Brottütenweisheit am Gartenzaun

Am Zaun des Karthäuserwalls flattern in diesen Tagen Brottüten. Brottüten gefüllt mit Bild, Gruß, Text und vielleicht auch einer Prise Weisheit. Für alle die, nicht offline am Kartäuserwall vorbei schlendern können, findet sich hier eine Online-Version.

Fundsachen 2020

 Seit fünf Wochen im Shut down und eine Woche nach Ostern:

Eine Reporterin meint: Nächstenliebe wird ‚in‘, fährt nach Moria und ist beeindruckt, wie stark Kinder unter schlechtesten Lagerbedingungen sein können und müssen.

Ein Schauspieler fragt sich, warum Deutschland immer noch nicht die 1200 unbegleiteten Kinder aufgenommen hat und schämt sich für den goldenen Käfig, in dem er lebt.

Das Stück ‚die Reise der Verlorenen‘ würde eigentlich im Schauspiel Köln die Geschichte der jüdischen Flüchtlinge nach 1933vor Cuba auf einem Schiff, das nicht im Hafen anlegen darf.

Eine Krankenschwester auf der Intensivstation sagt: das blöde an der Maske ist, dass die Patientin mein Lächeln nicht sehen kann.

Ein Lehrer vermutet:  ein Viertel der SchülerInnen wird durch digitales Lernen abgehängt.

Eine Strassenmusikerin auf dem Platz vor der Severinskirche, freut sich, dass ich ‚die Gedanken sind frei‘ in der Schlange vorm Geschäft mitsinge.

Eine Rabbinerin spricht jeden Donnerstag in der Zoomkonferenz mit allen drei jüdischen Gemeinden, die sie betreut, über die Thora, aber zum Gottesdienst braucht sie mindestens 10 anwesende Personen…..

Ein Journalist sagt, wir brauchen eine Politik des Suchens und des Fragens.

Ein Zweitklässler findet in der Notbetreuung der Grundschule einen neuen Freund.

Ein Wissenschaftler liest jeden morgen bei seiner Tasse Kaffee die Ausbreitung des Virus wächst und wächst und wächst….. und baut ein Vogelhäuschen für sein Enkelkind.

Eine Pastoralreferentin aus Vingst Höhenberg telefoniert mit ihrem muslimischen Freund einer Moschee am Ende der Keupstrasse, um über Ostern, Ramadan und die aktuellen Schwierigkeiten Menschen in Würde zu beerdigen.

Ein Journalist aus der Süddeutschen warnt, dass der Virus das Interesse an allem, was nicht mit Corona zu tun hat, neutralisiert und plädiert jetzt erst recht für das Gedenken an den Widerständler Dietrich Bonhoeffer  anstatt sich mit Klopapierwitzen aufzuhalten.

‚An die Nachwelt‘ – Letzte Nachrichten und Zeitzeugnisse von NS Opfern gegen das Vergessen.       Das neue Buch vom Zentrum für politische Schönheit ist in der Post.

Eine Kollegin beunruhigt, ob die Möglichkeiten der inklusiven Teilhabe z.b. von Menschen ohne Netzanschluss in diesen Zeiten voll abbrechen, während die anderen digital abheben?

An manchen Fenstern lese ich von Kindern gemalt ‚bleib zuhause‘, das irritiert die Ohren einer Wohnungslosen.

Die Frau eines inhaftierten Journalisten in der Türkei ist besorgt: Ich hoffe, dass er in Haft jetzt nicht auch noch krank wird. 90.000 Inhaftierte werden auf Grund des Virus aus tür-kischen Gefängnissen entlassen, politische Häftlinge sind davon ausdrücklich ausgenommen.

Die Gedenkfeier 75 Jahre nach der Befreiung von Bergen Belsen wird auf das nächste Jahr verschoben, einige Zeitzeugen kommen in einem digitalen Gottesdienst in Berlin zu Wort.

Eine Imamin fragt sich, ob Ramadan und Fasten brechen überhaupt digital möglich ist.

Heute darf ich das erste mal eine schwerkranke Freundin zwei Wochen nach ihrer großen OP vor der Tür des Krankenhauses sehen. Es geht im Leben nicht nur jetzt sondern immer um Leben und Tod.

Eine junge Wissenschaftlerin sagt: Wir sind in einem fragilen Zustand  – wir wollen die Infektionsketten wieder zurückverfolgen können.

Wo bleiben eigentlich die großen Fußballgefühle aus den Stadien dieser Welt?

Ein Palliativmediziner wünscht sich, dass die die infizierten Kranken gefragt werden, ob sie an  ein Beatmungsgerät angeschlossen werden wollen?

Eine Bischöfin berichtet in Ihrer Osterpredigt, dass auch die Frauen am dritten Tag nach der Kreuzigung  am leeren Grab noch nicht wussten, wie es weitergeht.

Ich erwische mich dabei, dass ich auf dem Nachhauseweg im Dunkeln singe so laut ich kann: ‚Manchmal feiern wir mitten am Tag ein Fest der Auferstehung‘.

                                                                                                          Dorothee Schaper

Und was hören Sie?

Und was erleben Sie?

Und was beschäftigt Sie?

Schicken sie es uns unter schaper@melanchthon-akademie.de

 

 

Auferstehung

Ihr fragt
wie ist die auferstehung der toten?
ich weiß es nicht

ihr fragt
wann ist die auferstehung der toten?
ich weiß es nicht

ihr fragt
gibt’s
eine auferstehung der toten?
ich weiß es nicht

ihr fragt
gibt’s
keine auferstehung der toten?
ich weiß es nicht

ich weiß
nur
wonach ihr nicht fragt:
die auferstehung derer die leben

ich weiß
nur
wozu Er uns ruft:
zur auferstehung heute und jetzt

Kurt Marti

Shut down und Lock out

Ihr fragt
wie ist der shut down am besten zu meistern innerhalb der EU?
ich weiß es nicht

ihr fragt
wann ist der shut down endlich zu ende?
ich weiß es nicht

ihr fragt
gibt’s Corona Bons für alle EU länder nach dem shut down?
ich weiß es nicht

ihr fragt
gibt’s
wieder offene grenzen innerhalb der EU für uns nach dem shut down?  ich weiß es nicht

ich weiß
nur
wonach ihr nicht fragt:
die Würde der Menschen in den Lagern ohne Wasser und Abstand an den europäischen Aussengrenzen.

ich weiß
nur
wozu Er uns ruft:
zur auferstehung heute und jetzt

          d.schaper nach k.marti 2020