Monat: Mai 2026

„Wo ist unsere Geschichte?“ – Köln erinnert an den Völkermord an Roma und Sinti

Der Völkermord an 6 Millionen Menschen jüdischen Glaubens hat als Holocaust ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Doch der Samudaripen, die gleichzeitige Ermordung von 500.000 Roma und Sinti, ist nahezu eine Leerstelle in der gesellschaftlichen Erinnerung. Am 21. Mai 1940 wurden auch vom Bahnhof Deutz 1.000 Zugehörige dieser Volksgruppen in die KZs in Polen deportiert und ermordet. Das Konzentrationslager Jasenovac in Kroatien, während des Zweiten Weltkrieges eines der größten Vernichtungslager in Europa, ist nicht ansatzweise so bekannt wie Auschwitz. Dort wurden Roma und Sinti – auch ohne deutsche Beteiligung – planmäßig umgebracht. Eine Gedenkveranstaltung der Melanchthon-Akademie und ihrer Kooperationspartner im VHS-Forum an der Cäcilienstraße hat nun an den Völkermord erinnert und die mühsame Aufarbeitung thematisiert.

Gedenken, Erinnern, Mahnen

Homaira Mansury, Fachbereichsleiterin für Politische Bildung der VHS Köln, und Ruždija Sejdovic, Vorstandsmitglied des Vereins Rom begrüßen die Veranstaltungsgäste.

Homaira Mansury, Fachbereichsleiterin für Politische Bildung der VHS Köln, und Ruždija Sejdovic, Vorstandsmitglied des Vereins Rom, begrüßten die Veranstaltungsgäste: „Wir als Bildungsträger haben die Aufgabe, historische Verantwortung zu übernehmen“, sagte Mansury. Und so sprachen bei der Veranstaltung verschiedene Experten zum Thema, moderiert von Radoslav Ganev, Rom aus Bulgarien und Gründer des Vereins Romanity in München. „Ich hoffe, dass uns ein Dreiklang gelingt“, sagte er, „zu gedenken, zu erinnern und zu mahnen.“ Den Auftakt dazu machte Magdalena Lovric von der Stiftung Verantwortung und Zukunft mit einem Impulsvortrag über die NS-Verfolgung in Kroatien: Bisher seien rund 16.200 Opfer namentlich identifiziert, schilderte sie, davon 5.600 Kinder, 4.900 Frauen und 5.700 Männer. Sie seien auf der „Mauer des Schmerzes“ in der Gedenkstätte in Uštica, nahe des ehemaligen KZ Jasenovac, verzeichnet. Insgesamt seien dort über 83.000 Menschen ermordet worden. Die Ermordung sei von der Ustascha des unabhängigen Staates Kroatien betrieben worden, der von 1941 bis 1945 enger Verbündeter des deutschen NS-Regimes gewesen sei.

Nur wenige Überlebende hätten von der Verfolgung und den nationalsozialistischen Verbrechen berichten können. Lovric verlas die Aussage eines Zeugen, Stefano Nicolic, beim Strafverfahren gegen den als „kroatischen Himmler“ bezeichneten Andrija Artuković: Er sei mit seiner 20-jährigen Frau, die im neunten Monat schwanger war, und seiner dreijährigen Tochter Danica von der Polizei in das KZ Jasenovac verschleppt worden, erzählt der Mann darin. Er überlebte als Einziger, weil ihm nach 14 Tagen mit anderen die Flucht gelang. Bis dahin hatte er Massengräber von Männern, Frauen und Kindern ausheben und zuschütten müssen. Ihre Körper hätten Spuren unmenschlicher Brutalität gezeigt, schilderte er vor Gericht.

Eine Erinnerungskultur, die lange auf sich warten ließ

Die Gedenkstätte in Uštica in Kroatien erinnert an die ermordeten Roma und Sinti.

