Noch einmal: Assistierter Suizid. Ein Zwischenruf von Pfarrer Dr. Rainer Stuhlmann

„Assistierter Suizid. Wie geht es nach dem Urteil des BVG vom Februar 2020 weiter?“ Zwar nicht der gegenwärtige Ratsvorsitzende der EKD, wohl aber einige seiner Vorgänger kamen in den letzten Monaten in der Melanchthon-Akademie zu diesem Thema zu Wort. Ihre Argumentation hat immer die gleiche Struktur. Ihre ethische Beurteilung der Hilfe zum Suizid wird getrübt durch eine unklare ethische Beurteilung des Suizides selbst. Sie geben sich kritisch gegenüber der traditionellen kirchlichen und theologischen Verurteilung des Suizids als „Selbstmord“. Aber bei genauerem Hinsehen ist die kirchliche Verurteilung der Selbsttötung heute nur weniger drastisch. Auch ihre Argumente laufen letztlich auf nichts anderes hinaus als eine moralische Nötigung, den Tod zu empfangen, statt ihn sich zu geben.

Der Argumentation der Repräsentanten meiner Kirche liegt eine Gottesvorstellung zugrunde, die weder biblisch noch evangelisch ist. Es ist die Identifikation Gottes mit der Natur. Natürliche Vorgänge wie z. B. ein langsames Sterben werden als „Gottes Wille“ deklariert, dem der Mensch sich schlicht zu fügen hat und sein Leben nicht vorschnell und darum unerlaubt beenden darf. Aus der theologisch richtigen Aussage, dass das Leben Geschenk ist, wird ohne Logik gefolgert, dass nicht nur das fremde, sondern auch das eigene Leben unverfügbar sei. Damit wird Gott zu einer Karikatur, zu einem beleidigten autoritären Vater, der böse wird, wenn seine Geschenke zurückgewiesen werden. Und der Mensch wird zu einem unartigen, weil undankbaren Kind, das sich anmaßt, ein gut gemeintes Geschenk zurückzugeben, weil es ihm nicht gefällt. Eine solche Argumentation ist erwartbar von Theologen, die auch jede Form von Empfängnisverhütung und jeden Schwangerschaftsabbruch pönalisieren, weil sie naturrechtlich argumentieren. Der Mensch dürfe nicht in natürliche Vorgänge wie entstehendes Leben oder Sterben eingreifen. Aber aus dem Mund eines evangelischen Theologen ist anderes zu erwarten. Da ist der Mensch kein Kleinkind, sondern mündig. In Verantwortung vor Gott und Menschen darf er oder sie verfügen über das, was Gott schenkt, und das heißt: im Grenzfall auch sein Leben beenden.

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Zur ethischen Beurteilung von Suizid hatte ich vor zwanzig Jahren ein Schlüsselerlebnis. Ich machte mir klar: in den höchsten Etagen des World Trade Centers in New York wurden unter großem Druck Entscheidungen getroffen. Letzte Entscheidungen. Denn einige Stockwerke tiefer war soeben ein mit Kerosin voll getanktes Flugzeug ins Gebäude geschossen. Im Nu waren Aufzüge und Treppen durch Feuer und Rauch versperrt. Nur wenige Minuten blieben zur Entscheidung. Springen oder abwarten? Das war eine extreme Ausnahmesituation. Damals am Morgen des 11. September 2001. Aber gerade die Extremsituation zeigt für mich messerscharf, was Selbsttötung ist. Eine Tat, die Schlimmerem ausweicht. Und deshalb entlarvt gerade die Ausnahmesituation die gängigen moralischen Bewertungen der Selbsttötung als absurd.

Nach traditionellem kirchlichem Urteil sind die, die abwarten, bis sie das Feuer erreicht oder sie mit den Trümmern in die Tiefe stürzen, also dem Bösen duldend stand halten, die Guten, die in den Himmel kommen. Und diejenigen, die springen und sich das Leben nehmen, landen als die Bösen geradewegs in der Hölle. „Selbstmörder“ wurden sie genannt und ihnen die Ehre eines kirchlichen Begräbnisses verweigert. Bedeutende Theologen des Zwanzigsten Jahrhunderts haben sich zwar davon distanziert, aber sie haben den Suizid zugleich als „Sünde der Autonomie“ diffamiert. Ich sehe keinerlei moralische Nötigung, den Tod zu empfangen, statt ihn mir zu geben. Wäre ich im Hochhaus eingesperrt, hätte ich gerne die geladene Pistole in der Schreibtischschublade oder die Zyankali-Kapsel in der Tasche.

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Ich rede hier nicht von Psychisch-Kranken, die suizidgefährdet sind. Ich rede von dem ganz gewöhnlichen Suizid, wie er durchschnittlich allein in Deutschland jeden Tag vierunddreißgmal geschieht und ungefähr zehnmal mehr versucht wird. Ich rede von Menschen, die sich das Leben nehmen, weil sie in eine Lebenssituation geraten sind, die sie für so unerträglich halten, dass für sie der Tod die bessere Alternative zum Leben ist. Die Selbsttötung ist auch für viele Kranke die bessere Alternative zu einem für sie (trotz Palliativmedizin) unerträglich reduzierten Leben. Sie möchten ihr eigenes Leben verkürzen, weil sie nicht lebensmüde, sondern lebenssatt geworden sind. Ihnen erscheint die Zukunftsperspektive wie den Menschen in den Stockwerken über dem Feuer im World Trade Center. Sie „springen“ lieber in den Tod, weil sie ihn für besser halten als das Leben, das auf sie wartet.

