Kategorie: Gesellschaft verantworten (Seite 1 von 4)

Ein „Wir der vielen“ – Altenberger Forum diskutiert über Flucht und Migration

Bildungsreferent Dr. Stefan Hößl.

Studienleiter Dr. Stefan Hößl. Foto: Sammy Wintersohl

Flucht, Migration und gesellschaftliches Zusammenleben prägen seit Jahren die öffentliche Debatte. Anlässlich des 30. Altenberger Forums „Kirche und Politik“ sprach Studienleiter Dr. Stefan Hößl von der Melanchthon-Akademie in Köln im Vorfeld der Veranstaltung über seine Perspektive auf das Thema. Für ihn beginnt die zentrale Herausforderung nicht an den Grenzen Europas, sondern darin, wie hierzulande über Migration gesprochen wird.

„Deutschsein“ neu denken: Hößls Plädoyer für ein „Wir der vielen“

Aus Stefan Hößls Sicht wird der Begriff des „Deutschseins“ immer noch zu eng gefasst. „Ich denke, dass es eine ganz zentrale Herausforderung ist, die Bedeutung von Migration auch dahingehend zu verstehen, dass die deutsche Gesellschaft seit jeher eine in verschiedener Hinsicht diverse und plurale war“, sagt er im Interview. „Ein ‚Wir der vielen‘ mit sehr unterschiedlichen Geschichten, Sprachen und religiösen Bezügen.“

Kritik an verkürzter Rhetorik und problematischen Begriffen

Impressionen vom 30. Altenberger Forum. Foto: Martin Bock.

Impressionen vom 30. Altenberger Forum. Foto: Martin Bock

Genau dieses „Wir der vielen“ ist für ihn in der Diskussion um das Thema Migration entscheidend. Für den Studienleiter enthält es vielfältige Perspektiven, unterschiedliche Lebensgeschichten und ein gemeinsames Nachdenken über gesellschaftliche Zukunft. Die öffentliche Debatte erlebt Hößl jedoch kritisch. Viele Diskussionen seien geprägt von verkürzten Zuschreibungen oder politischen Stimmungen. Besonders problematisch findet er Begriffe wie „Stadtbild“, die in politischen Debatten zunehmend genutzt werden. Er fragt: „Wer ist ‚Wir‘ – wer soll in unserem öffentlichen Raum präsent sein, wer gehört dazu und wer nicht?“ Diese Debatte sei aus seiner Sicht irreführend und diene letztlich nur dazu, politischen Zuspruch zu generieren – auf Kosten eines respektvollen gesellschaftlichen Miteinanders.

Kirche als Akteurin für gesellschaftlichen Zusammenhalt

Impressionen vom 30. Altenberger Forum. Foto: Martin Bock.

Impressionen vom 30. Altenberger Forum. Foto: Martin Bock

Für die Kirche ergibt sich nach Stefan Hößls Ansicht daraus die klare Aufgabe, Haltung zu zeigen. Als Studienleiter setzt er sich dafür ein, dass Kirche als starke Partnerin der Zivilgesellschaft sichtbar wird – als Akteurin, die Menschen stärkt, statt sie in Kategorien einzuordnen. Es gehe nicht um wirtschaftliche Nützlichkeit, nicht um eine Diskussion über Belastungen oder Vorteile, sondern um das Menschenbild, das dem gesellschaftlichen Miteinander zugrunde liegt. „Wir reden hier nicht mehr über Herausforderungen und Chancen, wir müssen tatsächlich über eine plurale Gesellschaft, ein gemeinsames Wir sprechen“, sagt er. „Das ist für mich viel, viel elementarer, anstatt sozusagen Menschen auf ihren Mehrwert zu reduzieren.“

Migration als Normalität – nicht als Ausnahmezustand

Dr. Stefan Hößl verweist darauf, dass Migration zur Geschichte der Gesellschaft gehört – nicht als Ausnahme, sondern als dauerhafte Realität. Daraus könne die Chance erwachsen, gemeinsame Werte wie Würde, Freiheit und Respekt immer wieder neu zu verankern. Die christliche Perspektive richte den Blick dabei auf jeden einzelnen Menschen und dessen unveräußerliche Würde. Ein „Wir der vielen“ – das sei mehr als ein Befund. Es sei eine Einladung, Zukunft gemeinsam zu gestalten.

Dieser Beitrag ist auch zu hören in der Sendung Himmel und Erde bei Radio Erft.

Klicken Sie hier fürs Video:

 

Kampagne „Ja zu Migration“

Mit der Kampagne „Ja zu Migration“ werden Stimmen aus der Gesellschaft gesammelt, die sich klar für Vielfalt, Zusammenhalt und gegenseitigen Respekt aussprechen. Sie macht deutlich: Migration ist eine Bereicherung. Klicken Sie hier für mehr Informationen.

Text: APK

Demokratieprojekt mit drei Tonnen Ton in Chorweiler – „Es ist ein Gefühl von Miteinander entstanden“

Aus zwei Tonnen Bauton wurden am Ende sogar drei: Unter dem Titel „Chorweiler in Ton – Geschichten und Gemeinschaft im Stadtteil“ ist in der vergangenen Woche an der Freitreppe seitlich vom Liverpooler Platz ein Kunst- und Demokratieprojekt entstanden, das viele Menschen in Köln-Chorweiler zusammenbrachte.