Doch auch nach Kriegsende sei es schwierig gewesen, das Geschehene angemessen aufzuarbeiten, erläuterte Lovric. Die Erinnerungskultur im sozialistischen Jugoslawien habe primär dazu gedient, die traumatische Beteiligung an den Kriegsverbrechen unter einer eigenen Identität zu verhüllen – mit dem Konzept der Brüderlichkeit und Einigkeit. „Um die Spannung zwischen den Gruppen, Serben, Kroaten, Bosnier und anderen zu verhindern, wurde der ethnische Hintergrund der Opfer nicht genannt, sondern waren alle Opfer des faschistischen Terrors“, so Lovric. Im Jugoslawienkrieg sei dann die NS-Geschichte für eigene politische Machtinteressen instrumentalisiert worden. Der Weg zu einer würdigen Erinnerungskultur habe erst 2012 begonnen. 2020 sei schließlich das Roma-Gedenkzentrum in Uštica feierlich eröffnet worden. Historiker und Historikerinnen sowie Roma-Verbände würden jedoch auf eine schmerzhafte Lücke hinweisen: Eine Reparationszahlung für die wenigen überlebenden Opfer oder deren Nachkommen habe es vom kroatischen Staat bis heute nicht gegeben. Der Kampf um Anerkennung habe seine Ziele noch nicht erreicht.

„Wo ist denn unsere politische Teilhabe?“

Das bestätigte die anschließende Gesprächsrunde: Der in Mazedonien geborene Sami Dzemailovski vom Verein Carmen versah den an der Gedenkstätte prangenden Satz „Ihr seid nicht vergessen“ mit einem Fragezeichen: Er selbst habe in der Schule in Jugoslawien nicht gelernt, dass Roma Teil des Massenmords waren, schilderte er. „Und hier in der deutschen Schule haben wir nur über Anne Frank gesprochen. Wo ist denn unsere politische Teilhabe?“, fragte er. „Wie viele Roma sitzen in den National-, in den Regionalparlamenten und im EU-Parlament?“ Der 2000 aus dem Kosovo geflohene Filmemacher Kenan Emini thematisierte eine andere Ungleichbehandlung: Vor Krieg flüchtende Roma hätten in Deutschland kein Asyl als solche bekommen, sondern als Albaner oder unter einer anderen Identität, die sie anbieten konnten. Sie seien dann geduldet worden und hätten in ständiger Angst gelebt, abgeschoben zu werden. Im Ukraine-Krieg hätten aber jüdische Flüchtlinge aufgrund der Geschichte eine Sonderstellung erhalten, die ukrainischen eine Aufenthaltserlaubnis. „Wenn unsere Geschichte richtig aufgearbeitet und unsere Würde anerkannt würde“, so Emini, „dann würden wir im Kriegsfall auch einen Schutzstatus genießen.“

Crack, Angst und Hoffnung: Melanchthon-Akademie und Karl-Rahner-Akademie diskutieren Kölns neues Suchthilfezentrum

Die Drogenszene am Neumarkt ist omnipräsent. Sie ist stark gewachsen, unter anderem weil der Konsum von Crack drastisch gestiegen ist. Die Droge macht sehr schnell sehr stark abhängig. Konsumierende vernachlässigen daher oft die eigenen Grundbedürfnisse, verelenden und verwahrlosen schnell. Der Drogenkonsumraum vor Ort stößt an seine Kapazitätsgrenzen. Der Stadtrat hat daher gerade beschlossen, dass ein neues großes Suchthilfezentrum am Perlengraben entstehen soll. Das weckt Ängste bei der Anwohnerschaft. Die Melanchthon- und die Karl-Rahner-Akademie hatten sie daher zu einer Diskussion in die Kartäuserkirche geladen. Moderatorin Sandra Dybowski, selbst Anwohnerin und Mitglied der Initiative „Südi bleibt solidarisch“, fasste das geplante Angebot in dem neuen Drogenzentrum noch einmal zusammen: Es soll einen Konsumraum geben, einen Kontaktladen, einen Ruheraum, ein niedrigschwelliges Beschäftigungsangebot, Essens- und Getränkeausgaben, Raum für Hygiene, medizinische Behandlung und Notschlafstellen. Das Zentrum soll 24 Stunden, sieben Tage lang offen sein.

Bis zu 400 Besuche täglich – und kein Platz zum Ausruhen

Sven Lehmann berichtete, warum ein größeres Suchthilfezentrum gebraucht wird.

