung einer prekär werdenden Ordnung befasst sein.

Philipp Staab, geboren 1983, ist Professor für die Soziologie der Zukunft der Arbeit an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2021 wurde er mit dem Hans-Matthöfer-Preis für Wirtschaftspublizistik ausgezeichnet. Er beschäftigt sich in seinen Forschungen mit dem ökonomischen, sozialen und politischen Wandel spätmoderner Gesellschaften.

Die Lesung ist eine Kooperation des Freundeskreises der Abtei Brauweiler mit der Melanchthon-Akademie.

Der Eintritt kostet 14,40 Euro. Eine Anmeldung ist hier erforderlich.

www.melanchthon-akademie.de

Ans Licht geholt.

Archäologische Ausgrabungen im ehemaligen Kartäuserkloster St. Barbara in Köln.

Gregor Wagner M.A., Abteilungsleiter Bodendenkmalpflege, Römisch-Germanisches Museum der Stadt Köln

Auf dem Baufeld für den am Kartäuserwall in der Kölner Südstadt neu entstehenden Campus Kartause hat die Bodendenkmalpflege der Stadt Köln archäologische Ausgrabungen durchgeführt. In dem Vortrag werden erste Einblicke in die spannenden Ergebnisse dieser Ausgrabungen gegeben, bei denen Gräber aus römischer Zeit, die Klosterbebauung der im Jahr 1334 an diesem Ort begründeten Kartause St. Barbara sowie die Überreste der militärischen Nutzung des Geländes in französischer und preußischer Zeit zu Tage kamen.

Ein reiches Spektrum an Funden aus einem Zeitraum von über 2000 Jahren zeugen von der bewegten Geschichte dieses Ortes. Die Funde, die in Auswahl auch im Original gezeigt werden, vermitteln einzigartige Einblicke in das Totenbrauchtum der römischen Zeit, das Leben und Arbeiten im Kartäuserkloster sowie in die ab 1794 das klösterliche Leben ablösende Nutzung des Klostergeländes durch die französischen Revolutionstruppen und das preußische Militär als Lazarett und Artilleriedepot.

Do., 12.12.2024 | 18 Uhr | Eintritt frei | Haus der Kirche, Clarenbachsaal | Kartäusergasse 9-11 | Köln

Fotonachweis:
Luftbild: Römisch-Germanisches Museum der Stadt Köln / Foto: St. Weiner

Der SINN des Lebens

Der Künstler und Philosoph Martin Dressel hatte sich am 17.September 2023 in Köln-Nippes beim Tag des Guten Lebens mit über 260 Aktionen von und für Bürgerinnen und Bürger auf den Weg gemacht: Im Kontext unseres Seminars „Urbane Interventionen“ hat er – gemäß der Devise „Die Philosophie geht auf die Straße“ – den Passant:innen – im Sinne der urbanen Intervention – folgende Frage gestellt:

Was denken Sie ist der Sinn des Lebens?

Daraus entstanden ist eine spannende Zusammenstellung an Ideen, die wir hier gerne veröffentlichen möchten. Zum Schluss hat sich Martin Dressel auch selber noch ein paar Gedanken zum Thema gemacht…

Von Joachim Ziefle

Zum Wochenende 5. – 7. Mai 2023 war die TKO Roma Art Academy e. V. zu Gast in der Melanchthon-Akademie. Mit Workshops, Vorträgen, einem Konzert und einer Podiumsdiskussion luden die Veranstalter dazu ein, mehr von der Kunst und Kultur der Roma zu erfahren und zu erleben. Junge Menschen aus der Roma-Community haben an den Theaterworkshops teilgenommen, eine interessierte breite Öffentlichkeit folgte den Diskussionen und Vorträgen. Vortragende, Künstler und Workshopleitende stammen aus Mazedonien, Kroatien, Rumänien und Deutschland.

Ziel des Projektwochenendes war und ist es, einen grundlegenden Perspektivenwechsel in der deutschen Gesellschaft einzufordern – wenn es um die Community der Roma geht – und eine verbesserte gesellschaftliche Teilhabe für die größte Minderheit Europas anzumahnen.

Mit folgendem Link können Sie in einer Zusammenfassung der Deutschen Welle Fernsehen die besondere Stimmung des Wochenendes  „die Macht der Roma Künste“ erspüren – auch wenn der Bericht nicht in deutscher Sprache erscheint.

Hier gehts weiter zum Video

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