Der Unterschied zur Extremsituation liegt einzig darin, dass fast die gesamte Umgebung derer, die sich das Leben nehmen wollen, ihre Sichtweise nicht teilt. Das ist einerseits heilsam. So wird das große oder kleine Netz sozialer Beziehungen deutlich, in dem Lebensmüde leben. Ihnen kann klar werden, dass ihre Selbsttötung auch die betrifft, die mit ihnen leben und emotional verbunden sind. Ihre Autonomie, die sie mit Recht für sich beanspruchen, ist natürlich nicht „absolut“, sondern eingebunden in die soziale Verantwortung für die, mit denen sie leben und die ihre Selbsttötung verhindern wollen.

Aber die Tragik ist andererseits, dass Lebensmüde sich auf eine hoffnungsvolle Zukunftsperspektive nicht einlassen können. Die unterschiedlichen Sichtweisen sind Lebensmüden oft nicht zu vermitteln. Das ist die bittere Erfahrung von Menschen, die Lebensmüde begleitet haben. Es bleibt die schmerzvolle Einsicht: Am Ende entscheidet der Mensch selbst über sein Leben. Und das ist auch gut so, ob es mir gefällt oder nicht. Für die, die Lebensmüde seelsorglich begleiten, stellt sich darum die Frage: „Wie bekomme ich Kontakt zur Gefühls- und Lebenswelt des lebensmüden Menschen? Wodurch kann ich mich ihm verständlich machen? Wie finde ich sein Ohr? Sein Herz? Was kann ich dazu beitragen, dass in Lebensmüden wieder Lebenslust erwacht?“ Mit diesen Fragen schlage ich die Bibel auf. Rezepte finde ich da nicht, wohl aber Geschichten. Beides: Wie Menschen sich das Leben nehmen und wie in Lebensmüden neue Lebenslust erwacht.

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In der Bibel wird fünfmal von einer Selbsttötung erzählt: König Saul (1. Samuel 31,4), sein Waffenträger (1. Samuel 31,5), Ahitofel (2. Samuel 17,23), König Simri (1. Könige 16,18f), Judas (Matthäus 27, 5). Keinmal wird sie moralisch bewertet. In allen fünf Fällen ist sie eine Tat von Menschen, die keinen anderen Ausweg aus einer schwierigen Lebenssituation gefunden haben. Das wird bedauert, aber nirgendwo wird die Selbsttötung als verwerflich dargestellt, auch nicht als „Sünde der Autonomie“. Das steht in krassem Gegensatz zur späteren kirchlichen Tradition, die anders als die Bibel die Selbsttötung moralisiert.

Wer Lebensmüden mit dem Gebot kommt „Du sollst nicht töten“, trifft auf seltsam taube Ohren. Auch wenn es verpackt wird in dem Satz: „Du darfst das Geschenk des Lebens nicht zurückweisen!“ Nirgendwo ist das Gebot so wirkungslos wie bei Lebensmüden. Die Botschaft der Bibel lautet auch anders. Sie heißt: „Du darfst leben!“ Wenn diese Botschaft für Lebensmüde zugespitzt wird, heißt sie nicht: „Du darfst dich nicht töten!“, sondern: „Du musst dich nicht töten!“

Damit bekommt das Gespräch mit Lebensmüden einen ganz anderen Charakter. Jetzt kann ich ihnen mein Ohr leihen, ihnen wirklich zuhören, ihnen mein Herz öffnen. Und dann wird sich am Ende heraus stellen, wer wen davon überzeugt, ob die Alternative zur Selbsttötung einer von Kerosin genährten Feuerhölle gleicht oder ob es durch Rauch und Feuer hindurch neue Lebensperspektiven gibt. So bleibt ein seelsorgliches Gespräch ergebnisoffen. Am Ende habe ich die Entscheidung des anderen Menschen über sein eigenes Leben zu respektieren. Die Nötigung der Repräsentanten meiner Kirche, das eigene Leben als Gottes Geschenk nicht zurück zu weisen, macht wie jede Nötigung Seelsorge unmöglich.

Noch erkenntnisreicher sind die biblischen Geschichten von fünf lebensmüden Menschen, die sich nicht das Leben nehmen, sondern in denen die Lebenslust wach bleibt oder wieder erwacht: Paulus (Philipper 1,23), Hiob (3,10-12.20-23; 7,15; 10,18) und die Propheten Elia (1.Könige 19,4), Jeremia (15,10; 20,14-18) und Jona (4,3). Niemand nötigt sie. Dass Lebenslust wach bleibt oder wieder erwacht, dazu bedarf es der Freiheit. Die Lebensgeschichten dieser Menschen erzählen von dieser Freiheit. Sie schließt das Risiko ein, dass die Lebenslust ausbleibt oder gänzlich erlischt. Ohne dieses Risiko ist sie nicht zu haben. Am Ende muss ich die Entscheidung eines anderen Menschen, sich das Leben zu nehmen, akzeptieren, auch wenn es mir unendlich schwer fällt. Mich jeden moralischen Urteils zu enthalten, ist die Voraussetzung dafür, die ethische Frage nach der Hilfe zur Selbsttötung angemessen anzugehen und den Gesetzgeber hilfreich zu beraten. Das habe ich bei der gemeinsamen Reaktion der Repräsentanten beider großen Kirchen auf das Urteil des BVG vermisst.