Veranstaltet wurde das Projekt vom Bündnis Chorweiler, das aus verschiedenen Akteuren Kölner Weiterbildungseinrichtungen und sozialen Einrichtungen und Vereinen besteht. Auch die Melanchthon-Akademie (MAK) des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region war dabei. „Die Atmosphäre war wirklich schön und bereichernd. Es ist ein Gefühl von Miteinander entstanden. Den Anfang haben eine Schulklasse, die Jugendwerkstatt und die Kindergartenkids gemacht – die Kleinen haben unheimlich süße Tiere, Bäume und Häuser geformt – die Älteren haben den in Chorweiler bekannten Wohnungslosen auf einen Thron gesetzt, er musste unbedingt im Bild sein“, sagt MAK-Studienleiterin Lena Felde.

Gemeinschaftsgefühl stärken und demokratische Teilhabe fördern

Kinder, Jugendliche und Erwachsene modellierten gemeinsam ein Tonmodell des Stadtteils. Jede und jeder brachte dabei persönliche Erinnerungen, Gedanken und Ideen ein – so wuchs Stück für Stück ein lebendiges Bild Chorweilers. Begleitet wurde das kreative Arbeiten von Musik, Begegnungen und Gesprächen.

„Interessant ist auch, dass alle Passant*innen direkt erkannt haben, dass es Chorweiler ist, und auch irgendwie wussten, dass es für die Wahlen ist, für Vielfalt und Miteinander“, erzählt Lena Felde. „So haben wir mit allen Nachbar*innen und vielen Kulturen ein gemeinsames Kunstwerk gemacht, das in den Fotografien fortlebt. Am Ende waren es übrigens sogar drei Tonnen Bauton, die auch fast vollständig verbaut wurden.“

Kunst und Demokratie – Mitmach-Projekt lädt ein: Zwei Tonnen Ton für Chorweiler

 

Wohnungslose Menschen zeigen ihre Stadt in Fotografien: „Die Stadt aus meiner Perspektive“

Im Februar 2023 beginnen die Klienten der Wohnungsnotfallhilfe der Diakonie am Salierring zu fotografieren. Jeden Monat neue Einwegkameras, jeden Monat besprechen wir die Werke. Die entstandene Ausstellung wird auch in den nächsten Monaten noch an verschiedenen Kölner Orten zu bewundern sein.

Michael Lampa, Leiter der Einrichtung am Salierring, erinnert sich: „Wir schafften also diese Einwegkameras an und fragten unsere Leute, ob sie Lust hätten, an einem Fotoprojekt teilzunehmen.“ Dieser Schritt an sich stellt für einige, deren Freizeitgestaltung der Bewältigung persönlicher Probleme und struktureller Unsicherheiten beinahe komplett gewichen ist, eine Hürde dar. Manche haben negative Erfahrungen mit sozialen Projekten gemacht und erleben es immer wieder, ausgeschlossen zu sein. „Ich glaube, dass es für Menschen generell ein großer Schritt ist, etwas Schöpferisches zu machen und sich damit öffentlich zu zeigen. Dazu gehört Mut. Menschen, die wohnungslos sind, haben häufig und in vielen Situationen Ablehnung erfahren. Für uns war es deshalb wichtig, keinen Leistungsdruck zu erzeugen und eine möglichst wertschätzende und positive Atmosphäre zu schaffen“, beschreibt Michael Lampa.

Dazu gehört auch, dass die Projektteilnehmenden von Anfang an in den Prozess eingebunden sind. Michael Lampa: „Wir haben kaum Vorgaben gemacht.“ Die Teilnehmenden wählen ihre Motive vollkommen eigenständig, manche gehen in die Natur, andere zeigen ihr Köln, Dritte konzentrieren sich gezielt auf das Aufzeigen von Missständen in der Stadt. Jede Herangehensweise ist willkommen, denn sie zeigt genau das: Die Stadt aus meiner Perspektive. So ist es jedem Teilnehmer möglich (tatsächlich war es strukturell bedingt eine männliche Gruppe), seine ganz eigene Geschichte zu erzählen. In den Werkbesprechungen kann getestet werden, wie die Idee funktioniert hat, ob vielleicht etwas angepasst oder verändert werden kann an der fotografischen Technik oder der Motivwahl selbst und besonders – welches der Fotos sich eignet, von größeren Gruppen gesehen zu werden, sprich an die Öffentlichkeit zu gehen.

Wie an den Fotografien erkennbar ist, folgen Projekt und Motive dabei dem Verlauf eines Jahres. Aufnahmen zeigen den Karneval, den Sommer am See, zeigen karge Herbstbäume und Winterlandschaften; eine vermeintliche Idylle, der das plötzliche Sich-bewusst-Werden entgegensteht, dass hier das Zelt gestanden haben muss, das man zum Schutz vor den Widrigkeiten außerhalb der Stadt aufgestellt hat.

Die fotografischen Ergebnisse sind trotz Einwegkameras künstlerisch wertvoll und inhaltlich eindrucksvoll. Sie dokumentieren nicht nur die Lebensrealitäten der Teilnehmenden, sondern geben kreative bis sozialkritische Einblicke in eine Welt, die vielen verborgen bleibt: Der etwas andere Blick in die vertraute Ecke der Stadt, das kleine Alltagsritual, das die Härte des Tages vielleicht durchbricht oder ein emotional bewegender Moment. Dabei wird bewusst darauf geachtet, keine Personen erkennbar abzubilden, um die Privatsphäre der Menschen zu wahren.

„Die Stadt aus meiner Perspektive“ erzählt persönliche Geschichten ganz ohne Worte – auch die schweren Wahrheiten werden nicht verschwiegen. Schonungslos, aber mit ebenso großer Sensibilität und Kraft, da die Geschichte selbst erzählt ist.