Mehrere Experten waren gekommen, um die Anwohner und Anwohnerinnen aufzuklären, was das große Suchthilfezentrum vor Ort für sie bedeutet: Sozialarbeiter Stefan Lehmann, der den Konsumraum am Neumarkt leitet, erläuterte zunächst die räumliche Veränderung: Aktuell habe man 125 Quadratmeter im Gesundheitsamt zur Verfügung, mit einem kleinen Kontaktladen, zwei kleinen Konsumräumen, außerdem sanitären Anlagen und einem Raum für medizinische Behandlungen. „Wir haben am Tag zwischen 80 und 130 verschiedene Nutzer und Nutzerinnen“, schilderte Lehmann, „die bis zu 300 Mal konsumieren und bis zu 400 Mal die Einrichtung aufsuchen, weil sie auf die Toilette gehen wollen, etwas essen und trinken wollen oder weil sie auch soziale Beratung und Vermittlung in Anspruch nehmen.“ Man habe keinen Ruheraum. Die Klienten und Klientinnen müssten sich auf Bänke und Tische legen, was allemal besser sei als ein Platz auf der Straße. Bei dem Hilfezentrum handele es sich auch um einen Schutzraum für die Menschen. „Der Großteil unserer Nutzer ist obdachlos beziehungsweise wohnungslos“, betonte Lehmann. Er würde mit dem neuen Suchthilfezentrum gerne in erster Linie die offene Drogenszene auflösen, vor allem aber auch dafür sorgen, dass die Menschen überleben und dass ihr Zustand nicht schlimmer wird.

Krefeld als Vorbild – und die Erfahrungen anderer Städte

Sebastian Dückers schilderte seine Erfahrungen aus Krefeld.

Sebastian Dückers, Sachbereichsleiter der Caritas Krefeld in der Beratungsstelle für Alkohol- und Drogenfragen, konnte von einem solchen Erfolg in seiner Heimatstadt berichten. Nach dem Einrichten eines Suchthilfezentrums vor Ort habe sich die offene Drogenszene tatsächlich aufgelöst. „Wir sind natürlich eine viel kleinere Stadt“, gab er zu bedenken. Angelika Schels-Bernards, Vorsitzende des Arbeitsausschusses Drogen und Sucht der freien Wohlfahrtspflege in NRW, fügte an, dass man auch in anderen Städten im Land positive Erfahrungen mit Konsumzentren gemacht habe, etwa in Düsseldorf. Dort befinde es sich etwa 200 Meter weit entfernt von einer Schule und einem Seniorenwohnheim. „Da hat es zunächst viel Stress gegeben“, erzählte sie. „Bürgerinitiativen haben sich gegründet, und jetzt, nachdem es eine Weile in Betrieb ist, sieht man, dass sich viele Sorgen auch aufgelöst haben.“

„Ein freundliches Gesicht hilft meist“ – Tipps für den Alltag

Das Team auf dem Podium bestehend aus Stefan Lehmann, Sebastian Dückers, Moderatorin Sandra Dybowski, Angelika Schels-Bernards und Torsten Zelgert (v.l.).

Die Anwohner und Anwohnerinnen hatten zahlreiche kritische Fragen, etwa, ob im Umfeld des Konsumzentrums nicht auch gedealt würde oder ob der Perlengraben zu weit weg vom Neumarkt sei und von schwer Crackabhängigen demnach gar nicht aufgesucht würde. Sie würden dann ausschließlich in der Öffentlichkeit konsumieren und auch sterben. Auch wie man mit den Drogenkonsumierenden umgehen solle, wollten manche wissen. Die Experten betonten zunächst, das Geschehen werde vom Ordnungsdienst und der Polizei überwacht, mit denen man eng kooperiere. Sie würden notfalls eingreifen, wenn sie Drogendeals beobachten. Stefan Lehmann hatte ein einfaches Rezept für den Umgang: „Meist hilft einfach ein freundliches Gesicht, ein Lächeln, eine wertschätzende Ansprache, aber auch eine Klarheit“, sagte er. Wenn man aggressiv angeschaut würde, solle man Abstand halten und nicht auf die Aggression eingehen, versuchen, freundlich zu sein und dann einfach gehen. Torsten Zelgert vom JES-Netzwerk von Drogen gebrauchenden Menschen, Ehemaligen und Substituierten konnte seine eigenen Erfahrungen beisteuern: „Wir wollen den anderen Menschen nichts. Wir wollen eigentlich unsere Ruhe haben.“ Niemand würde freiwillig so leben wie die Drogensüchtigen. Daher sei er sich auch ganz sicher, dass das neue Suchthilfezentrum am Perlengraben von der Drogenszene angenonmen wird: „Wenn ein solches Angebot besteht, wird es auch genutzt“, sagte Torsten Zelgert.

