Von Walter Lechner

Walter Lechner.

Walter Lechner.

Die Mehrheit der Klimawissenschaftler:innen geht davon aus, dass eine Begrenzung auf 1,5 bis 2,0 Grad nicht mehr möglich und damit das Pariser Klimaabkommen praktisch nichtig ist. Zu dieser Klimakatastrophe hinzu kommen weitere beunruhigende Entwicklungen: das größte Artensterben seit 66 Millionen Jahren, eine wachsende Zahl von Kriegen und bewaffneten Konflikten, ein globaler Demokratieverlust sowie Rekordumfragewerte rechtsextremer Parteien.

Engagement für Ökosysteme, Frieden und Demokratie ist also weiter wichtig, vielleicht mehr denn je. Und gleichzeitig drängen sich Fragen auf, die über alle Versuche, das Schlimme abzuwenden, hinausgehen, nämlich: Was, wenn eben nicht alles gut ausgeht? Was tun wir dann? Und: Wer wollen wir in einer solchen Welt sein?

Wahrscheinlich ist aktuell beides nötig: weiter um jedes Zehntelgrad, jede Tierart, jeden Zentimeter demokratischen Grunds kämpfen – und gleichzeitig Kollapsszenarien zulassen und durchspielen, um schon jetzt Politik, Zivilgesellschaft und Kirche darauf vorzubereiten.

Die Zukunft erfordert also eine Art „Beidhändigkeit“ (Ambidextrie), mit der wir in den nächsten Jahrzehnten gleichzeitig in verschiedene Richtungen wirken können: Gefahrenabwehr und Prävention einerseits, Resilienz und Kollapskompetenz andererseits.

Kirche und Diakonie können in diesen Prozessen eine relevante Rolle spielen – zunächst ganz praktisch. Immerhin bieten sie (noch) ein fast flächendeckendes System mit Personalressourcen (Haupt- und Ehrenamtliche), Fachkompetenzen, Gebäuden und Kommunikationsstrukturen. Und bei jeder Flutkatastrophe in den letzten Jahren gehörten kirchliche und diakonische Akteur:innen zu den ersten vor Ort, die Unterstützung, Gespräche, Seelsorge und Hilfsvermittlung zur Verfügung stellten.

Jedoch steckt gerade Kirche gegenwärtig in massiven Rückbauprozessen. Die Strukturdiskussionen kreisen in aller Regel um innerkirchliche Logiken (Was braucht Kirche, um ihre „Kernaufgaben“ zu erfüllen? etc.). Selten wird danach gefragt, welche Rolle kirchliche Strukturen für die gesamte Zivilgesellschaft spielen (können). Aus kollapsbewusster Perspektive könnten die Strukturanpassungsdebatten aber vielleicht noch einmal ganz anders geführt werden. Denn das landes- und bundesweite kirchliche Filialsystem kann eine nicht zu unterschätzende Funktion für eine krisenresiliente Gesellschaft erfüllen.

Auch theologisch stellt uns die Kollapsthematik vor Herausforderungen. Möglicherweise könnte hier ausgerechnet das viel gescholtene „apokalyptische Denken“ Perspektiven bieten. Aus biblisch-theologischer Perspektive möchte ich provokant sagen: Mehr Apokalypse wagen!

Die biblische Apokalyptik ist nämlich keine Weltuntergangs-, sondern eine Hoffnungstradition. Allerdings entsteht apokalyptische Hoffnung in der Bibel nicht aus einem Optimismus oder „positivem Denken“ (nach dem Motto „Es wird schon gut gehen“ oder „Es wird schon nicht so schlimm werden“), sondern aus der unverstellten Wahrnehmung der Realität. Biblische Apokalyptik schaut der Wahrheit ins Auge – inklusive Anerkennung der Existenz menschen- und lebensfeindlicher Mächte und möglicher kommender Zerstörungen und Kollapse der bestehenden Ordnungen (womöglich ein Grund, warum Apokalyptik in der gegenwärtigen Theologie und Glaubenspraxis in der Regel kaum eine Rolle spielt).

Apokalyptische Glaubensvorstellungen und Weltsichten in der Bibel nehmen all das mit allen Konsequenzen ernst – und wissen gleichzeitig von einem Handeln Gottes in all diesen Verwerfungen und Verheerungen. Dieses göttliche Handeln erweist sich dabei letzten Endes als stärker als die Weltreiche mit deren Zerstörungskraft. Es hat gerade die Opfer und Marginalisierten im Blick, befreit sie aus ihrer Machtlosigkeit, empowert sie und lässt sie hoffen – nicht an den Katastrophen vorbei, sondern durch die Katastrophen hindurch.

Überspitzt gesagt sind die in der Apokalyptik angekündigten Katastrophen und Kollapse in erster Linie für die Herrschenden bedrohlich; für die Opfer und Unterdrückten können sie die Wende zur Befreiung sein. Am Ende stehen dann nicht die zerstörerischen Mächte und Weltreiche, sondern die Herrschaft mit menschlichem Antlitz (Daniel 7), die Neuschöpfung und das Reich Gottes, welches mit der Auferstehung von Jesus Christus bereits seinen Anfang genommen hat und sich nicht entrückt im Himmel, sondern sehr irdisch auf der (wenn auch dann ganz neu geschaffenen) Welt ereignet (Offenbarung 21).

Apokalyptischer Glaube sehnt nicht die Katastrophe herbei. Aber er weiß, dass Katastrophen kommen können. Und dass Gott auch darin Gott bleibt. Dass die Auferstehungskraft von Jesus auch da wirkt. Damit ist apokalyptisches Denken im biblischen Sinn möglicherweise geradezu prädestiniert, um Menschen als Interpretations- und Bewältigungshilfe zu dienen.

Walter Lechner wirkte von 2006 bis 2021 als Gemeindepfarrer auf dem Land und in der Großstadt in Sachsen. Seit 2022 ist er Referent für Sozialraumorientierung in Diakonie und Kirche bei der Evangelischen Arbeitsstelle midi.

Veranstaltungshinweis: Über Leben in Kollapsen

Kirche und Diakonie als zivilgesellschaftliche Akteurinnen angesichts von Krieg, Faschismus und Klima-Endgame

Do., 5. Februar 2026, 10:30-16:15 Uhr | 50€ | N131

Die Melanchthon-Akademie richtet zusammen mit der VRK-Akademie, der evangelischen Zukunftswerkstatt midi und dem Netzwerk „Tiefe Anpassung“ und in Kooperation mit der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft FEST einen Fachtag aus zur Rolle von Kirche und Diakonie in multiplen Kollapsen. Im Herbst ist zudem ein zweitägiges Barcamp in Berlin geplant.