„Mit der Zeit hatte ich den Eindruck, die Fotografen über ihre Bilder von einer anderen Seite kennenzulernen. Jeder hat hier seine individuellen Eigenheiten, achtet auf andere Details und zeigt damit auch ein Stück seiner eigenen Persönlichkeit“, reflektiert Michael Lampa.

Aus rund 1000 geknipsten Fotografien wählen wir die 100 besten Fotos gemeinsam mit den Fotografen aus. Vier der insgesamt acht Teilnehmenden haben besondere Freude am Projekt entwickelt und sind regelmäßig bei den Sitzungen anwesend. Ein Teilnehmer nimmt inzwischen täglich Fotos auf seinem Handy auf und stellt diese aktuell in Nippes in einem Café aus.

Die Bilderauswahl dieses Projekts des Diakonischen Werks Köln (unter Leiter Michael Lampa und der stellv. Leiterin Maja Schumacher) und der Melanchthon-Akademie (Verantwortung Studienleiterin Lena Felde), gefördert von der Aktion Mensch, wurde im ersten Halbjahr 2025 bereits in drei Kölner Kirchengemeinden gezeigt. Im zweiten Halbjahr wandert die Ausstellung noch an weitere Orte, die wir online bekanntgeben. Dann wird die Auswahl auch nochmal als Kalender verfügbar sein, dessen Erlös der Wohnungsnotfallhilfe der Kölner Diakonie zugutekommt.

Das Projekt zeigt eindrucksvoll: Kreativität kann Brücken bauen – und den Dialog zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Menschen unterschiedlicher Lebenswelten fördern. Kunst als Mittel zur Selbstermächtigung kann ein Schritt sein hin zu mehr Verständnis und Respekt im Umgang miteinander. Dafür wird es weiterhin wichtig bleiben, die oft verborgenen Stimmen hörbar zu machen.

Kölner Rom:nja und ihre un-/sichtbare/-n Geschichte/-n

Im zweiten Halbjahr rücken Kölner Rom:nja mit ihren Geschichten in den Mittelpunkt einer Veranstaltungsreihe der Melanchthon-Akademie. Viele dieser Geschichten sind mit Erzählungen verbunden, in denen es um Zumutungen, Unsichtbarkeit, Verdrängung, Missachtung, Feindschaften, Gewalt oder Ressentiments geht.

Auf dem Bild sehen Sie die Teilnehmerinnen des Deutschkurses von Wila Borrings im ROM e.V. Am 9. Mai 2025 lasen sie bei einer festlichen Veranstaltung selbst verfasste Gedichte zum Thema „Wenn ich an meine Geschichte denke, denke ich an…“. Die Texte wurden auf Romanes, Serbisch und Deutsch zu Gehör gebracht.

Auf dem Bild sehen Sie die Teilnehmerinnen des Deutschkurses von Wila Borrings im ROM e.V. Am 9. Mai 2025 lasen sie bei einer festlichen Veranstaltung selbst verfasste Gedichte zum Thema „Wenn ich an meine Geschichte denke, denke ich an…“. Die Texte wurden auf Romanes, Serbisch und Deutsch zu Gehör gebracht.

Rom:nja sind schon sehr lange Teil der pluralen Gesellschaft in Deutschland und auch in Köln, wobei ihnen immer wieder eine selbstverständliche Zugehörigkeit abgesprochen wurde und wird. Ein spezifisch, sich gegen Rom:nja und Sinti:ze richtender (Gadje-)Rassismus war aus der deutschen Bevölkerung nie verschwunden – auch nicht nach dem Porajmos, dem nationalsozialistischen Genozid an europäischen Sinti:ze und Rom:ja.

Gadje-Rassismus imaginiert Sinti:ze und Rom:nja als fremdartig, anders, bösartig und wird auch in der Gegenwart als Begründung für Ausgrenzung, Feindschaft bis hin zu Gewalt genutzt. In der sog. Mitte-Studie des RomaniPhen Instituts stellte 2023 mehr als jede:r zweite befragte Person Sinti:ze und Rom:nja eine Neigung zur Kriminalität¹ vor – noch weniger als jede:r gaben in einer anderen Studie mehr als die Hälfte der Befragten an, dass sie ein Problem damit hätten, „wenn sich Sinti und Roma in meiner Gegenwart aufhalten“² – deutsche Zustände.

Immerhin, mehr als 80 Jahre nach dem Ende des NS, nach dem Zivilisationsbruch, nach der Befreiung von Auschwitz, sind solche Zustimmungswerte nichts anderes als ein Skandal.

Darum – um Zumutungen, Feindschaft, um das Verdrängen von NS-Verbrechen – wird es bei den Veranstaltungen in unserer Reihe gehen, aber nicht nur: wir wollen Kölner Rom:nja auch ganz andere Geschichten erzählen lassen: Geschichten vom Erinnern, vom Widerstand, von Kämpfen um Anerkennung sowie ihrer Bürger:innenrechte, von Selbstbehauptung und Empowerment, von Freundschaften, Allianzen und von Solidarität, von ganz alltäglichen Erfahrungen von Schönheit, Liebe und Geborgenheit, von Poesie und von Träumen, von Kreativität in der Literatur und der Romanes-Sprache, in der Musik und im Theater.

Bei allen Veranstaltungen kommen Menschen aus Rom:nja-Communities selbst zu Wort. Alle Veranstaltungen finden in Kooperation mit dem ROM e.V. Köln statt. Wir laden Sie und Euch herzlich dazu ein!