Christliche Wohngemeinschaft im „Campus Kartause“: Warum Helga Winkels Teil des Wohnprojekts werden möchte

Auf dem Gelände des Campus Kartause, des ehemaligen Kartäuserklosters, ist eine christliche Wohngemeinschaft geplant. Bald können die ersten Mietverträge unterschrieben werden. Helga Winkels möchte dort einziehen. Sie spricht im Interview darüber, warum sie sich bewusst für ein Leben in Gemeinschaft entschieden hat, welche Hoffnungen und Erwartungen sie mit der christlichen Wohngemeinschaft verbindet, welche Herausforderungen sie sieht – und was ihr persönlich für ein gelingendes, spirituell geprägtes Miteinander wichtig ist.

Warum haben Sie den Wunsch, Teil der neuen christlichen Wohngemeinschaft zu werden?

Helga Winkels: Ich setze mich seit längerem mit dem Gedanken auseinander „Wie möchte ich im Alter leben/wohnen“. Da ich nicht allein, sondern in Gemeinschaft leben und wohnen möchte, bietet es sich natürlich an, eine Wohngemeinschaft mit Gleichgesinnten zu suchen. Das Besondere und was mich am Campus Kartause so fasziniert, begeistert und berührt, ist, dass es sich um eine christliche Wohngemeinschaft handelt: man teilt nicht nur Gemeinschaft, Wohnen, Alltag und Güter miteinander, sondern vor allem auch Spiritualität und moralische Werte.

Gemeinschaftliches Leben bringt Nähe und Tiefe – aber auch Herausforderungen. Was erhoffen Sie sich persönlich vom Leben in der christlichen Wohngemeinschaft?

Helga Winkels: Was ich mir erhoffe, ist auf jeden Fall Gemeinschaft. Man hört viel von Alterseinsamkeit. Dem möchte ich beizeiten vorbeugen. Ist es nicht toll, wenn man sich spontan mit anderen verabreden kann, ohne dass man einen Termin vereinbaren muss, wie das heute oft so üblich ist? Und ist es nicht ferner toll, sich im Rahmen einer Gemeinschaft  gegenseitig zu helfen und zu unterstützen?

Außerdem freue ich mich darauf, dass wir gemeinsam an einem Projekt arbeiten wollen und auf die Spiritualität, die wir gemeinsam leben wollen.

Helga Winkels: Als eine Herausforderung sehe ich auf jeden Fall das Thema: Nähe und Distanz. In den Gesprächen, die wir miteinander als Interessent*innen geführt haben, war das ein großes Thema. Ich glaube, gerade im fortgeschrittenen Alter ist das nochmal ganz besonders wichtig: die Nähe zu anderen, die man sich in einer Wohngemeinschaft wünscht und eine gesunde Distanz.

Was möchten Sie selbst in diese Gemeinschaft einbringen?

Helga Winkels: Natürlich möchte und werde ich MICH in die Gemeinschaft einbringen, mit meinen Fertigkeiten und Fähigkeiten, mit meinen Stärken und Schwächen, mit meinen Ecken und Kanten ;-).

Wenn Sie an die Zukunft des Projekts denken: Welche Art von Miteinander, Spiritualität oder Alltag wünschen Sie sich für die Menschen, die dort zusammenleben werden?

Helga Winkels: Ich wünsche mir ein Miteinander, das sich durch einen respektvollen und wertschätzenden Umgang auszeichnet, dabei ist es ganz besonders wichtig, den Facetten der anderen mit Offenheit zu begegnen und sie zu respektieren.

Es braucht aber auch den Raum, sich miteinander auseinanderzusetzen, denn nur so können wir als Einzelne und als Gemeinschaft wachsen.

