Am 14. Oktober 2026 wird Margret Müller um 19.00 Uhr im Kollwitz Museum der diesjährige Giesberts-Lewin-Preis der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit verliehen. Mit dem Preis wurden in den letzten Jahren herausragende Persönlichkeiten wie z. B. Gerhart Baum, Beate Klarsfeld, Volker Beck, Dr. Barbara Becker-Jákli und Esther Bejarano mit der Band Microphone Mafia geehrt.
Prof. Dr. Jürgen Wilhelm, Vorsitzender der Gesellschaft, betonte in seiner Rede bei der Preisverleihung an Letztere: „Eine Parallele zwischen den Namensgebern unseres Preises, Johannes Giesberts und Dr. Shaul Lewin, und unseren heutigen Preisträgern ist die kontinuierliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus und der damit verbundene lange Atem, der notwendig ist bei der gesellschaftlichen Vermittlung dieses höchst schwierigen Themas. Sie setzen die Erinnerung an den Nationalsozialismus immer wieder in Bezug zur Gegenwart.“
Genau in diesem Sinne hat sich Margret Müller – und zwar immer zusammen mit ihrem am 16. April 2025 verstorbenen Mann Werner – in besonderer Weise verdient gemacht. Im Jahr 2022 wurden beide deshalb bereits mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Geehrt wurde damit ihr jahrzehntelanges Engagement, den Überlebenden des Holocaust in der Ukraine und in Polen eine Stimme zu geben und ihre Geschichten zu dokumentieren. Sie haben damit in einer Zeit begonnen, in der diese Arbeit alles andere als einfach war – nur wenige in Deutschland hatte sich zuvor mit den Gräueln der Nationalsozialisten und ihrer Helfer in Polen und der Ukraine – geschweige denn mit den Opfern der Barbarei – beschäftigt, der Kalte Krieg erschwerte grenzüberschreitendes Engagement und Kontakte massiv. Im Gespräch mit Studienleiter Dr. Stefan Hößl geht sie auf die zugrundeliegende Motivation und die damit verbundene Selbstverpflichtung mit den schlichten Worten ein: „… das war einfach nötig.“
Das Ehepaar Müller besuchte unzählige Male Polen und die Ukraine, führte Interviews mit Überlebenden der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie, korrespondierte und sammelte Dokumente. Vertrauen entstand. Freundschaften entstanden. Die Bereitschaft und die Selbstverpflichtung, Verantwortung übernehmen zu wollen, blieb beständig.
Über die Jahre erschienen mehrere Publikationen, von denen das 2019 veröffentlichte Buch „Leben und Tod in der Epoche des Holocausts in der Ukraine“, welches das Ehepaar Müller gemeinsam mit dem ukrainischen Historiker Dr. Boris Zabarko herausgab, besonders hervorzuheben ist. In ihm sind unzählige Zeugnisse von KZ- und Ghetto-Überlebenden dokumentiert. Zu diesem über 1.100 Seiten umfassenden Werk bemerkt Prof. Dr. Wolfgang Benz, ehem. Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, ganz offensichtlich beeindruckt: „Das Buch ist in seiner Monumentalität nur mit Claude Lanzmanns Film ‚Shoah‘ zu vergleichen“.[1]
Werner und Margret Müller haben bereits zugehört, als nur wenige zuhören wollten; Frau Müller spricht von „Zuhören als Lebensmotto“.
Die beiden haben dokumentiert, damit das Geschehene niemals in Vergessenheit gerät. Sie haben Menschen, die nicht wahrgenommen und gehört wurden, zugehört und ihre Berichte anderen zugänglich gemacht. Sie haben Vertrauen geschaffen und Brücken gebaut. Und sie haben hat nicht mehr aufgehört damit – jahrzehntelang und immer zusammen.
Ein solches Engagement, ein solches Lebenswerk ist wahrlich außergewöhnlich.
Die Melanchthon-Akademie gratuliert von Herzen!
Bilder: © Metropol-Verlag, zwei Fotos: © privat
[1] Vgl. https://www.sueddeutsche.de/politik/holocaust-ukraine-1.4887923.