VERANSTALTUNGSHINWEIS

Di., 02.09.2025, 17:30–20:30 Uhr
Rom:nja. Auf Spurensuche der Geschichten von Rom:nja und Sinti:ze in Köln
Stadtführung
José Xhemajli und Lisa Willnecker
1 Termin | 5,00 € | Nr. 2212H

Mi., 03.09.2025, 19:00–20:30 Uhr
Unsichtbare Geschichte(n)? Perspektiven von Rom:nja auf Kölns Erinnerungskultur
Vortrag & Diskussion
José Xhemajli und Lisa Willnecker
1 Termin | Eintritt frei | Nr. 2213H

Mi., 29.10.2025, 18:30–20:00 Uhr
„Aus der Hoffnungslosigkeit erwuchs die Liebe“
Ein biographisch-literarischer Abend mit dem Dichter und Rom-Aktivisten Radjko Russo Sejdovic
1 Termin | 5,00 € | Nr. 2219H

Mi., 19.11.2025, 18:00 Uhr
Lesung mit dem Lyriker, Kolumnisten, Kabarettisten Jovan Nikolić zum Internationalen Tag der Romanes-Sprache
Jovan Nikolić liest aus Hotel Nicaragua und ausgewählte Lyrik
1 Termin | Eintritt frei | Nr. 6213F

Quellen:
¹ Zick, Andreas/Küpper, Beate/Höller, Nico (Hrsg., 2023): Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2022.
² Decker, Oliver/Hegemann, Johannes/Brähler, Elmar (2014): Die stabilisierte Mitte. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014, Leipzig, S. 50.

Weiterdenken – ein Jahr nach der ForuM-Studie

Tanz aus der Wunderkammer: Künstlerische Begleitung der Tagung durch Ulrike Oeter. Weiße Kinderkleider der Unschuld durchschreiten den Raum. Tanzende, springende Wesen voller Energie verzaubern. Schutzkleider und Mummenschanz treten in einen Dialog.

Tanz aus der Wunderkammer: Künstlerische Begleitung der Tagung durch Ulrike Oeter. Weiße Kinderkleider der Unschuld durchschreiten den Raum. Tanzende, springende Wesen voller Energie verzaubern. Schutzkleider und Mummenschanz treten in einen Dialog. Foto: U. Oeter

Der Studientag im März 2025 war ein Baustein, um konkrete Schritte hin zu einer traumasensibleren Kirche zu gehen und weiterzudenken. Entstanden sind Fragen, Ideen, Workshopwünsche:

  • Was brauche ich als Betroffene oder Überlebende, damit ich in Kirche und Gottesdienst das bekomme, was ich brauche?

  • Wie schaffen wir Räume/Atmosphären/Einstellungen und Strukturen, in denen die Scham die Seite wechselt?

  • Wie geht das mit Schuld, Wut, Trauer, Rachelust und Vergebung eigentlich wirklich?

  • (Wie) können wir Kirche in einem Gemenge von Täter:innen, Betroffenen, Verbündeten, Unterstützenden, Indifferenten, Bystandern leben?

  • Was verändert sich, wenn wir biblische Texte als Traumaliteratur lesen?

VERANSTALTUNGEN

Do., 27.11.2025, 10:00–12:00 Uhr
Sexualisierte Gewalt in der Kirche überwinden: welche Gottesdienste wollen wir feiern?
Wie klingt unsere Gottesdienstsprache im Ohr von Menschen mit Gewalterfahrungen? Wo haben Wut, Angst, nicht vergeben können Platz? Welche Gebete, Fürbitten, Lieder brauchen wir als Menschen mit unterschiedlichen Gewalterfahrungen? Ein Workshop nach der ForuM-Studie für Gottesdienstvorbereiter:innen und Interessierte.
Eli Wolf, Pfarrerin
9,00 € | Anmeldung erforderlich | Nr. 02515

Miteinander reden?! Zuhören, Widersprechen, Grenzen setzen – Gesprächskultur in der Demokratie

Eine plurale Demokratie ist immer und konstitutiv auf Aushandlungsprozesse angewiesen. Sie lebt von einem konstruktiven Miteinander, von Streit in fairen Settings, vom Aushalten von Unterschieden, von Empathie für das Gegenüber und immer auch vom Zuhören und Reflektieren sowie von der grundsätzlichen Bereitschaft, das Wahrgenommene auch als potentiellen Lernanlass für Veränderungen der bisher als selbstverständlich wahrgenommenen eigenen Perspektiven und Haltungen wertzuschätzen. Für Demokratie ist eine Gesprächskultur fatal, in der sich ein zwischenmenschlicher Austausch nur auf das Senden von Ich-Botschaften reduziert.

Foto: V. Hryshchenko von Unsplash

Aber: Wo gehen wir in Diskussionen? Wo halten wir die Kommunikation aufrecht, auch wenn unser Gegenüber nicht unsere Wertorientierungen und Weltanschauungen teilt? … und was ist, wenn das so richtig weh tut und eigentlich nur schwer auszuhalten ist? Wo ziehen wir Grenzen? Wo beenden wir Gespräche?
Klar: vor dem Hintergrund unserer Orientierung am Grundgesetz können wir nie neutral sein; dürfen wir gegenüber Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Rechtsextremismus, Islamismus etc. nicht neutral sein.
Aber wenn wir sagen: „Wenn die Grundwerte dieser Gesellschaft bedroht oder mit Füßen getreten werden, gilt es klare Grenzen zu ziehen.“ – Wie machen wir das?
Wie machen wir das in sozialen Räumen, in denen z. B. rechte Denk- und Wahrnehmungsweisen nicht mehr „nur“ von Einzelnen, sondern von Vielen, vllt. sogar einer Mehrheit geteilt werden? Oder auch im pädagogischen Feld: Viele junge Menschen experimentieren mit Versatzstücken antidemokratischer Ideologien – wenn wir hier repressive Strategien wählen, das Gespräch beenden und ausgrenzen, ist das mit Blick auf andere Anwesende oder auch real oder potentiell z. B. von Rassismus oder Antisemitismus Betroffene ggf. sehr sinnvoll; aber wir reduzieren dann auch unsere Möglichkeiten zur pädagogischen Einflussnahme auf jene, die Problematisches artikuliert haben.