Helga Winkels: Ich wünsche mir Verbundenheit und dass wir Glauben miteinander teilen und praktizieren, z. B. in Form von Andachten, dass wir gemeinsam beten, gemeinsam singen. Gerade auch als Chorsängerin spüre ich immer wieder, wie die Musik und die Worte mich berühren und Kraftquelle sind. Ich möchte, dass unsere gelebte Spiritualität Kraftquelle für unseren Alltag ist. Gerade gestern habe ich in einem Gottesdienst den so schönen Satz mitgenommen: „Ich bin dankbar, unter Deinem Dach in einer Gemeinschaft leben zu können.“ Hier war die Gemeinschaft der Gläubigen gemeint, für mich ist es im Besonderen: die christliche Wohngemeinschaft. Ganz besonders wichtig ist mir auch, dass sich die dort lebenden Menschen wohlfühlen und die Wohngemeinschaft ihr Schutzraum und ihr Zuhause (geworden) ist.

Arm, weil Frau – warum Armut in Deutschland ein Geschlecht hat und was sich ändern muss

Prof. Dr. Susanne Völker, Soziologin und Genderforscherin an der Universität Köln, beim Vortrag zum AKF-Frühjahrstreffen 2026 – sie legte die strukturellen Ursachen weiblicher Armut offen.

Es war ein voller Saal. Mehr als 40 Frauen kamen am Dienstag, 21. April 2026, zum AKF-Frühjahrstreffen ins Haus der Evangelischen Kirche in Köln. Das Thema des Abends: Frauen und Armut. Warum sind Frauen häufiger von Armut betroffen als Männer? Und warum wird der Unterschied mit zunehmendem Alter größer?

Antworten lieferten die Soziologin und Genderforscherin Prof. Dr. Susanne Völker von der Universität Köln und Karolin Kalmbach vom Institut für Gender Studies – GeStik – ebenfalls an der Uni Köln. Ihr gemeinsamer Vortrag bildete den Auftakt des Abends. Anschließend kamen drei Kölnerinnen zu Wort, die täglich mit dem Thema arbeiten: Karin Hofmann von „Frauen gegen Erwerbslosigkeit e.V.“, Eva Pohl vom DGB-Stadtfrauenausschuss und Waltraud Brandt vom Kreisfrauenausschuss des SoVD. Die Moderation lag bei Barbara von der Mark. Dr. Marita Alami hat die Notizen des Abends zusammengefasst.

Wenn Fähigkeiten weniger wert sind – weil sie von Frauen kommen

Deutschland als Wohlfahrtsstaat ist im internationalen Vergleich konservativ. Er ist geprägt von einem traditionellen Familienbild der Hausfrauenehe und der Vorstellung, dass gesellschaftliche Integration ausschließlich über Erwerbsarbeit erfolgt. Der arbeitsmarktpolitische Ansatz vom „Fördern und Fordern“ ignoriert die Care-Arbeit, die mehrheitlich von Frauen geleistet wird – und führt so zu dem, was Völker „vergeschlechtlichte Armut“ nennt. Hinzu kommt: Menschen mit Sorgeverpflichtungen zeigen eine geringere politische Teilhabe und einen höheren „Abrieb von Leben“ – gemeint ist der Verschleiß von Lebensenergie und Gesundheit. Ein Begriff, der trifft, was viele Frauen täglich spüren.

Karolin Kalmbach vom Institut für Gender Studies – GeStik – an der Uni Köln beim gemeinsamen Vortrag: Wie Geschlecht und Armut zusammenhängen.

Völker und Kalmbach führten in die strukturellen Ursachen ein. Ein zentraler Begriff dabei: „versämtlicht“ – geprägt von der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm (1831–1919). Gemeint ist die Tendenz, Frauen als homogene Gruppe zu behandeln und ihnen pauschal Fähigkeiten zuzuschreiben, die gesellschaftlich geringer bewertet werden als kulturell erworbene oder zertifizierte Fähigkeiten. Häufig werden werden diese Fähigkeiten als „naturgegeben“ angesehen. Das zeigt sich bis heute: Unbezahlte Care-Arbeit wird kaum anerkannt. Berufe, die mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden, sind schlechter bezahlt als solche, die mehrheitlich von Männern ausgeübt werden. Gender-Pay-Gap und Gender-Pension-Gap sind die Stichworte – sie werfen Schlaglichter auf ein Gesamtbild, das von Privilegien und Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts zeugt.