Im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „Miteinander Reden!“ laden wir Sie herzlich ein, um derartige Fragestellungen mit uns zu vertiefen:

Am Donnerstag, den 04.09.2025, 18.30 ‒ 20.00 Uhr,
widmet sich PD Dr. Harald Weilnböck (Cultures Interactive e.V.) in einem Online-Vortrag sog. narrativen Gesprächsgruppen als Methode zur Förderung der demokratischen Persönlichkeitsentwicklung von jungen Menschen, wobei es hier um Menschen geht, die ansonsten nur schwer ansprechbar oder erreichbar sind.
Nr. 2213H

Am Donnerstag, den 02.10.2025, 18.30–20.00 Uhr,
geht der Bildungswissenschaftler Marcus Kindlinger (Universität Duisburg-Essen und Universität Münster) in einem Vortrag darauf ein, dass Demokratie vom Streit lebt. Was aber, wenn sich Grenzverletzungen ereignen? Der Referent stellt die Frage „Wo endet der (offene) Diskurs?“ und blickt in seinem Beitrag vor allem auf die Grenzen politischer Streitkultur.
Nr. 2218H

Am Dienstag, den 25.11.2025, 17.30–19.30 Uhr,
setzt Lisa Frohn einen Workshop um, den sie unter den Titel „Sprechen & Zuhören“ gestellt hat und in dem die Frage „Wie geht es dir mit all dem, was gerade in der Welt passiert?“ im Mittelpunkt steht. Sprechen & Zuhören stellt ein besonderes Gesprächsformat dar, in dem der Name tatsächlich auch Programm ist.
Nr. 2224H

Auftakt für den Jungen Campus – „Sommernächte“

Junger Campus“ in der Südstadt lud zum Auftakt seiner „Sommernächte“ zum Thema zivile Seenotrettung ein. Adrian Pourviseh las aus seiner Graphic Novel Das Schimmern der See.

Premiere feierten die „Sommernächte“ des „Jungen Campus“ in der Kölner Südstadt. Einladend mit Strandliegen und Decken war die Grünfläche im Innenhof der Kartäuserkirche bestückt. Getränke sorgten für Kühlung an diesem immer noch sehr warmen Abend. Entspannung oder eine wohlige Atmosphäre stellte sich bei den zahlreichen Besuchenden jedoch nicht ein. Dazu war das Thema der ersten Veranstaltung des „Jungen Campus“ ein zu schweres: die zivile Seenotrettung von Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer.

Graphic Novel: Das Schimmern der See

Der Seenotrettungs-Fotograf und Comic-Autor Adrian Pourviseh las nicht nur aus seinem Graphic-Novel-Debüt Das Schimmern der See – Als Seenotretter auf dem Mittelmeer. Der gebürtige Koblenzer, Jahrgang 1995, teilte auch seinen reichen Wissens- und Erfahrungsschatz hinsichtlich der Hintergründe und Wege von Flucht sowie der Behandlung von Geflüchteten. Im Mittelpunkt standen seine Erlebnisse bei einer Seenotrettungsmission auf der Sea-Watch 3 im Sommer 2021. Deren Einsätze hat er als Videograf und Fotograf dokumentiert und zudem in Situationen, „wo es um Leben oder Tod geht“, mit angepackt.

Kooperation von MAK und Juref

Zunächst führten Lea Braun, Studienleiterin der Melanchthon-Akademie (MAK), und Jugendbildungsreferent Noël Bosch vom Evangelischen Jugendreferat in Köln und Region (Juref) in das von beiden Einrichtungen initiierte Bildungsformat für Menschen zwischen zwanzig und vierzig Jahren ein. „Etwas Schönes erwartet uns“, wies Braun darauf hin, dass hinter der Kartäuserkirche der Campus Kartause entstehe. „Das wird unser neuer Arbeitsort in gar nicht so entfernter Zeit. Dort ziehen wir zusammen mit unseren Strukturen in ein Haus der Bildung.“ Es bestehe eine gewisse Überschneidung in der Erwachsenenbildung, der Jugendbildung und vielleicht in der Familienbildung. Für die angesprochene Altersgruppe könne man dort „supergut etwas zusammen machen“ und explizite Angebote entwickeln. Bosch ergänzte: „Ganz viele junge Menschen werden dort einziehen. Deshalb wollen wir auch in Kontakt treten. Heute findet Teil eins statt.“

Persönliche Einblicke und kritische Perspektiven

„Das ist wahrscheinlich einer der schönsten Orte, an denen ich bisher gelesen habe“, leitete Pourviseh ein. Um alle Besuchenden in sein Buch mit hineinnehmen zu können, klärte er vorweg die Grundlagen der Migration über das zentrale Mittelmeer. Rasch wurde deutlich, dass hier nicht ein Referent routiniert ein x-mal erprobtes Konzept abspulte, sondern ein Zeuge des Geschehens, ein Beteiligter einfühlsam wie engagiert die Anwesenden mit Ereignissen und Zuständen konfrontierte, die man gerade auch eingedenk von EU-Entscheidungen und des Vorgehens vieler europäischer Staaten als unfassbar bezeichnen darf.

„Ich male in mein Tagebuch, um die Momente zu verarbeiten.“

Ruhig im Ton und eindrücklich in der Schilderung der eigenen Erlebnisse, klar in seinen Aussagen und entschieden in seiner Kritik, nahm Pourviseh die Gäste von Beginn an gefangen. Er habe immer auch mitgekritzelt, stellte er zunächst Inhalte aus seinem gezeichneten Tagebuch vor, in das er ebenso beim Einsatz entstandene Fotografien einklebt. „Ich male in mein Tagebuch, um die Momente zu verarbeiten.“ Das habe ihm auch geholfen, den später im Buch beschriebenen Einsatz greifbar zu machen. Auf diese Weise habe er mit Geretteten nochmal anders in Kontakt treten können als nur als Fotograf.

„Menschen fliehen aus verschiedensten Gründen.“

Es gebe nicht eine exemplarische Geschichte, die Flucht erklären könne, so Pourviseh. „Menschen fliehen aus verschiedensten Gründen und nehmen die unterschiedlichsten Routen.“ Dennoch passierten zahlreiche Flüchtende aus dem Süden Afrikas auf der Route durch die Wüste nach Libyen und über das Mittelmeer einige feste Fixpunkte. Um die Geschichte und Erlebnisse von Fatima, die ihm ihre Flucht schilderte, zu visualisieren, entwickelte Pourviseh eine Animation.

Mutige Kapitänin Carola Rackete

Bevor diese eingespielt wurde, erinnerte er an die Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete. Sie hatte 2019 mit 47 aus dem Mittelmeer geretteten Geflüchteten, darunter Fatima, versucht, in den Hafen von Lampedusa einzulaufen. Das italienische Innenministerium verweigerte dies. Nach über zwei Wochen im Wartezustand entschied sich Rackete wegen der psychischen Belastung der Menschen an Bord, sich über das Verbot hinwegzusetzen. Unter großem Medienrummel wurde die Kapitänin angeklagt. „Für die Seenotrettung war dieser einzelne Fall sehr schlimm. Intern kann man aber auch sagen, dass eine große Aufmerksamkeit auf die Seenotrettung gelenkt wurde und es sehr viele Spenden gab.“ Rückblickend sei es vom damaligen Innenminister Matteo Salvini, der das Verfahren verlor, ein großer Fehler gewesen, aus dem die aktuelle italienische Regierung gelernt habe.

Todeszahlen in der Sahara doppelt so hoch wie im Mittelmeer

Fatima sei durch das Land Niger gereist und habe an Checkpoints vorbei durch die tiefe Wüste fahren müssen. Dort zeigten Satellitenbilder Reifenspuren im Sand. „Was wir nicht sehen können, sind die Leichen, die nach drei, vier Stunden vom Flugsand überdeckt werden.“ Das UN-Unterorgan Missing Migrants Project (IOM) geht davon aus, dass in der Sahara die Todeszahlen geflüchteter Menschen ungefähr doppelt so hoch seien wie im Mittelmeer. „Wir reden nur nicht so oft darüber, weil wir keine offiziellen Zahlen haben.“

Libysche Milizen und Lager als System der Erpressung

Wer es durch die Wüste geschafft habe, komme nach Libyen – ein Land im Bürgerkriegszustand. „Verschiedene Milizen kämpfen um die Vorherrschaft. Und wer als schwarze Person in diesem Land nicht den Schutz eines Arbeitgebers genießt, kann auf offener Straße entführt werden.“ In Gefängnissen und Lagern, wo auch Fatima untergebracht war, würden die Verschleppten gefoltert, Frauen vergewaltigt und die Bilder an Familienmitglieder geschickt, um Geld zu erpressen. Eine Vertreterin des Auswärtigen Amtes habe die Zustände als KZ-ähnlich beschrieben. Die meisten Menschen auf der Flucht wüssten nicht, was sie in Libyen erwarte.

Tunesische Nationalgarde setzt Menschen in der Wüste aus

In den Westen nach Algerien oder Tunesien zu gehen, sei früher eine „bessere“ Option gewesen – bis 2023. Seitdem jage die tunesische Nationalgarde schwarze Menschen aus den Städten, um sie in der Wüste auszusetzen. „Tunesien bekommt diese Arbeit von der EU über den ‚EU-Migrationsdeal‘ bezahlt.“ Deshalb entschieden sich viele Betroffene für den Weg über das Meer. Seit 2014 seien im Mittelmeer und auf den Mittelmeerrouten über 32.000 Menschen gestorben oder werden vermisst. Das zentrale Mittelmeer südlich von Sizilien gilt als tödlichste Seegrenze der Welt – genau dort sind Organisationen wie Sea-Watch unterwegs.

Pullbacks und die Rolle Europas

Farbige Punkte und Linien in Seekarten markieren Verantwortungsbereiche für verschiedene Länder. „Es ist deswegen wichtig, weil die Libyer die aufgegriffenen Menschen in ihre Folterlager zurückbringen. Dafür werden sie von europäischem Steuergeld bezahlt.“ Sie würden auch von der Bundespolizei ausgebildet – doch die libysche Küstenwache „rettet“ mit Brutalität. „Sie zwingt Menschen teilweise mit Waffengewalt auf ihre Boote.“ Das gelte auch, wenn sie sich in internationalen Gewässern befänden. Libyen habe nie die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet. Das Land „macht wortwörtlich die Drecksarbeit für Europa“. Medienrecherchen zufolge wird die libysche Küstenwache auch von Frontex oder Malta über Bootsflüchtlinge informiert – eine Form der illegalen Rückführung, genannt Pullback.