Die Zahlen sind erschreckend. Die Einkommensunterschiede in Deutschland sind so hoch wie nie seit 1984, als das DIW Berlin begann, jährlich sozioökonomische Daten zu erheben. 2022 lebten 17,7 % der Bevölkerung in relativer Armut, 11,08 % in strenger Armut. Frauen sind in beiden Gruppen überrepräsentiert. Demgegenüber erreicht der Bevölkerungsanteil der Reichen mit 8,3 % einen neuen Höchstwert – 2 % sind superreich. Die Schere öffnet sich weiter, und die aktuell geplanten gesetzlichen Änderungen werden daran nichts verbessern. Im Gegenteil.

Mehr als 40 Frauen kamen ins Haus der Evangelischen Kirche in Köln – ein Zeichen, wie drängend das Thema Frauen und Armut ist.

Keine Frau ist wie die andere – und kein Problem ist einfach

Karin Hofmann machte deutlich: Es gibt nicht „die Frau“, nicht „die Migrantin“, nicht „die Alleinerziehende“. Die Beratungssituationen bei „Frauen gegen Erwerbslosigkeit“ sind in den vergangenen Jahren weitaus komplexer geworden. Frauen kommen nicht mehr mit einer einzelnen Frage – sie kommen mit vielfältigen, miteinander verknüpften Problemen. Sprache, digitale Kenntnisse, Wohnsituation, Gesundheit, Schulden, fehlende Kinderbetreuung, Gewalterfahrung – all das kann daran hindern, erwerbstätig zu sein. Und: Der Arbeitsmarkt ist gegenüber Migrantinnen oft geschlossen – unabhängig davon, ob sie in einer schwierigen Situation sind oder nicht. Oft werden sie mit den abstrusesten Vorbehalten konfrontiert.

Mini-Jobs, Ehegattensplitting, Teilzeitfalle – wer zahlt den Preis?

Eva Pohl (DGB-Stadtfrauenausschuss) und Waltraud Brandt (Kreisfrauenausschuss des SoVD) beim Kurzinterview – zwei Expertinnen, die täglich erleben, was Armut für Frauen und Kinder in Köln bedeutet.

Eva Pohl beleuchtete die gewerkschaftliche Perspektive. Mini-Jobs – zu 60 % von Frauen ausgeübt – führen meist zu keinen Renteneinzahlungen. Das Ehegattensplitting macht Teilzeitarbeit für verheiratete Frauen scheinbar attraktiv, schadet aber langfristig der Rente. Besser wäre ein Familiensplitting, bei dem Steuererleichterungen nicht an die Heirat, sondern an die Zahl unterhaltsberechtigter Kinder gekoppelt sind. Ideal wäre zudem eine paritätische Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit. Einen ersten Schritt bietet das ElterngeldPlus: Bis zu 36 Monate werden bezuschusst, in denen beide Elternteile bis zu 32 Stunden pro Woche erwerbstätig sind. Noch besser wäre die „Dynamische Familienarbeitszeit“, bei der das Familieneinkommen bis zum Schuleintritt der Kinder bezuschusst wird – um den Gender-Care-Gap und den Gender-Pay-Gap gezielt zu verringern.

Waltraud Brandt schließlich nahm auch die Kinder in den Blick. Kürzungen bei Transferleistungen treffen immer auch sie. Und Kinder selbst sind in Deutschland ein Armutsrisiko für Frauen – in der Erwerbsphase durch Teilzeit, im Alter durch fehlende Rentenpunkte. Der Anteil der Frauen an den versicherungspflichtig Beschäftigten erreicht die 47 % nicht – und 50 % arbeiten in Teilzeit. Das Durchschnittseinkommen aller Rentenversicherten hat damit wenig mit den tatsächlichen Einkommen der Frauen zu tun. Das Wort von der „Teilzeitfalle“ bekommt vor diesem Hintergrund eine ganz andere, sehr ernste Bedeutung.

Nach den Vorträgen blieb Zeit für Gespräche und Netzwerken – wie bei jedem AKF-Frühjahrstreffen. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Melanchthon-Akademie Köln statt.

Armut und Frauen in Köln

Weitere Infos zur Veranstaltung in Kooperation mit der Melanchthon-Akademie Köln unter:

http://www.melanchthon-akademie.de.

https://april.akf.koeln

Frauen und Armut in Köln – Vortrag und Austausch_21.04.2026

 

Text: APK / Marita Alami

Foto: APK / Marita Alami

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