Eindrücke aus dem Einsatz 2021

Pourviseh zeigte eine Animation mit Live-Aufnahmen seiner ersten Rettung 2021. Der Kapitän der Sea-Watch 3 folgte der Spur einer Frontex-Drohne – zugleich raste die libysche Küstenwache auf den gleichen Punkt zu. „Der Radar berechnet, dass sie fünf Minuten vor uns da sein wird. Wir fahren trotzdem hin, um zu assistieren.“ Die Menschen sprangen lieber ins Meer, als von den Libyern zurückgebracht zu werden.

Nach einem solchen Einsatz gehe er ins Medienbüro, lade Material hoch, schlafe kurz – um dann gegen vier Uhr zur nächsten Wache aufzustehen. „Und erneut die libysche Küstenwache, diesmal etwas später.“ Entdeckt wurde ein Boot mit 67 Menschen, darunter 23 Minderjährige. „Erst bei der Rettung merken wir, dass viele Kinder schwere Brandverletzungen haben.“ Ein Feuer im Unterdeck war die Ursache. Italien habe erst abends die medizinische Evakuierung erlaubt – wertvolle Stunden seien verstrichen.

„Wann wird das aufhören?“

Tagebucheinträge beschreiben die Gedanken in jener Nacht. „Es ist vier Uhr morgens. Meine Nachtschicht auf dem Bootsdeck beginnt. Und ich frage mich, was wird einmal in den Geschichtsbüchern stehen über das, was hier passiert. Werden sie vom Geruch des Elends erzählen? (…) Wann wird das aufhören?“

Kriminalisierte Gerettete und politischer Missbrauch

Geflüchtete, die Boote oder Autos gesteuert haben, würden oft wie Kriminelle behandelt – obwohl sie von Schleppern dazu gezwungen wurden. In Griechenland etwa bildeten sie die größte Gruppe inhaftierter Menschen. „Es ist eine Kampagne, das Narrativ der Schleuser zu füttern, dass Geflüchtete in Banden organisiert seien“, sagte Pourviseh. „Das ist das, was Griechenland vorgemacht und Italien übernommen hat.“ Und was man seit März als Vorstufe auch an deutschen Grenzen von Innenminister Alexander Dobrindt kenne.

Noël Bosch und Lea Braun

Stimmen der Veranstalter

Daniel Drewes, Leiter des Evangelischen Jugendreferates Köln und Region, freute sich: „Wir konnten mit dieser Veranstaltung das Thema Seenotrettung von einer ganz neuen Seite beleuchten. Adrian Pourviseh hat mit seiner Erzählweise und der Ausdruckskraft seiner Bilder das Publikum gefesselt.“ Für die MAK-Studienleiterin Lea Braun war „die Lesung ein starkes Zeichen dafür, dass wir uns der Realität von Flucht und Seenotrettung nicht entziehen dürfen – und wollen. Der Junge Campus möchte weiterhin Räume für Austausch und Begegnung schaffen.“

Ein bitteres Ende

Mitnichten ein Grund zur Freude ist die im Juni veröffentlichte Entscheidung der Bundesregierung, die zivile Seenotrettung im Mittelmeer künftig nicht länger finanziell zu unterstützen.

Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich

NS-DOK veröffentlicht Jahresbericht zu antisemitischen Vorfällen in Köln – MAK-Leiter Martin Bock: „Skandalös“

Außenansicht des EL-DE-Hauses. Dort hat das NS-DOK seit 1988 seinen Sitz. Foto: Jörn Neumann

Außenansicht des EL-DE-Hauses. Dort hat das NS-DOK seit 1988 seinen Sitz.
Foto: Jörn Neumann

Das NS-DOK hat seinen Jahresbericht zu antisemitischen Vorfällen in Köln veröffentlicht. Die Antisemitismus-Meldestelle des Kölner NS-Dokumentationszentrums registrierte im Jahr 2024 insgesamt 229 Vorfälle. Im Vergleich zum Vorjahr stellt das eine Zunahme von 30 Prozent dar. Im kostenfrei downloadbaren Bericht werden viele der registrierten und überprüften Vorfälle beschrieben.

Ins Auge sticht die in der Antisemitismusforschung seit über 15 Jahren festgestellte Formveränderung des Antisemitismus, der sich in der Gegenwart insbesondere als Umwegkommunikation über den Staat Israel äußert. 150 der Fälle werden dem israelbezogenen Antisemitismus zugeordnet. Dass alle Varianten des Antisemitismus letztlich immer eine überaus reale Gefahr für Jüdinnen und Juden – eben auch in Köln – darstellen, wird über den gesamten Bericht hinweg deutlich.

Der Autor des Berichts, Daniel Vymyslicky, äußert diesbezüglich: „Zum vierten Jahr in Folge steigen die von uns dokumentierten antisemitischen Vorfälle im Stadtgebiet. Eine solche Entwicklung ist nicht mehr mit dem gewachsenen Bekanntheitsgrad der Meldestelle zu erklären. Die jüdische Gemeinschaft in Köln steht massiv unter Druck und braucht mehr Unterstützung.“

Der Leiter der Melanchthon-Akademie, Dr. Martin Bock, betont angesichts der Bedrohungsszenarien, die der Bericht verdeutlicht: „Betroffenen, Kölner Jüdinnen und Juden mit Empathie begegnen, zuhören, Unterstützung anbieten, solidarisch sein – eigentlich sollte das doch ganz normal und einfach sein… Dass sich 80 Jahre nach der Shoah viele Jüdinnen und Juden (auch in Köln) mit antisemitischen Markierungen, Adressierungen und Anfeindungen auseinandersetzen müssen, ist skandalös. Für uns gilt uneingeschränkt, was die Evangelische Kirche in Deutschland formuliert: Der Widerspruch gegen jede Form des Antisemitismus ist nicht nur die Sache einiger weniger, sondern eine Verantwortung aller Christ*innen. Um Menschen darin zu bestärken, Antisemitismus zu erkennen und zu begegnen, gibt es in Köln wertvolle Bildungsangebote der Kölnischen Gesellschaft und des NS-DOK. Und auch wir tragen hier unseren Teil bei: unsere flexibel buchbaren Workshops für Kleingruppen sind dauerhaft kostenfrei verfügbar.

Weitere Informationen hierzu finden Sie hier:

https://www.melanchthon-blog.de/wp-content/uploads/2024/07/Antisemitismus.pdf

ORANGE DAYS 2024

vom 25.11. Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen

bis 10.12. Internationaler Tag der Menschenrechte

Hintergrundinformation, Aktualität und Bitte um Dokumentation

Das aktuelle Lagebild des Innenministeriums zu „Häuslicher Gewalt“ zeigt:

„Die Zahl der gemeldeten Fälle von Gewalt ist erneut deutlich gestiegen. 2023 wurden demnach 256.276 Opfer von häuslicher Gewalt erfasst. Das sind 6,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. „Nahezu ein Viertel aller in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Fälle von Gewalt seien Fälle häuslicher Gewalt“, sagte BKA-Vizepräsidentin Link und machte damit das Ausmaß deutlich.

  • Zwei Drittel der Fälle fallen in den Bereich der Partnerschaftsgewalt, das übrige Drittel betrifft innerfamiliäre Gewalt gegen Kinder, Eltern oder sonstige Angehörige.
  • Überwiegend betrifft die Gewalt Frauen: 70,5 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind weiblich, während die Täter zumeist Männer waren (75,6 Prozent).
  • Auch die Zahl derer steigt, die im Zuge der Gewalt getötet wurden: 331 Menschen sind 2023 durch häusliche Gewalt ums Leben gekommen. Die Opfer waren zu über 80 Prozent weiblich.
  • Im Bereich der innerfamiliären Gewalt war über die Hälfte der Opfer unter 14 oder über 60 Jahre alt.
  • Auffallend ist auch ein starker Anstieg von Fällen unter Nutzung des Internet. Hier habe man in den letzten fünf Jahren beispielsweise im Bereich des Stalkings einen Anstieg von 116 Prozent.

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„Antisemitismus in Köln widersprechen!“ … unbedingt – und zwar immer wieder.

von Dr. Stefan Hößl

Am 29. Juni 2024 verabschiedete die Verbandsvertretung des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region einstimmig die Erklärung ‚Antisemitismus in Köln widersprechen!‘ (https://www.kirche-koeln.de/wp-content/uploads/2024/06/Erklaerung-Antisemitismus-VV-29.6.2024.pdf). Hintergrund war die Veröffentlichung des neuen Jahresberichts der Kölner Meldestelle zu antisemitischen Vorfällen, in dem sich ein deutlicher Anstieg dokumentiert – insbesondere im Nachgang zum terroristischen Überfall der islamistischen HAMAS auf Israel am 7. Oktober 2023. [1] Zitiert wird Bettina Levy, die im Bericht der Meldestelle als Vorstandsmitglied der Synagogen-Gemeinde Köln auf die überaus realen Bedrohungen von Jüdinnen und Juden in Köln eingeht. In ihrer Erklärung macht die Verbandsvertretung sehr deutlich, dass Derartiges nie akzeptiert werden darf und dass es ein Skandal ist, wenn Jüdinnen und Juden sich fragen müssen, ob sie in Köln noch zuhause sind.

Am Ende der Erklärung steht das Plädoyer, Jüdinnen und Juden ernst zu nehmen und ihnen zuzuhören, wenn sie von Erfahrungen mit antisemitischer Adressierung, Ausgrenzung und Gewalt berichten, sowie sich solidarisch zu positionieren und Handlungsstrategien gegen Antisemitismus einzuüben. Wie die EKD (2017: 3) (https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/2017_Antisemitismus_WEB.pdf)  betont auch die Verbandsvertretung: „Der Widerspruch gegen Antisemitismus ist nicht nur die Sache einiger weniger, sondern eine Verantwortung aller Christinnen und Christen.“

In diesem kurzen Text wird auf vieles eingegangen, was wichtig ist: Forschungsprojekte zu den Erfahrungen von Jüdinnen (vgl. u.a. Bernstein 2020) machen deutlich, dass Erlebnisse mit Antisemitismus häufig bagatellisiert, relativiert oder ignoriert werden – zuhören, ernst nehmen, empathisch sein: das sollte doch eigentlich selbstverständlich sein…

Liest man die Erzählungen von Interviewten aufmerksam, wird deutlich, dass das Mit-Erlebtem-alleingelassen-Werden für viele eine äußerst negative Dauer-/Belastung darstellt, die manchmal als schlimmer bewertet wird, als die Antisemitismuserfahrung an sich; dass Freund*innen schweigen, dass Lehrkräfte wegschauen, dass Nachbar*innen so tun, als hätte man nichts gesehen oder gehört. Solidarisch sein, Verantwortung übernehmen, sich zu überlegen, was man in der Situation tun kann: das sollte doch eigentlich selbstverständlich sein…

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